Gründer 07.06.2002, 18:20 Uhr

Gründerhilfe mit grauem Haar

Pensionierte Ingenieure, Banker und Rechtsanwälte nehmen Know-how mit in den Ruhestand, das vielen Gründern fehlt. Was liegt also näher, als die beiden Parteien zu verbinden? Zwei Organisationen vermitteln.

Andreas Wienkamp plagen „Wachstumsschmerzen“. „Wir haben zu zweit angefangen – da hatten wir uns noch keine Gedanken über Hierarchien und Führungsinstrumente gemacht. Jetzt laufen wir auf 30 zu, und das Ganze wird langsam unüberschaubar“, so der 38-jährige Physiker, Gründer der Vitro Laser GmbH. Das 1998 gegründete Unternehmen stellt Maschinen her, die mit Laserstrahl Bilder in Glas eingravieren.
Helfen soll Hermann Müller. Der 63-jährige Bankkaufmann gehört zur Mannschaft des Senioren-Experten-Service, Bonn. Seit 1983 vermittelt die gemeinnützige Organisation aus dem Berufsleben ausgeschiedene Spezialisten an ratsuchende Firmen. Über 5400 Ingenieure, Ärzte, Chemiker, Manager, Handwerker oder Rechtsanwälte hat der SES in seiner Datenbank. Laut einer hauseigenen Umfrage von 1999 sind mehr als 90 % der Auftraggeber mit ihrer Arbeit zufrieden.
Andreas Wienkamp hat sich mit Hermann Müller schon den zweiten Senioren ins Haus geholt. Der SES verlangt nur die Spesen für den Fachmann plus eine Abwicklungspauschale von 1500 @ für 13 Einsatztage, auf mehrere Monate verteilt. Der erste Experte kümmerte sich um die Einführung von Artikelnummern und die Kosten der Fertigung. Und da dies gut lief, füllte Wienkamp nochmal den Fragenbogen des SES aus. „Nach zwei, drei Wochen kam der Vorschlag – gleich ein Volltreffer.“
Hermann Müller hat sein Leben lang in verschiedenen Banken gearbeitet, war zuletzt als Vorstandsmitglied der Volksbank für Planung, Controlling und Personal verantwortlich. Mit 60 schickte ihn eine Fusion in den Ruhestand. Zunächst hatte er nur den Ehrgeiz, sein Handicap beim Golfen zu verbessern. Doch nach nur einem Jahr suchte er neue Herausforderungen. Zu diesem Zeitpunkt fiel ihm ein Zeitungsartikel über den SES in die Hände. Er ließ sich umgehend registrieren. Drei Monate danach hat ihn der Computer ausgesucht und zur Firma Vitro geschickt. „Wenn man älter wird und nicht so gefragt ist, ist es wichtig, dass man immer etwas Neues tut.“
Was macht er bei Vitro? „Hilfe zur Selbsthilfe“ zitiert er das Motto von SES. Erläutern, wie man Mitarbeiter motiviert, wie man den langfristigen Unternehmensplan in kleine Schritte zerlegt, um Fortschritte und Abweichungen festzustellen. Wie man einen Vertrag von der ersten bis zur letzten Zeile liest. Wie man um Kredite mit der Bank verhandelt. All das, was Existenzgründer, zumal Naturwissenschaftler, die bis über beide Ohren im Tagesgeschäft stecken, gerne übersehen.
Mehrere Mind-Map-Blätter zeugen von den bisherigen sechs Sitzungen. Wienkamp: „Vieles entsteht in der Diskussion. Es ist ja nicht so, dass ich alles aufschreibe und runterschlucke, aber unterm Strich bleiben unglaublich viele Anregungen und auch sehr konkrete Dinge, die sich umsetzen lassen“.
Der Senior-Experte ist mehr für das Grundsätzliche zuständig. Details tritt er an die jeweiligen Profis ab: Rechtsanwälte, Notare oder Steuerberater. Beispiel Kredite: Müller erläutert, wie eine saubere Finanzierung auszusehen hat. Aber über die neuesten Finanzprodukte und Förderprogramme muss er nicht mehr im Bilde sein. „Das überlasse ich denen, die sich jeden Morgen einschlägige Rundschreiben reinziehen müssen“, schmunzelt er. Drei oder vier Jahre noch, schätzt der Banker, dann sei sein Fachwissen veraltet. „Man kann nicht alles haben“, entgegnet Wienkamp, „im Alter hat man Erfahrung, aber das Wissen ist vielleicht nicht ganz so aktuell“. Dennoch seien etwa die Prinzipien der Buchführung dieselben wie vor 40 Jahren. Schizophren sei es, Leute mit 50 bis 60 Jahren in den Ruhestand zu befördern, deren Know-how dann fehlt. Bei Vitro hat er allerdings keinen 50-jährigen eingestellt. Das Durchschnittsalter im Unternehmen beträgt nicht mal 30 Jahre.
Der Verein „Alt hilft Jung“ der Bundesarbeitsgemeinschaft der Wirtschaftssenioren funktioniert nach denselben Prinzipien wie der SES. Nur sind hier die Einsätze kürzer: ein paar Stunden oder Tage, es sei denn, der Berater entwickelt väterliche bzw. mütterliche Gefühle für den Jüngeren und begleitet ihn über eine längere Zeit. Ehrenamtlich ist diese Tätigkeit ebenfalls, die Abwicklungspauschale ist niedriger. Der Verband mit 15 regionalen Organisationen existiert seit 1986 und hatte etwa 34 000 Einsätze, nach der Wende besonders in den neuen Bundesländern.
Auf dem Schreibtisch von Klaus Stoll, dem zweiten Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft, türmen sich Anfragen: Ein selbständiger Heizungsingenieur bittet um Auskunft über Fördermittel, vier Architekten aus München wollen wissen, wie sie ihren Büros einen gemeinsamen Vertriebshut aufsetzen. Gefragt sind vor allem Leute mit betriebswirtschaftlichen Kenntnissen. Selbst für Anfragen aus der New Economy ist „Alt hilft Jung“ gerüstet: Unter den 600 Wirtschaftssenioren und -seniorinnen finden sich ehemalige IBM- oder Siemens-Mitarbeiter.
M. JORDANOVA-DUDA/sta

Von M. Jordanova-Duda/Stefan Asche

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