Gründer 11.04.2008, 19:34 Uhr

Gründer-Duo sucht neue Wirkstoffe im Wasser  

Im Vergleich zu Landbewohnern hatte die Evolution bei ihnen 2,7 Mrd. Jahre mehr Zeit, spezielle Funktionen herauszubilden. Die Organismen sind an extremere Lebensbedingungen angepasst und ihre Substanzen sind oft wirksamer. Ein Start-up kultiviert deshalb u.a. Algen und Cyanobakterien für die industrielle Wirkstoffsuche.

Gudrun Mernitz und Beate Cuypers hüten einen Schatz. Er besteht aus unscheinbaren Lebewesen, die sich im Meereswasser tummeln und allenfalls unter dem Mikroskop zu sehen sind. Die beiden Biologinnen haben eine Stammsammlung von mehreren hundert Pilzen, Cyanobakterien und Algen aufgebaut. Einige der Organismen kommen aus fernen Meeren. Kommerziell interessanter sind aber die aus deutschen Küstengewässern: „Sie unterliegen keinen Einschränkungen nach der Biodiversitätskonvention von Rio“, erklärt Mernitz.

Um ihren Schatz zu vermarkten, gründete das Greifswalder Duo im Januar 2007 die RessourcenZentrum Marine Organismen GmbH (RZMO), ein Spin-off aus dem Institut für Pharmazie der Universität Greifswald. Die beiden besitzen exklusive Verwertungsrechte auf die gesammelten Mikroorganismen und bieten sie Pharma-, Kosmetik- und Lebensmittelherstellern für die Suche nach neuartigen Wirkstoffen an.

Die „Blaue Biotechnologie“ hat bisher wenig Marktfähiges hervorgebracht, denn die Gewinnung des marinen Rohstoffs gilt als kompliziert und teuer. Das liege daran, dass die Suche sich auf Makroorganismen wie Korallen, Schwämme und größere Algen konzentriert habe, meint Mernitz. Um Wirkstoffe daraus zu isolieren, seien gewaltige Mengen Rohmaterial notwendig: Man müsse Aquakulturen anlegen oder sie in der freien Natur abernten. Das sei nur schwer möglich und das Material sei wie bei allen Naturprodukten Qualitätsschwankungen unterworfen. Der wesentliche Vorteil von Mikroorganismen sei dagegen: Sie lassen sich im Labor unter streng definierten Bedingungen kultivieren.

„Wir geben unsere Stämme nicht aus der Hand“, betont die Biologin. Für die industriellen Kunden bereitet RZMO Extrakte zu. Wenn gewünscht, auch in großen Mengen. In einem solchen Extrakt ist in der Regel ein ganzes Bouquet von Inhaltsstoffen vorhanden. „Die großen Pharmahersteller prüfen die Gemische in Screening-Verfahren, um herauszufinden, was in ihren Riesendatenbanken noch nicht vorkommt“, so Mernitz. Oder sie kaufen die Extrakte, um sie direkt auf antibakterielle oder antivirale Wirkungen zu testen. Die Versuche der Industrie, vielversprechende Moleküle selbst am PC beziehungsweise im Reagenzglas zusammenzubasteln, hätten zu selten den erhofften Erfolg gebracht. „Deshalb erleben die Naturstoffe – unter anderem die marinen, die bisher sehr wenig untersucht sind – eine starke Renaissance.“

Nur etwa zehn Firmen weltweit liefern nach Angaben von Mernitz die innovativen Inhaltsstoffe. Rund um das biologische Forschungsmaterial bietet RZMO verschiedene Dienstleistungen wie Kultivierung, Kulturoptimierung und die Isolierung einzelner aktiver Substanzen an. Diesen Service nutzten auch Kunden, die eigentlich im Umgang mit Mikroorganismen erfahren sind. „Meereslebewesen bedürfen eben einer besonderen Pflege“, so Mernitz.

Beide Gründerinnen forschten vor dem Start in die Selbstständigkeit mehrere Jahre an der Uni, oft gemeinsam mit der Industrie. „Bei solchen Drittmittel-Projekten war es immer kompliziert, abzuklären, wem die Rechte auf Neuentwicklungen gehören, wer Patente anmelden darf und wer die Gewinne einstreicht“, so Mernitz. Wesentlich einfacher müsse es doch sein, das Ganze als eigenständiges Unternehmen zu vermarkten, dachten sich die Gründerinnen. „Die Uni hat uns bei diesem Vorhaben unterstützt“, so Mernitz.

Cuypers und Mernitz haben keine Kunden aus universitären Zeiten mitgenommen. Diesen Stamm mussten sie sich erst aufbauen. Durch Internetrecherchen fanden sie heraus, welche Unternehmen sich mit Naturstoffforschung und vielleicht sogar schon mit marinen Organismen beschäftigen. Deren Vertreter sprachen sie gezielt auf internationalen Kongressen an. Nützlich sei auch die Teilnahme an diversen Businessplan-Wettbewerben gewesen. Beim letztjährigen bundesweiten „Science4Life Venture Cup“ ist das Greifswalder Spin-off unter die ersten zehn gekommen. Das hat Aufmerksamkeit gebracht – und eine Kooperation mit dem Pharma-Riesen Sanofi Aventis, der den Wettbewerb sponsorte. Weitere Kooperationen bahnen sich mit Kosmetik- und Lebensmittelherstellern an. Die Pilze und Algen sollen demnächst Omega-3-Fettsäuren für Nahrungsergänzungsmittel und UV-Schutz in Anti-Aging-Produkten liefern.

Beim Landeswettbewerb „Einfach anfangen“ und dem Darboven-Ideen-Förderpreis gewann RZMO den 1. bzw. den 2. Platz. Das Preisgeld steckten Mernitz und Cuypers in die Gründung ihrer GmbH. Die eigene Existenz wurde während des ersten Jahres durch das „Exist“-Förderprogramm für Uni-Ausgründungen und durch Zuschüsse der Agentur für Arbeit gesichert. Die Hochschule lieh ihnen die meisten Laborgeräte, sodass die Jungunternehmerinnen nur wenige tausend Euro in neue Geräte und Miete investieren mussten. „Dadurch schreiben wir keine roten Zahlen“, sagt Mernitz, auch wenn der Umsatz noch nicht groß sei.

Nun wollen sich die Greifswalderinnen ein zweites Standbein aufbauen. So interessant es auch sei, die Inhaltsstoffe an die Industrie zu verkaufen: Es reizt sie, sich selbst auf zwei oder drei medizinischen Gebieten an die Wirkstoffentwicklung zu machen. Sie denken an Mittel gegen bestimmte Krebsarten oder gegen multiresistente Bakterien, bei denen herkömmliche Antibiotika nichts mehr ausrichten können. Auch in der Immunologie sei der Einsatz der Meeresorganismen lohnend. Doch die Wirkstoffentwicklung ist eine sehr aufwändige Sache, die nur in Verbund mit anderen Biotech-Firmen zu bewältigen wäre. Und natürlich viel Personal sowie ein Finanzpolster in Millionenhöhe erfordert. Ein Business Angel habe schon so gut wie grünes Licht gegeben, freut sich Mernitz. Mit ihm zusammen wollen die Wissenschaftlerinnen weitere Investoren, eventuell auch institutionelle Wagniskapitalgeber, überzeugen.

Von M. Jordanova-Duda

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