Start-up 16.09.2011, 12:07 Uhr

Gutmenschen 2.0 unter der Lupe

Vor einem Jahrzehnt platzte die Dot.com-Blase. Seitdem hängt Internetgründern der Ruf an, mit mehr oder minder windigen Geschäftsmodellen auf den schnellen Euro zu schielen. Doch gerade im Web gibt es eine lebendige Gründerszene, die soziale Verantwortung über Profite stellt. Teilweise treibt das Gutmenschentum 2.0 dabei allerdings auch seltsame Blüten.

Puma tut es, der Musiksender MTV und ein Bremer Luxushotel. Sie geben als Sponsoren Geld für das Pfadfindertum à la Web 2.0. Genauer gesagt: sie sponsoren gute Taten, zu denen das vierköpfige Berliner Gründerteam Doonited seine „Fans“ tagtäglich auf seiner Webseite doonited.com aus aufruft.

Das Start-up nutzt die kurzen Wege des Internets, um eine neuartige Verbindung zwischen „social networking“ und „social responsibility“ zu schaffen. Die Webgemeinde tut Gutes – etwa indem Jeder einem Obdachlosen einen Apfel schenkt, alten Menschen den Einkauf nach Hause trägt, im Park nebenan aufräumt oder auch nur seinen Kollegen eine guten Tag wünscht – und die Sponsoren entrichten für jede dieser Taten einen kleinen Beitrag. So können sie sich im Licht der guten Tat sonnen. Und ihr Geld verstärkt den Kreislauf des Guten. Denn es macht größere Aktionen wie „One warm winter“ möglich, durch die im letzten Winter 250 Berliner Obdachlose eine warme Jacken erhielten und die im Herbst in weiteren Städten starten soll.

Doonited will „social networking“ und „social responsibility“ miteinander verbinden

Doonited verkauft sein „DailyGood-Sponsoring“ als „innovatives Marketinginstrument, das starke Aufmerksamkeit bei einer interessanten Zielgruppe in einem extrem positiven Kontext bietet“. Ihrer Gemeinde gegenüber geben sich die Gründer überzeugt, dass es mit vielen kleinen guten Taten gelingen kann, „die Welt jeden Tag etwas besser zu machen“. Zynische Vermarktung von Nächstenliebe? Oder ein geschicktes Instrument, um Geld zu beschaffen, das soziale Dienste nun einmal kosten?

Diese Frage stellt sich bei den Halbzeitvegetariern nicht. Unter deren Webadresse www.halbzeitvegetarier.de geht es nicht darum, Geld zu beschaffen. Vielmehr wollen die Initiatoren ihren Beitrag dazu leisten, der ressourcenintensiven Massentierhaltung Einhalt zu gebieten.

Die Parallele zu den Gutmenschen von Doonited ist der Pragmatismus. Weil nicht jeder dem Verzehr von Fleisch völlig entsagen möchte, können sich auf der Webseite Paare bilden, die jeweils auf die Hälfte ihres Fleischkonsums verzichten. Zwei halbe sind ein ganzer Vegetarier.

Der Initiatorin Katharina Rimpler geht es dabei um die Auseinandersetzung mit gesunder, nachhaltiger Ernährung. Unterstützt wird ihr Projekt vom EU-Programm „Jugend in Aktion“ und dem Vegetarierbund Deutschland.

Die Halbzeitvegetarier: Fleischverzehr via Internet reduzieren

Doonited und Halbzeitvegetarier sind typische soziale Gründungen im Web 2.0. Beide bewegen sich auf der Schwelle zwischen Projekt und Unternehmen. Weil hier vor allem die Idee zählt und der Aufwand zu Realisierung vergleichsweise gering ist, können die Gründer Testballons starten. Die Macher hinter Doonited betreiben jeweils noch weitere Projekte und Unternehmen im Internet- und Marketingbereich, Rimpler ist offline Studentin der Kulturwissenschaften.

Um Ressourcenschutz geht es auch bei einem anderen Gründungstrend im Web. Abseits von ebay etablieren sich immer mehr Tausch- und Second-Hand-Börsen für Nutzer mit speziellen Interessen – seien es Bücherwürmer, Autogrammjäger, oder auch Eltern, die Kinderkleider tauschen wollen.

Sie können beim Münchener Start-up www.tauschteddy.de gut erhaltene Kleidungsstücke, aus denen ihr Kind heraus gewachsen ist, gegen ebensolche Kleidung in der aktuellen Größe ihrer Kleinen tauschen. Dafür packen sie jeweils fünf bis zehn gut erhaltene Kleidungsstücke, aus denen ihr Kind heraus gewachsen ist, in ein Paket und stellen Fotos des Inhalts auf die Webseite. Dort können sie passende Pakete anderer Nutzer suchen und sich diese für 2,95 € plus 4,90 € Versand schicken lassen. Der Versand des eigenen Pakets ist kostenlos. Die Idee scheint anzukommen. Obwohl erst seit Mai online, stehen aktuell bereits 200 Pakete zur Auswahl.

Wer aber den Kauf von Neuwaren vorzieht, kann auch dabei Gutes tun. Denn die Gründer des Würzburger Start-ups www.heroshopping.org sorgen dafür, dass Inhaber von Onlineshops einen Teil des Kaufpreises als Spende an die Initiative skate-aid oder die Welthungerhilfe abführen. Unter dem Slogan „So shoppen Helden“ versuchen die Gründer nun, möglichst viele Kunden über ihre Webseite zu den 100 angeschlossenen Shops zu schleusen.

Heroshopping: Ein Teil des Kaufpreises geht an die Initiative skate-aid oder die Welthungerhilfe

Für die Käufer ist beim Kauf ersichtlich, wie viel Prozent des Warenwerts die Shops spenden. Die Kunden zahlen dabei keinen Cent extra. Denn die Shopbetreiber zweigen die Spende von ihrem Erlös ab, als Gegenleistung dafür, dass ihnen die Heroshopper Kunden in die Shops leiten.

Mit diesem „Affiliate-Marketing“ sind die Würzburger nicht allein. Auch bei der schon im Januar vergangenen Jahres gegründeten www.shopprops.de lösen Kunden allein durch das Drücken des Kaufen-Buttons Spenden aus. Die Shop-Auswahl lässt dabei keine Wünsche offen. Ganz gleich, ob beim Windelkauf in der Onlinedrogerie, beim Kauf von Outdoor- und Sportartikel, im Baumarkt oder beim Blumenversand per Fleurop – zwischen 2 % und 10 % des Kaufpreises gehen an karitative Projekte. Dabei haben Nutzer die Wahl zwischen Entwicklungshelfern wie Medico internatial, Misereor oder Kinder- und Jugendnotdiensten und Behindertenhilfen im In- und Ausland. 

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