Unternehmensfinanzierung 29.07.2005, 18:39 Uhr

Heuschrecken: Verfluchter Segen  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 29. 7. 05 – Finanzinvestoren haben in Deutschland ein mieses Image. Sie gelten als skrupellose Jobkiller, die nur die eigene Rendite im Kopf haben. Gefährdet der Vormarsch von Private Equity (PE) den Standort Deutschland?

Heuschrecke hat gute Aussichten Wort des Jahres zu werden. SPD-Chef Franz Müntefering verhalf dem gefräßigen Insekt vor Monaten zu unerwarteter Aufmerksamkeit. „Manche Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten. Sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter“, wetterte der Sozialdemokrat.

Mit seiner Attacke sprach Müntefering Millionen aus der Seele. Rund zwei Drittel aller Deutschen bekennen seitdem in Umfragen, dass sie vom Kapitalismus wenig – und von Finanzinvestoren gar nichts halten. Der Branchenverband BVK zeigt sich irritiert. „Unser Geschäft wirft noch einige Fragen auf. Wir müssen gegenüber der Öffentlichkeit noch besser erklären, was wir tun“, hat der Verbandsvorsitzende Thomas W. Pütter erkannt, hauptberuflich Chef der Münchner Allianz Capital Partners.

Keine Frage, Private Equity fremdelt hierzulande. Beteiligungsfinanzierer (siehe Kasten) lösen bei vielen beinahe instinktive Abwehr aus. Kritiker, wie der St. Galler Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann bezweifeln, dass Private Equity „gesellschaftsdienlich“ ist. Das finanzielle Engagement ziele nicht auf die langfristige Entwicklung eines Unternehmens. Es erhebe die „Skrupellosigkeit“ zum Prinzip.

Bei Thielemann (und vielen, die wie er denken oder fühlen) wirkt das Leitbild des „ehrbaren Kaufmanns“ nach, das seit Jahrhunderten das Unternehmerbild der Deutschen bestimmt. „Schnelles-Geld-machen“ – das erklärte Selbstverständnis von Beteiligungsfinanzierern – ist hierzulande verpönt. Wer auf öffentliche Anerkennung Wert legt, sollte seine unternehmerische Cleverness mit biederen Tugenden tarnen: Kontinuität und Bescheidenheit gehören unverzichtbar dazu.

In einem solchen Wirtschaftsklima lösen Renditeziele von 20 % Kopfschütteln aus – in der falschen Annahme, dass hohe Gewinne zwangsläufig auf Kosten der Beschäftigten gehen. Für Irritation sorgt auch die Befristung des finanziellen Engagements: Etwas zu kaufen, um es nach drei, vier Jahren teurer weiterzuveräußern, klingt für Wirtschaftslaien windig.

Nach einer Forsa-Umfrage sehen es 98 % aller Deutschen als Hauptaufgabe von Unternehmen an, Arbeitsplätze zu sichern. Eine weltfremde Vorstellung. Um es mit Müntefering zu sagen: Machen wir uns ehrlich. Wer eine Firma gründet, will sich und den Seinen Gutes tun – nicht der Gesellschaft. Arbeitsplätze für Dritte sind willkommener Nebeneffekt, sind Ergebnis, nicht Ziel unternehmerischer Tätigkeit. Eine Binsenweisheit – aber nicht in Deutschland. Dass ohne Gewinn eine Firma nicht überleben kann, wird allenfalls zähneknirschend akzeptiert. Wer aber etwas unternimmt, nur um reich zu werden, gilt als moralisch defekt. Wer wie angelsächsische Investoren unverblümt Rendite fordert, muss um seinen Ruf fürchten. Jobs soll er schaffen, der Unternehmer. Sonst nichts.

Dabei agiert der gemeine Deutsche in eigener Sache kaum anders als ein renditefixierter Finanzinvestor: Er maximiert den eigenen Nutzen. Immer mehr Bürger wechseln alle paar Monate zur jeweils billigsten Krankenkasse und telefonieren Call-by-Call zu den günstigsten Tarifen. Dass man sich beim Kauf des neuen Plasmafernsehers ausführlich im Fachhandel beraten lässt und dann beim günstigsten Internetanbieter bestellt, versteht sich von selbst. Rücksicht auf Arbeitsplätze, Standorte, Umwelt? Fehlanzeige!

