Start-up-Porträt 29.09.2014, 12:00 Uhr

Digitaler Musiklehrer mit feinem Gehör

Flowkey aus Berlin will die weltweit führende Online-Plattform für das Erlernen von Instrumenten erschaffen. Bisher können User die Beta-Version des Programms testen. Anfang 2015 soll der digitale Klavierlehrer offiziell starten. Das Besondere: Flowkey reagiert auf Fehler des Übenden, denn das Programm hört mit.

Auf dem Bildschirm wandern die Hände eines Pianisten über die Klaviertasten. Weiße Tasten leuchten orange, wenn sie angeschlagen werden, schwarze türkis. Unter der Videoaufzeichnung des Klavierspielers läuft parallel die Partitur mit, hervorgehoben ist jeweils der Ton, der aktuell ertönt. Wer mit Flowkey Klavierspielen lernen möchte, braucht sich lediglich ein Laptop an das Piano zu stellen. Nachdem der Schüler dem Profi zugehört hat, ist er dran. Für den leichteren Einstieg lassen sich zunächst beide Hände einzeln auswählen. Zudem kann man Bereiche in den Noten markieren, um diese gezielt zu wiederholen. Dabei hört das Programm mit. Erst wenn der richtige Ton erklingt, laufen Partitur und Videoaufzeichnung weiter.

„Wir sind alle begeisterte Autodidakten“, sagt Jonas Gößling über das Berliner Gründerteam. Er hat Flowkey im Februar dieses Jahres gemeinsam mit Alexander Heesing und Ahmed Hassan gegründet. Derzeit befindet sich das Programm noch in der Beta-Phase, in etwa einem halben Jahr soll es offiziell starten. Gößling ist selber Pianist, es stand mal die Frage nach einem Musikstudium im Raum. „Am Ende hat die Vernunft gesiegt – und ich bin Wirtschaftsingenieur geworden“, berichtet er.

Aber die Musik hat ihn nicht losgelassen. Um Stücke zu lernen, hat er im Netz gesucht, sich Lernvideos auf Youtube angeschaut. Der Nachteil: Will man ein Lied nachspielen, muss der Regler immer wieder manuell zur gewünschten Stelle geführt werden. Auch gibt es nur eine Geschwindigkeit – und die ist für Übende oft zu schnell. Genau für dieses Problem bietet Flowkey eine Lösung. „Unsere größte Innovation ist die Verbindung der Technologie zur Tonerkennung mit einem Lerninterface“, so Gößling. Das Lernvideo reagiert also interaktiv auf den Übenden.

Bei der Tonerkennung analysiert ein Algorithmus das digitale Audiosignal und erkennt, auf welchen Frequenzen Maximalpunkte liegen. Grundsätzlich schwingt jeder Ton in mehreren Frequenzen, neben den Obertönen sorgen auch Störgeräusche dafür, dass es auf der gesamten Skala rauscht. Je mehr Töne ein Programm gleichzeitig erkennen soll, etwa bei Akkorden, desto undeutlicher sind die Peaks und desto aufwendiger die Programme. Damit der Spielfluss des Übenden nicht unterbrochen wird, müssen die Töne bei Flowkey ohne Zeitverzögerung zugeordnet werden. „Die auf Web-Technologien basierte Echtzeiterkennung von mehreren Tönen ist unseres Wissens derzeit einzigartig“, so Gößling.

Möglich macht das unter anderem die Verbindung der Algorithmen zur Tonerkennung mit der Partitur: Das Programm weiß, welcher Ton der richtige wäre. Ist ein Signal unklar und an der Schwelle zwischen zwei Tönen, so gilt: im Zweifel für den Angeklagten. Bei hohen Tönen erreicht Flowkey so eine Trefferquote von 99%. Probleme bereiten noch die tiefen Töne. Bei Ihnen sind die Frequenzunterschiede zwischen Halbtonschritten kleiner. Um hier noch bessere Werte zu erreichen, arbeitet das Team von Flowkey unter anderem eng mit dem Lehrstuhl für Audiokommunikation der TU Berlin zusammen. Auch eine Funktion zur Rhythmuserkennung ist in Arbeit.

Für die Weiterentwicklung der Plattform bekommen die Gründer viel Rückenwind. Im April erhielt Flowkey eine Seedfinanzierung im mittleren sechsstelligen Bereich. Neben den Gründern arbeiten derzeit vier feste Mitarbeiter für das Unternehmen, eine neue Finanzierungsrunde soll Ende des Jahres folgen.

Weil Partituren einer weltweiten Sprache folgen, gibt es kaum Barrieren für den internationalen Markt: Bereits acht Wochen nach Beta-Start haben sich über 2000 User aus 67 Ländern bei Flowkey angemeldet, Marketing war dafür kaum nötig.

Die Berliner wollen dauerhaft eine kostenlose Grundversion des Programms anbieten, bestimmte Songs oder Features sind dann nur in der Premiumversion nutzbar. So bietet etwa die Auswertung der Lernerfolge vielfältige Möglichkeiten, mit Lernspielen zusätzliche Motivation für den Übenden zu schaffen. Auch bestimmte Funktionen zum Austausch der User untereinander oder Dienste für Musiklehrer sind denkbar.

Auch Sänger sollen bald zur Zielgruppe gehören

Außerdem sollen weitere Instrumente folgen: Gitarre, Schlagzeug und Saxofon sind Kandidaten. „Unsere Vision ist es, dass jeder, der ein Instrument spielt, auch Flowkey nutzt“, so formuliert Gößling. Auch Sänger sollen bald zur Zielgruppe gehören.

Mit der eLearning-Software können Menschen ein Instrument erlernen, die ansonsten nicht die Zeit oder nicht das Geld für klassische Unterrichtsstunden hätten. „Allein mit Flowkey wird man sicherlich nicht zum Starpianisten“, räumt Gößling ein. So sehen die Gründer ihr Angebot auch als Ergänzung zum Musikunterricht.

Michèle Gurdal ist professionelle Konzertpianistin und nimmt für Flowkey Stücke auf. Mögliche Bedenken, man könnte sich beim rein autodidaktischen Lernen mit Flowkey Fehler angewöhnen, hat sie nicht. „Die Menschen sollen Freude am Spielen entwickeln. Das ist zunächst das Wichtigste.“

Von Kai Weller

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