Gründer 17.05.2002, 17:34 Uhr

Glückliches Freiwild

Viele Ingenieure, Planer und Architekten leben als kleine Selbstständige besser als in Angestelltenposition. Mit legalen und illegalen Tricks wahren sie den bevorzugten Status.

Christian Graul* ist gerne scheinselbständig. Seit zwei Jahren arbeitet er fast ausschließlich als Planer in einem kleinen Berliner Ingenieurbüro. Er beschäftig keine eigenen Mitarbeiter, und ist auch sonst von außen kaum von einem anderen Angestellten zu unterscheiden. Graul nennt sich „Fester Freier“, doch im Sinne des novellierten „Gesetzes zur Förderung von Selbständigkeit“, fällt er unter die Scheinselbständigen (siehe Kasten). Folge: Das junge Unternehmen, für das er arbeitet, müsste ihn eigentlich einstellen.
„Daran habe ich aber kein Interesse“, sagt Graul, 32 Jahre. Zusammen mit seinem Chef sitzen wir in einem der Besprechungszimmer des Büros. „Ich verdiene mehr, ich lerne neue Inhalte und Leute kennen und kann immer noch Projekte für Dritte anbieten.“ Seine Rechnung ist einfach: Als Selbständiger setzt Graul rund 3200 € netto im Monat um. Vom Computer bis zum Auto kann er einiges absetzen, so dass er auf einen Steuersatz von rund 20 % kommt.
„Als Angestelltem würden wir ihm 2750 € bezahlen, dann bekommt er 1650 € raus“, sagt der Leiter des Ingenieurbüros, Peter Eggert*. Eigentlich könnte er Graul einstellen: Er braucht den qualifizierten und eingearbeiteten Mann. Aber Eggert kennt auch die Vorteile für sein Büro, wenn Graul Freiwild bleibt. Mit Arbeitgeberanteil an den Sozialabgaben würden die Ausgaben auf 3500 € ansteigen. Außerdem müsste er ihn auch in Krisenzeiten beschäftigen. „Für uns ist es eine Win-Win-Situation“, sind Eggert und Graul überzeugt.
Um sich diese Situation zu erhalten, nehmen Unternehmer und ihre Festen Freien manche halblegale Konstruktion in Kauf. „Wir hören von Fällen, in denen Kleinunternehmer oder Gründer mit nur einem Kunden ihre Lebenspartner einstellen, um dem Vorwurf der Scheinselbständigkeit zu entgehen“ sagt Arno Metzler, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Freie Berufe in Berlin. Andere einschlägige Tricks: Zwei miteinander bekannte Unternehmer mit Hang zur Scheinselbständigkeit stellen ihre Lebenspartner über Kreuz ein und entgehen so dem Vorwurf, keine Angestellten zu haben. Solange die Gatten und Ehefrauen tatsächlich eine Leistung erbringen, ist das auch legal.
Viele Selbständige oder Gründer kennen ein anderes Problem: „Im ersten und zweiten Jahr ihrer Tätigkeit“, so Metzler, „haben sie nur einen Kunden.“ Um dem Vorwurf der Abhängigkeit zu entgehen, stellen zum Beispiel drei Selbständige sich reihum Rechnungen aus, die mehr als 1/6 ihrer Jahresumsätze ausmachen. Bei drei oder mehr Beteiligten kann das Finanzamt diese Scheingeschäfte in der Regel nicht nachvollziehen bei einer Einnahme-/Überschuss-Rechnung sind sie außerdem nicht steuerwirksam, da sich Ausgaben und Einnahmen ausgleichen. Allerdings ist diese Praxis illegal: Denn der Rechnung steht keine Leistung gegenüber. Genauso illegal ist es, wenn Auftraggeber, die ihre Festen Freien behalten wollen, ihnen Scheinaufträge bei anderen Auftraggebern beschaffen.
Die Risiken für Auftraggeber und Auftragnehmer sind erheblich: Sollte Graul eines Tages seiner Freiheit überdrüssig sein, könnte er seinen Auftraggeber mit guten Chancen auf Einstellung verklagen. „In kleinen Firmen kommt das allerdings kaum vor da kennt man sich zu gut“, sagt Metzler.
Größer scheint die Gefahr, dass die Scheinselbständigkeit bei einer externen Prüfung durch Finanzämter, Krankenkassen, Berufsgenossenschaften oder die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) festgestellt wird. „Man kann sich nicht der Pflicht entziehen, in die Solidarkassen einzuzahlen“, sagt Karin Klopsch gereizt. Sie ist Sprecherin der BfA in Berlin und macht keinen Unterschied zwischen hoch qualifizierten Freiberuflern und geringer qualifizierten Angestellten, etwa LKW-Fahrern. Hier verhindert das Gesetz tatsächlich, dass Speditionen ihr unternehmerisches Risiko dadurch abfedern, dass sie ihre Mitarbeiter zu Subunternehmern machen.
Um vor bösen Überraschungen durch die BfA sicher zu sein, unterziehen sich viele Firmen einem freiwilligen Statustest: „28 000 Firmen lassen bei uns jährlich ihre Arbeitsverhältnisse überprüfen“, so Klopsch. Denn wenn die BfA die Scheinselbständigkeit auch rückwirkend feststellt, kommen Nachzahlungen von rund 40 % der ausgezahlten Honorare auf die kleinen Firmen und Gründer zu. Das kann ein junges Unternehmen mit dünner Kapitaldecke in den Ruin treiben. Eine Erklärung des Auftragnehmers, dass er noch weitere Auftraggeber hat, reicht nicht, um den Arbeitgeber aus seiner Pflicht zu entlassen. Er muss ständig prüfen, ob die Angaben seines Auftragnehmers plausibel sind. MARCUS FRANKEN

* Name von der Redaktion geändert

Scheinselbständigkeit
Und betroffen ist…
Wenn drei der folgenden Punkte erfüllt sind, gelten Feste Freie für die BfA (Bundesversicherungsanstalt für Angestellte) als scheinselbständig.
1. Der Auftraggeber beschäftigt keine versicherungspflichtigen Arbeitnehmer, die mehr als 325 € verdienen.
2. Der Auftragnehmer bezieht mindestens 5/6 seiner gesamten Einkünfte aus der Tätigkeit für einen einzigen Auftraggeber.
3. Die Tätigkeiten des Auftragnehmers werden im selben oder bei vergleichbaren Betrieben in der Regel von nicht selbständigen Arbeitnehmern verrichtet.
4. Die Tätigkeit des Auftragnehmers weist keine typischen Merkmale unternehmerischen Handelns, wie etwa unternehmerisches Risiko, auf.
5. Die Tätigkeit des Auftragnehmers entspricht seiner früheren Beschäftigung als Arbeitnehmer in dem selben Unternehmen. mf

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  • Marcus Franken

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