Finanzierung 28.05.2010, 19:46 Uhr

Factoring: Damit sich Rechnungen auch rechnen

Immer mehr Mittelständler nutzen das Factoring. Schließlich verbessert der Verkauf von Forderungen die Liquidität und damit die Bonität. Das ist wichtig – vor allem in der Krise. Experten behaupten gar, dass die prognostizierten Insolvenzzahlen halbiert werden könnten, wenn alle Unternehmen Factoring nutzen würden. Gratis gibt es die Umsatzfinanzierung allerdings nicht.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise verliert zusehends ihren Schrecken. Das Konjunkturbarometer schwenkt weitaus schneller wieder zurück auf Sonnenschein, als es zu Beginn des Unwetters prognostiziert wurde. Die gigantischen Hilfspakete, die niedrigen Zinsen sowie die Ausweitung des Kredit- und Geldangebots haben demnach ihre Wirkung nicht verfehlt. So legte das deutsche Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 0,2 % zu, während die US-amerikanische Wirtschaftsleistung gar einen Satz um 3,2 % machte.

Auf dem zweiten Blick wird jedoch schnell klar: Die Folgen der schlimmsten Rezession der Nachkriegsgeschichte sind noch nicht verdaut. Im Gegenteil: Zahlreiche mittelständische Unternehmen bekommen die Auswirkungen der Krise scheinbar erst im laufenden Jahr mit voller Wucht zu spüren. Die Zahl der Insolvenzen wird laut einer Prognose von Euler Hermes ein neues Rekordhoch erreichen. Erwartet werden 38 900 Pleiten – 11 % mehr als im Vorjahr.

Dass daher auch die Zahlungsmoral vieler Unternehmen zu wünschen übrig lässt, ist die logische Konsequenz. Laut einer Untersuchung der EOS Gruppe werden zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen drei von vier Rechnungen nicht fristgerecht bezahlt. Und: Eine Erhebung der Euler Hermes Kreditversicherungs-AG kommt zu dem Ergebnis, dass ein Viertel der befragten Unternehmen vorsätzliches Nichtbezahlen ihrer Kunden vermutet – allen voran bei Großunternehmen. Die Gefahr, dass aufgrund nicht gezahlter Rechnungen selbst florierende Firmen in Zahlungsschwierigkeiten schlittern, ist daher nicht zu unterschätzen. Laut Consultingfirma KPMG ist jede vierte Insolvenz auf das schlechte Zahlungsverhalten der Kunden zurückzuführen.

Sicherlich kann ein effektives Debitorenmanagement helfen, die Außenstände zu reduzieren – und die eigene Liquidität zu erhöhen. Das Beispiel Intel macht dies deutlich. Indem der weltweit führende Chiphersteller die Zahlungsziele in den vergangenen Jahren auf 15 Tage herunterschraubte, konnte die Liquidität um rund 1 Mrd. $ erhöht werden. Vor allem mittelständische Firmen sind aber häufig überfordert, wenn es darum geht, das Forderungsmanagement professionell zu organisieren.

Als Alternative bietet sich das so genanntes Factoring an. Dabei werden die Forderungen an eine Factoringgesellschaft veräußert, die auch das Ausfallrisiko übernimmt. „Das Unternehmen bekommt sein Geld selbst dann, wenn eines seiner Schuldner in die Insolvenz geht“, erklärt Karl-Joachim Lubitz, Geschäftsführer der Deutschen Factoring Bank. In der Regel zahlt die Factoring-Gesellschaft innerhalb von 48 Stunden bis zu 90 % des ausstehenden Rechnungsbetrags an seinen Kunden aus. Hartmut G. Korn, Vorstandsmitglied von „Die Skonto AG“, wagt daher eine gewagte Prognose: „Würden alle Unternehmen Factoring nutzen, müssten wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte der geschätzten rund 40 000 Unternehmen in 2010 Insolvenz anmelden“.

Ob die Prognose tatsächlich zutreffen würde, ist reine Spekulation. Fakt ist jedoch, dass „Forderungen“ häufig die größte Kreditrisikoposition in der Bilanz eines Unternehmens sind. Laut Euler Hermes schulden Kunden ihren Lieferanten bis zu 320 Mrd. € in Deutschland. Das ist mehr, als alle Banken an kurzfristigen Krediten ausgeliehen haben. Ebenfalls zutreffend ist die Tatsache, dass Unternehmen durch Factoring einen größeren finanziellen Handlungsspielraum genießen. Zudem ergeben sich Einsparungen, da keine zusätzliche Warenkreditversicherung abgeschlossen werden muss sie ist in jedem Factoringvertrag enthalten. Hinzu kommt, dass beim Factoring die eigenen Verbindlichkeiten schrumpfen – und somit die Eigenkapitalquote ansteigt. Letztendlich verbessern sich durch Forderungsverkäufe somit die Bilanz von Unternehmen und damit einhergehend auch die Position gegenüber der Hausbank. Darüber hinaus können „mit den durch Factoring frei gewordenen Mitteln Verbindlichkeiten, vor allem gegenüber Vorlieferanten, abgebaut und verstärkt Skonto- und Preisvorteile genutzt werden“, weiß Korn. Des Weiteren übernimmt der Factor das gesamte Debitorenmanagement – von der Verwaltung der Forderungen bis hin zum Mahnwesen und Inkasso. Mit anderen Worten: Unternehmen, die sich für Factoring entscheiden, haben selbst in stürmischen Wirtschaftsphasen und damit einhergehenden ansteigenden Insolvenzen einen ruhigen Schlaf.

Gratis gibt es eine solche Beruhigungstablette natürlich nicht. Der Preis ist unter anderem abhängig von der Branche und dem Debitorenbestand – und somit flexibel. Grundsätzlich zahlen Factoring-Kunden jedoch zwei Rechnungen: Zum einen die Finanzierungsgebühr, die in der Regel an die aktuellen Kontokorrentkosten gekoppelt ist. Und zum anderen die Factoring-Gebühr, die unter anderem die Übernahme des Zahlungsausfallrisikos umfasst. Bei der Skonto AG zahlen Kunden bei einem Zahlungsziel von 90 Tagen 5 % der Forderungssumme. Das ist deutlich teurer als ein klassischer Bankkredit. Auf der anderen Seite trägt der Factor aber auch ein weitaus größeres Risiko als die Bank, da in der Regel vorab lediglich eine Bonitätsprüfung der Kunden erfolgt.

Angesichts der zahlreichen Vorteile, die Factoring bietet, ist Korn davon überzeugt, dass die deutsche Factoring-Branche ihr Volumen in den kommenden fünf Jahren verdoppeln wird. Bereits im vergangenen Jahr kletterte die Anzahl der Factoring-Kunden von 5900 auf 8700 Unternehmen. Dass die Branche noch enormes Potenzial besitzt, belegt ein Blick über die Landesgrenze. „In Deutschland beträgt die Factoring-Quote, also das Verhältnis zwischen dem angekauften Forderungsvolumen und dem Bruttoinlandsprodukt, lediglich 4 %. In Großbritannien, Frankreich und Italien liegt der Wert zwischen 8 % und 14 %“. Korn begründet dies damit, dass zahlreiche Unternehmen, die ihre Forderungen verkaufen, befürchten, dass sie bei ihren Kunden als finanziell angeschlagen gelten. Doch das Gegenteil ist der Fall: „Nur bonitätsstarke Unternehmen werden beim Factoring akzeptiert“, so der Experte. FRANZ V. D. DRIESCH

Ein Beitrag von:

  • Franz Von Den Driesch

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