Gründer 11.07.2008, 19:36 Uhr

„Fußabdruck“ entlarvt Plattfüße  

Verkehrsbetriebe, Werkstätten und Tankstellen.

Die Initialzündung war ein Beinahe-Unfall auf der Autobahn. Ulrich Pingel war unterwegs zu einem Geschäftstermin, als es seinem Vordermann plötzlich den Reifen zerriss. „Bei Tempo 180 rollte sein Profilring neben ihm her“, erinnert sich der Gründer der Ventech GmbH aus Marl. Glücklicherweise gelang es dem Fahrer, seinen Wagen kontrolliert abzubremsen.

Auf den Schreck fuhr Pingel an die nächste Tankstelle und kontrollierte die eigenen Reifen. „Ich war in Anzug und weißem Hemd und hab mich zum x-ten Mal geärgert, wie lästig es ist, den Luftdruck zu messen“, erklärt er. Auf der Weiterfahrt begann er, über eine komfortablere Lösung zu grübeln. Bald führte er Grundsatzversuche durch und machte sich in der Folge ans Entwickeln einer automatisierten Reifendruckkontrolle. Dafür sollte eine im Boden eingelassene Sensoreinheit beim Drüberfahren den „Fußabdruck“ jedes einzelnen Reifens analysieren, dabei den jeweiligen Luftdruck ermitteln und ihn dem Fahrer über eine Anzeige mitteilen.

Was illusorisch klingt, wird mit Blick auf Pingels Biographie realistischer. Er hatte mit der Innomess GmbH bereits ein Messtechnikunternehmen gegründet und zum Markt- und Technologieführer in der Flachglasinspektion aufgebaut. Im Jahr 2001 übernahm die Isra Vision AG das Unternehmen. Pingel blieb danach noch einige Jahre an Bord. Anfang 2005 schied er aus, um sich vermehrt als Business Angel zu engagieren. Selbst wieder in die Gründerrolle zu schlüpfen, war eigentlich nicht vorgesehen. Doch dann kam der Beinahe-Unfall mit den bekannten Folgen.

Je erfolgreicher Pingel sein neues Verfahren vorantrieb, desto klarer wurde es ihm, dass er es in einem eigenen Betrieb vermarkten wollte. Er schrieb einen Businessplan, analysierte den Markt, streckte die Fühler nach Pilotkunden aus und suchte nach möglichen Geldgebern. Letztlich war ihm Erfolg an allen Fronten beschieden. Ein befreundeter Business Angel stieg ein, die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gewährte ihm einen Förderkredit und auch der Zukunftwettbewerb Ruhrgebiet förderte sein Vorhaben.

Eine Marktanalyse ergab, dass in Oberklasse-Limousinen vermehrt Reifendrucksensoren zum Einsatz kommen. Für Kleinwagen, Mittelklasse-Pkw, viele Lkw und Busse würde es aber noch eine ganze Weile bei der lästigen händischen Kontrolle bleiben. Und nach einem Tipp aus seinem Netzwerk fand der Gründer auch Gehör bei einem Testkunden: Letzten Herbst installierte Ventech ihr erstes Kontrollsystem bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG).

Es handelt sich um eine Metallmessfeld, das wahlweise in den Boden eingelassen oder als eine kleine Rampe aufgestellt werden kann. Die Sensorik unter der Metallplatte ermittelt anhand verschiedener Parameter – darunter Geschwindigkeit, Auflagefläche und Gewicht – in Sekunden präzise den Druck in jedem einzelnen Reifen. Stimmt der Druck, zeigt das System auf einem Display einen grün umkreisten Wert, ist er zu niedrig, warnt ein roter Kreis. Welche Parameter die Sensoren genau kontrollieren und welche Algorithmen sich daraus ableiten, ist Betriebsgeheimnis. Klar ist aber, dass die Messergebnisse exakt sind und das Verfahren gerade Flottenbetreibern Zeit und Mühe erspart. Nach der BVG haben weitere Verkehrsbetriebe und Speditionen das System erworben und es teilweise schon nachbestellt. Immerhin leistet das Verfahren in Sekunden, wofür ein Fahrer bei einem Sattelzug mit Hänger und Zwillingsreifen mindestens 15 Minuten braucht.

Laut Pingel hat schon mehr als ein Kunde komplett platte Reifen aufgespürt, die gar nicht aufgefallen waren. „Gerade innere Zwillinge sind ein Problem“, erklärt er.

Für die Kunden sind mit Einführung der automatischen Druckkontrolle nicht nur Reifenpannen und Verschleiß zurückgegangen, auch ihre Verbräuche sinken. Schon wenn der Optimaldruck um ein Fünftel unterschritten wird, verbraucht ein Fahrzeug 2,5 % mehr. Bei Speditionen und Verkehrsbetrieben summiert sich das auf Tausende Liter Diesel jährlich.

Zusätzlich steigt die Sicherheit. Statistisch ereignen sich hierzulande täglich 3,5 schwere Unfälle mit Toten und Verletzten, weil Reifen versagen. Damit auch normale Autofahrer vom Ventech-System profitieren, möchte das Start-up aus Marl neben Flottenbetreibern auch Tankstellen, Waschstraßen und Werkstätten als Kunden gewinnen. Die zufriedenen Referenzkunden könnten sich dabei als hilfreich erweisen. Denn es bedarf laut Pingel einiger Überzeugungsarbeit, bis potenzielle Kunden glauben, dass die Reifendruckkontrolle von außen überhaupt machbar ist. Er selbst denkt schon mehrere Schritte weiter. „Kombiniert mit einer automatischen Nummernschilderkennung lassen sich die Kontrolldaten automatisch ans Wartungspersonal weiterleiten. Die Fahrer müssten sich dann nicht sofort kümmern“, erklärt er. Auch die Kombination mit Spurvermessung und Profilprüfung sei denkbar. Dann hätte sein Unternehmen eine automatisierte Rundumlösung für mehr Verkehrssicherheit und weniger Verbrauch im Angebot.

Ein Jahr nach der Gründung beschäftigt Ventech knapp 20 Mitarbeiter. „Wenn es gelingt, die anvisierten Zielmärkte zu erschließen, rechne ich auch hier mit schnellem Wachstum“, gibt sich der Gründer optimistisch.

PETER TRECHOW

 

Ein Beitrag von:

  • Peter Trechow

    Peter Trechow ist Journalist für Umwelt- und Technikthemen. Er schreibt für überregionale Medien unter anderem über neue Entwicklungen in Forschung und Lehre und Unternehmen in der Technikbranche.

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