Anders als die bösen „Heuschrecken“ kann sich der Verbraucher dabei noch geadelt fühlen – erweist er sich mit seiner Schnäppchenjagd etwa nicht als souverän? Als mündig, wohlinformiert, preisbewusst? Man kann diese Haltung moralische Schizophrenie nennen. Oder schlicht Heuchelei.

In der öffentlichen Debatte führen die Kritiker vor allem vermeintlich abschreckende Beispiele ins Feld. Gern genommen wird die Geschichte des Armaturenherstellers Grohe Water Technology, der nach Übernahme durch die Texas Pacific Group die meisten Arbeitsplätze ins billigere Ausland verlagern wollte. Von diesen (fragwürdigen) Maßnahmen ist inzwischen nicht viel übrig geblieben – dank heftiger Proteste von Betriebsrat, Gewerkschaften und vielen Medien.

Wahr ist: Vor allem angelsächsischen Fonds mangelt es bisweilen an sozialer Sensibilität und Augenmaß. Es fällt ihnen schwer, die Beschäftigten ihrer Portfoliofirmen für notwendige Veränderungen zu gewinnen.

Wahr ist auch, dass bei Übernahme von Industrieunternehmen nicht selten Arbeitsplätze in Deutschland verloren gehen – zumindest kurzfristig. Hintergrund: Die meisten Mittelständler fertigen noch immer überwiegend in Deutschland, obwohl sich ihre Märkte größtenteils ins Ausland verlagert haben. Die Internationalisierung der Fertigungsbasis gehört deshalb zu den bevorzugten (weil Kosten senkenden) Geschäftsstrategien von Private-EquityFonds. Das „Restrukturierungspotenzial“ ist enorm. Anders als viele Familienunternehmer haben „Heuschrecken“ keine Hemmungen, es zu nutzen.

Wie „gesellschaftsdienlich“ ist Private Equity also? Hilft es, das Land wirtschaftlich voranzubringen? Kann es den Arbeitsmarkt beleben? Studien sprechen eine eindeutige Sprache:

– PE-finanzierte Firmen wachsen deutlich schneller als vergleichbare Unternehmen ohne Beteiligungskapital.

– Beim Personal wird nicht geknausert. Im Durchschnitt schaffen die Finanzinvestoren zusätzliche Arbeitsplätze – sogar deutlich mehr als der Branchendurchschnitt. (Bisherige Studien lassen allerdings offen, in welchen Branchen und in welchen Ländern die neuen Jobs entstehen.)

– Firmen, die Private Equity an Bord haben, erwirtschaften signifikant höhere Renditen.

Gerade für eine exportlastige Volkswirtschaft wie Deutschland, deren Wohlstand von technologischem Vorsprung abhängt, ist Beteiligungskapital überlebensnotwendig. Bei Innovationen aber – das zeigen sowohl die Daten zur technologischen Leistungsfähigkeit als auch der eklatante Mangel an erfolgreichen jungen Hightech-Firmen – lebt die Bundesrepublik seit Jahren von der Substanz.

Das hat viele Gründe. Ein gewichtiger liegt darin, dass deutsche Unternehmen ihre Zukunft bislang primär auf Bankkrediten bauen (müssen).

Der ehemalige Wirtschaftsweise Horst Siebert, der heute an der Universität Bologna lehrt, sieht dies als Wettbewerbsnachteil an. Die Geschäftsbanken scheuten vor der Finanzierung größerer Risiken zurück. „Sprünge hin zu einer vollständig anderen, neuen Technologie seien in diesem Paradigma offensichtlich nicht vorgesehen“, schreibt der Wissenschaftler in seinem Buch „Jenseits des sozialen Marktes“.

Nach einer neuen Studie der Beratungsgesellschaft Ernst & Young könnte die deutsche Wirtschaft jährlich um mehr als 0,5 % zusätzlich wachsen, wenn alle Unternehmen Private Equity und andere innovative Finanzinstrumente nutzen würden. Auch wenn bei dieser Hochrechnung Vorsicht angebracht ist – sie zeigt die Chancen auf, die Beteiligungskapital bietet. PETER SCHWARZ

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