Im Sport wie in der Wirtschaft 20.06.2013, 08:21 Uhr

Erhöhte Risikobereitschaft lohnt selten

Christian Grund, Inhaber des Lehrstuhls für Personal an der RWTH Aachen hat anhand von Spielzügen amerikanischer Basketball-Teams untersucht, wie sich eine höhere Risikobereitschaft auswirkt.

Ergebnis: Oftmals führt eine überlegte Risikoaversion eher zum Erfolg.

Das letzte Viertel läuft und die Mannschaften werden wie bei allen Spielen der National Basketball Association (NBA) von den Fans frenetisch angefeuert. Die Sportler der zurückliegenden Mannschaft versuchen mit vollem Einsatz, das Match noch zu gewinnen. Macht es Sinn, jetzt das Risiko zu erhöhen und vermehrt auf Dreipunktwürfe zu setzen? Verfehlt der Spieler den Korb, kommt der Gegner leicht in Ballbesitz und kann kontern.

Der Frage, wann eine erhöhte Risikobereitschaft Sinn macht, ist Christian Grund von der RWTH zusammen mit Jan Höcker und Stefan Zimmermann am Beispiel der NBA nachgegangen. In einer empirischen Studie haben sie Relevanz und Effektivität von erhöhter Risikobereitschaft im Laufe von Spielen der NBA untersucht.

Im hochbezahlten Spitzensport spielt Statistik eine große Rolle: Die NBA dokumentiert akribisch alle Spielzüge der einzelnen Begegnungen und stellt die Daten ins Internet. Die Wissenschaftler konnten so auf entsprechendes Material zurückgreifen und ablesen, ab wann die Mannschaften vermehrt auf Dreipunkt-Würfe setzten und wie erfolgreich sie damit sind. Die Auswertungen haben ergeben, dass zurückliegende Teams tatsächlich mehr Dreipunkt-Würfe einsetzen, diese erhöhte Risikobereitschaft in der Mehrzahl der Fälle aber nicht effektiv ist. „Es handelt sich meistens um eine Fehlentscheidung und irrationales Verhalten“, fasst Grund zusammen. Nach den Auswertungen der Wissenschaftler haben die Teams, die „normal“ weiterspielen, größere Chancen noch zu gewinnen als die risikobereiten.

Für Grund ist der Sport nur ein Anwendungsfall für Turniersituationen. Diese kommen auch in Unternehmen vor, werden aber datentechnisch kaum erfasst, weshalb die Wissenschaftler auf den Sport auswichen. Es geht um den relativen Leistungsvergleich. Dies ist der Fall, wenn zum Beispiel nicht die Umsatzsteigerung oder das Finanzergebnis als Basis dienen, sondern das Abschneiden in Relation zu den Kollegen. Zu den typischen Situationen gehört die Ankündigung, dass am Ende des Jahres einer von mehreren Mitarbeitern befördert, weiterbeschäftigt oder mit einem Bonus bedacht wird. „Hier gibt es viele Analogien zum Sport“, erläutert Grund. „Es ist keine komplette Übertragbarkeit möglich, aber Vorgesetzte, die solche Turniere installieren, sollten sich bewusst sein, dass sie damit Verhaltensänderungen provozieren.“ Diese müssen nicht immer im Sinne des Unternehmens sein. Wenn sich die Konkurrenten zum Beispiel vor allem mit dem Wettbewerb und nicht den übergeordneten Aufgaben beschäftigen oder ihre gesteigerte Wagnisbereitschaft, zum Beispiel bei Investitionsentscheidungen, bei einem vermeintlichen Rückstand auch Risiken für das Unternehmen mit sich bringt.

Von Stefan Asche
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