26 400 Unternehmen weniger 08.03.2013, 22:00 Uhr

Die wenigsten Unternehmensgründungen seit 15 Jahren

Nie in den vergangenen 15 Jahren gab es hierzulande weniger Gründungen als 2012. Rund 350 000 neuen Firmen standen 376 400 Liquidationen gegenüber. Der gestrichene Gründerzuschuss und der entspannte Arbeitsmarkt dürften zur Flaute beitragen. Die wesentliche Ursache liegt aber tiefer: Selbstständigkeit ist kulturell kaum verankert. Die Initiative geht hierzulande immer öfter von ausländischen Gründern aus. Ein Blick nach Schweden zeigt, was möglich wäre.

Deutschland hat letztes Jahr 26 400 Unternehmen verloren. Es ist erst das zweite Mal seit den 70er-Jahren, dass die Statistik einen negativen Gründungssaldo ausweist. Das meldet das Bonner Institut für Mittelstandsforschung (IfM). Die Ursache der Misere liege in den abermals gesunkenen Gründerzahlen. Obwohl es auch 1,8 % weniger Liquidationen gab als 2011, rutschte der Saldo ins Minus.

12,8 % weniger Gründungen als vor einem Jahr

Noch mal 51 000 Gründungen weniger als im schwachen Gründungsjahr 2011 errechnet das IfM für 2012. Damit setzt sich der seit 2004 anhaltende Abwärtstrend fort. Mit 12,8 % fällt der Rückgang drastisch aus. Experten hatten wegen des gestrichenen Gründerzuschusses allerdings noch schlechtere Zahlen erwartet. Offenbar haben viele gründungswillige Arbeitslose ihre Vorhaben auch ohne Förderung umgesetzt.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hatte die Streichung des Gründerzuschusses mit dem veränderten Arbeitsmarkt begründet. Staatliche Förderung von Selbstständigkeit sei nicht zeitgemäß, wenn viele Firmen händeringend Arbeitskräfte suchen. Das Wirtschaftsministerium propagiert derweil mit der „Initiative Gründerland Deutschland“ das genaue Gegenteil. Es versucht, eine Gründungskultur im Land zu entwickeln und Selbstständigkeit als berufliche Alternative in den Köpfen zu verankern. „Für eine erfolgreiche Gründerszene mindestens genauso wichtig wie die Infrastruktur ist der herrschende Geist. Wer Neues wagt, soll ermutigt werden, nicht frustriert“, argumentiert Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler.

Die aktuelle IfM-Statistik weist 78,2 % der Neugründungen als Einzelunternehmen aus. Hinter fast der Hälfte davon (44,1 %) stand ein Gründer ohne deutschen Pass. „Der Anteil ausländischer Gründer nimmt seit Jahren zu“, melden die Mittelstandsforscher. Ein weiteres Indiz für die schwach ausgeprägte Kultur der Selbstständigkeit in Deutschland. Den Zuwanderern ist es zu verdanken, dass die Gründerzahlen nicht vollends einbrechen. In Zeiten eines entspannten Arbeitsmarkts scheint den Deutschen der Arbeitsvertrag allemal näher als die Selbstständigkeit.

Schweden hat im Verhältnis viel mehr Unternehmen als Deutschland

Diese Haltung spiegelt sich auch in absoluten Zahlen – erst recht im Vergleich mit Ländern, in denen die Kultur der Selbstständigkeit stärker ausgeprägt ist. Gut 3,6 Mio. Unternehmen weist das deutsche Unternehmensregister aus, bei 81,7 Mio. Einwohnern. In Schweden waren Anfang 2012 über 1 Mio. Firmen registriert, obwohl in dem Land nur 9,5 Mio. Menschen leben. Jan Sandred, Programmdirektor der staatlichen Innovationsagentur Vinnova, relativiert die extrem hohe Zahl: „Viele Schweden haben neben ihrem Beruf noch ein kleines Unternehmen, das sie mehr oder minder aktiv betreiben.“

Doch auch die Gründerstatistiken des skandinavischen Landes sprechen eine klare Sprache: Exakt 73 709 neue Unternehmen sind dort 2011 an den Start gegangen – rund 95 % in der Form einer Kapitalgesellschaft. Auf 129 Einwohner entfiel damit eine Gründung. Hierzulande liegt die Quote bei 233 zu 1.

Doch warum ist der Gründergeist in Schweden so lebendig? Sandred fallen darauf eine ganze Fülle von Antworten ein. „Als kleines Land haben wir recht früh begriffen, dass unsere Chance in einer globalisierten Welt Innovation ist.“ Darum investiere Schweden 3,6 % seines Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung (F&E). Zur Erinnerung: das EU-Ziel für 2020 sind 3 %.

Neben den F&E-Investitionen hat Schweden laut Sandred ein Fördersystem etabliert, das Start-ups in universitätsnahen Inkubatoren und mit direkten Zuwendungen unterstützt. Aber auch Konzerne wie ABB, Ericsson oder Volvo bekommen staatliche Hilfe beim Eintritt in neue Technologiefelder.

Gründer erhalten binnen 3 Wochen ihren Förderbescheid

Allein Vinnova fördert laut Sandred 4500 Projekte und 2000 bis 3000 Firmen jährlich. Geht ein Förderantrag ein, erhalten Gründer binnen ein bis zwei Wochen den Bescheid. Ein Netzwerk externer Experten prüft die Anträge auf Zuruf. Bis zu 400 000 € Frühphasenförderung für ihren Proof-of-concept können Gründer bei der Agentur bekommen. Die Vergabe ist laut Sandred restriktiv. „Nur etwa 15 % kommen durch.“ Bei Deutschlands Hightech-Gründerfonds wird allerdings noch kräftiger ausgesiebt. Hier fallen über 95 % der Antragsteller durchs Raster.

Neben Fördergeldern und F&E-Investitionen nennt Sandred weitere Gründe. Wesentlich sei die bereits in der Schule eingeleitete Förderung weiblicher Innovatoren. Dadurch werde Entwicklungspotenzial erschlossen, das in vielen Ländern noch weitgehend brachliegt. Außerdem verweist Sandred auf den Umbau der Behörden zu Dienstleistungsagenturen. „Steuererklärungen laufen bei uns nun so, dass die Behörde die Formulare ausfüllt und Bürger die Zahlen prüfen, wo nötig korrigieren und dann absenden“, berichtet er. Belege seien die Ausnahme. Das System basiere auf Vertrauen. Was das mit Gründungen zu tun hat? In einem Klima des Vertrauens wächst Selbstvertrauen. Und das ist die erste Voraussetzung dafür, die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Von Peter Trechow/Stefan Asche
Von Peter Trechow/Stefan Asche

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