Start-up 01.06.2012, 11:00 Uhr

Gebärmutterhals-Krebs: Oncgnostics entwickelt neues Diagnose-Verfahren

Das Zervixkarzinom tritt häufig auf: 2010 erkrankten rund 530 000 Frauen weltweit daran, etwa 275 000 starben. Dabei ist es bei frühzeitiger Erkennung gut heilbar. Gründer aus Jena haben nun eine treffsichere Diagnostik entwickelt. Künftig wollen die Thüringer auch andere Krebsarten ins Visier nehmen.

„Sie hören von uns, wenn was ist“, verabschiedet sich der Frauenarzt nach dem Krebsvorsorgetermin. Meldet er sich in den nächsten zwei Wochen nicht, seufzt Frau erleichtert: Es ist noch mal gut gegangen.

Nur: Der gebräuchliche Pap-Test, mit dem man nach veränderten Zellen im Gebärmutterhals sucht, ist alles andere als genau. Die Ergebnisse hängen sehr von der Erfahrung des jeweiligen Zytologen ab. „Die Hälfte der Krebsvorstufen wird nicht erkannt“, monieren Forscher aus Jena.

Gleichzeitig werde aber auch häufig falscher Alarm ausgelöst: Nur einer von fünf positiven Befunden entspräche tatsächlich einer Krebsvorstufe. Die Wissenschaftler rund um Matthias Dürst, Leiter des Forschungslabors der Uni-Frauenklinik, wollen es besser machen – mit einem molekulardiagnostischen Test in Eigenentwicklung. Zu dessen Vermarktung haben sie im Februar die Oncgnostics GmbH ausgegründet.

„Wir haben Marker entdeckt, die zwischen Gewebe von Zervixkarzinom-Patientinnen und unauffälligen Abstrichen unterscheiden“, sagt der Biologe Alfred Hansel, Mitgründer und Geschäftsführer des Jenaer Spin-offs. Aus dem Material, das Gynäkologen routinemäßig entnehmen, wird die DNA isoliert und chemisch behandelt. Zum Nachweis krankheitsspezifischer Muster wird die Methylierung, d. h. die Kopplung von Methyl-Gruppen an bestimmte Teile der Erbgut-Information, genutzt. „Die Methylierung verändert sich, wenn gesunde Zellen sich zu Krebszellen umwandeln“, so Hansel. Beim Vergleich zahlreicher Gewebeproben wurde festgestellt, welche der vielen Unterschiede zuverlässige Indikatoren sind. Bei einer Studie mit Patientinnen der Uni-Frauenklinik habe das Forscherteam alle Karzinome gefunden sowie einen bestimmten Prozentsatz der unmittelbaren und mittelbaren Vorstufen, so Hansel.

Gebärmutterhals-Krebs wird durch Papillomaviren (HPV) verursacht

Die bösartigen Tumore werden durch humane Papillomaviren verursacht. Gegen zwei der gefährlichsten Viren dieser Gattung gibt es seit wenigen Jahren eine Impfung für Mädchen. Überflüssig werden die Früherkennungsscreenings dadurch nicht, jedenfalls nicht in diesem Jahrhundert, ist sich Hansel sicher.

Seit einigen Jahren sind auch Tests auf dem Markt, die eine Ansteckung mit Hochrisiko-Papillomaviren (HPV) anzeigen. „Das ist sinnvoll, weil Frauen, bei denen die Viren nicht nachweisbar sind, sicher keine Krebserkrankung haben“, so Hansel. Aber was ist mit dem nicht gerade kleinen Rest? Ein erheblicher Teil der Bevölkerung ist damit infiziert, bei den meisten verheilt die Ansteckung ohne Folgen. „Nur etwa 10 % bis 15 % der infizierten Frauen entwickeln eine Krebsvorstufe.“

Oncgnostics plant Kombination mit HPV-Tests

Oncgnostics schwebt es daher vor, die eigene molekulargenetische Diagnostik mit einem handelsüblichen HPV-Test zu kombinieren. Das heißt, nur die HPV-Positiven Patientinnen werden zusätzlich auf DNA-Veränderungen untersucht. Diese Kombination würde fast eine 100 % Treffsicherheit garantieren, was nun in Studien in Zusammenarbeit mit fremden Kliniken geprüft wird.

