Start-up-Porträt 15.04.2011, 19:53 Uhr

Ein Auge stets im Prozess

Die Gründer der ColVisTec AG, Berlin, sind auf Farbmessungen per Spektralphotometrie spezialisiert. Das Besondere: Sie messen in Echtzeit – innerhalb von Extrudern oder Reaktoren. Bei Farbabweichungen oder Inhomogenitäten lassen sich die Prozesse sofort korrigieren. Die Idee zum Verfahren stammt aus den USA. Für die technologische Weiterentwicklung und Produktion wählte der norwegische CEO bewusst den Standort Deutschland.

Jan H. Johnsen ist herumgekommen in der Welt. Nach seinem Wirtschaftsstudium ging der Norweger zu einer Unternehmensberatung nach London, bildete sich an der renommierten Hochschule INSEAD im französischen Fontainebleau zum MBA weiter und war dann weltweit als Berater im Einsatz. Im Jahr 2008 stieß er über einen US-Kunden auf ein optisches Messverfahren, das sofort sein Interesse erregte. „Damit ließen sich Spektralanalysen direkt in der Kunststoffschmelze von Extrudern durchführen“, berichtet er.

Aus dem interessierten Berater ist inzwischen ein Gründer und CEO geworden. Denn nachdem intensive Marktrecherche ihn vom Potenzial der Technologie überzeugte, entschloss sich Johnsen, den Amerikanern das Verfahren abzukaufen und auf dieser Basis die ColVisTec AG zu gründen. Dabei sicherte er sich nicht nur alle Freiheiten, die Technologie weiterzuentwickeln. Er bekam auch Gebietsschutz für Europa und den Mittleren Osten. Den US-Markt beackern die Amerikaner. „Es handelt sich nicht um eine Lizenz“, betont der Gründer. Er habe bei der Weiterentwicklung und Produktion absolut freie Hand. Das war ihm wichtig, weil die US-Partner das Potenzial der Technik nach seiner Einschätzung längst nicht ausgereizt hatten.

Dass es Johnson für seine Gründung nach Berlin zog, ist kein Zufall. Es gehe jetzt um den „German Stuff“, sagt er. Darunter versteht er den schwierigen Weg von einer funktionierenden Technologie hin zu einem speziell auf die jeweiligen Bedürfnisse der Kunden zugeschnittenen Verfahren. Um diesen zu gehen, setze er auf deutsche Ingenieurkunst. „Hier in Berlin-Adlershof sind optische Technologien sehr stark“, sagt er. Entsprechend sei es im internationalen Vergleich einfach, hoch spezialisierte Zulieferer und qualifizierte Mitarbeiter und Nachwuchskräfte zu finden, die gleich nebenan an der Uni ausgebildet würden.

Die „Inline“-Messung seines Start-ups basiert auf Spektralphotometrie. Gemessen wird direkt in Extrudern, die Kunststoffe, Lebensmittel oder Pharmaka verarbeiten. Zum Messen wird eine Sonde in vorhandene Normgewinde am Extruderausgang eingeschraubt. An ihrem Kopf sitzt eine etwa erbsengroße, extrem robuste Saphirlinse. Die eigentliche Optik wird in die Sonde eingeschoben und lässt sich zum Kalibrieren jederzeit entnehmen. Kernelemente sind sieben Glasfaserleiter. Sechs davon leiten das Blitzlichtgewitter einer Xenon-Blitzlampe in den Extruder. Die siebte führt das reflektierte Licht zu einem nachgeschalteten Spektralphotometer. Die Analyse des gemessenen Lichtspektrums übernimmt eine eigene Software des Start-ups. „Für die Messungen ist es unerheblich, ob im Extruder geschmolzener Kunststoff, Nudelteig oder eine Arzneimischung verarbeitet wird, aus der Pillen geformt werden“, erklärt Fuat Eker, der Vertrieb und Marketing des Unternehmens übernommen hat.

Die Messungen sind mit einer Auflösung von 0,75 nm fein genug, um die Farbgenauigkeit von Lacken in der Autoindustrie oder Druckfarben zu überwachen und minimale Abweichungen in Echtzeit aufzuspüren.

Doch es geht um mehr als Farbtreue. „Über die Spektralanalyse können wir auch die Homogenität des Materials im Extruder überwachen“, sagt Eker. Bleiben die Messwerte innerhalb einer definierten Toleranz, läuft der Prozess optimal. Weichen sie ab, schlägt die Software Alarm. „Bisher wird in Stichproben gemessen, die ins Labor gebracht, präpariert und analysiert werden müssen“, erläutert er. So könnten Stunden vergehen, bis Qualitätsprobleme erkannt werden. Das ColVisTec-Verfahren liefere dagegen alle 10 s einen Messwert direkt aus dem Prozess.

Johnson sieht neben den vielfältigen Anwendungen in Extrudern ein weiteres großes Einsatzgebiet für die Technologie: „Wir können direkt in chemischen Reaktoren messen und so über permanente Auswertung der Lichtspektren fortlaufende Prozesse ermöglichen“, erklärt er. Bisher würden chemischen Reaktionen meist zeitlich begrenzt laufen. Erst nachdem das gewünschte Ergebnis vom Labor bestätigt sei, werde der Reaktorinhalt weiter verarbeitet. Sein Unternehmen arbeite mit einem Hersteller von Farben und Lacken daran, Status und Erfolg chemischer Reaktionen zu überwachen, ohne diese zu stoppen. „Das funktioniert auch in durchsichtigen Medien, wo wir die Lichttransmission messen und dann das Spektrum analysieren“, erläutert der Gründer.

Bisher hat er Kauf und Weiterentwicklung der Technologie aus eigener Tasche und mit Geld von Freunden und Bekannten finanziert. „Seit dem operativen Start im letzten Jahr konzentrieren wir uns auf Deutschland, Österreich, die Schweiz und die Benelux-Staaten“, berichtet Johnsen. Allerdings schwebt ihm vor, von der Berliner Forschungs- und Produktionsbasis aus zügig weitere Märkte in Europa und Nahost zu erschließen. „Um das Wachstum zu finanzieren, müssen wir uns Gedanken über Kapitalgeber machen.“

Doch vorerst gehe es darum, in Entwicklungsprojekten mit Kunden die letzten Prozente aus dem Messverfahren zu kitzeln und es für verschiedenste flüssige, pulverige und pastöse Materialien zu optimieren. Bisher hat der weitgereiste Gründer dafür ein halbes Dutzend Ingenieure und zusätzliche Werkstudenten eingestellt. Wenn seine Pläne aufgehen, sollen es schnell Dutzende werden.

PETER TRECHOW

www.colvistec.de

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