Irgendwann stand die Frage im Raum: weiter in Richtung Forschung oder Kommerzialisierung? Einen Antrag auf Forschungsförderung bei der DFG lehnte das Team ab. Es entschied sich stattdessen für das Programm Exist-Forschungstransfer. „DFG-Anträge sind zwar eine schöne Sache, aber es dauert ewig, bis sie genehmigt werden und die Erfolgsquote ist nicht so riesig.“

Der molekulargenetische Test und der HPV-Test sollen den heutigen Pap-Test gemeinsam verdrängen: Das ist die Vision des Jenaer Start-ups. Allerdings erstatten gesetzliche Krankenkassen bisher nur den Pap-Test. Ende Januar bescheinigte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) dem HPV-Test immerhin einen gewissen Zusatznutzen. Nun soll der gemeinsame Bundesausschuss entscheiden, ob es ihn demnächst als Kassenleistung gibt. „Letztendlich ist ja unser Test ein Abklärungstest“, sagt Hansel: Er wird nur im Verdachtsfall angewandt, sei es bei einem unklaren Pap- oder einem HPV-Positiven Befund. Dann seien die Chancen sehr gut, dass die Kassen die Kosten übernehmen. Weil die Kombination der beiden Tests genaue Ergebnisse brächte, seien zudem weniger Abklärungsuntersuchungen nötig.

Gebärmutterhals-Krebs-Verfahren von Oncgnostics soll in drei Jahren auf den Markt kommen

Es wird noch etwa drei Jahre dauern, bis das Produkt auf den Markt kommt, glaubt Hansel. Die vier Gründer haben die Krebsmarker zum Patent angemeldet und wollen Lizenzen vergeben, um sich nicht selbst um Herstellung und Vertrieb der Diagnostik-Sets kümmern zu müssen. Oncgnostics lotet gerade ebenfalls die Möglichkeit aus, Kooperationen mit HPV-Test-Herstellern einzugehen. Die Partner sollen auch die internationale Vermarktung übernehmen, zunächst in Europa, dann in Nordamerika und Japan.

Die Ausgründung wurde anderthalb Jahre lang mit 350 000 € von Exist vorbereitet. Im April schloss Oncgnostics seine erste Finanzierungsrunde mit 600 000 € Beteiligungskapital vom Hightech-Gründerfonds und der Stiftung für Technologie, Innovation und Forschung Thüringen (Stift) ab. Weitere 150 000 € schießt Exist für die 2. Förderphase zu. Rechnet man eigene Mittel und Preisgelder aus Wettbewerben dazu, macht das rund 800 000 € Startkapital. „Damit werden wir anderthalb Jahre weit kommen“, so Hansel. Mitte 2012 soll Oncgnostics vier Angestellte haben. Und bis Ende des Jahres eine zweite Finanzierungsrunde mit 900 000 € Risikokapital in Angriff nehmen.

Das Jungunternehmen hat nämlich ehrgeizige Pläne. Zuerst will es ausprobieren, ob seine Krebsmarker sich auch für die Therapieentscheidung und Nachsorge eignen. Und dann auch Marker für andere Tumorarten entwickeln. Die besten Perspektiven sieht Hansel in der Diagnostik von Kopf- und Halsgeschwülsten. Rachen-, Zungen- oder Kehlkopf-Krebs sind fast genauso häufig wie der Gebärmutterhals-Krebs, und es ist genauso leicht, einen Abstrich zu nehmen.

Von Matilda Jordanova-Duda

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