Unternehmensfinanzierung 02.04.2004, 18:29 Uhr

Die Großen ziehen davon

Während Konzerne gut verdienen und wenig Steuern zahlen, fallen viele Mittelständler zurück.

Wir müssen mehr Profit machen. Eine Umsatzrendite von 7,5 % ist das Minimalziel“, sagt Christoph Kerstein, Chef von Hameln Pharmaceuticals, einem mittelständischen Generikahersteller. Auch in den kommenden Jahren soll die Firma zweistellig wachsen. „Das lässt sich nur erreichen, wenn wir stärker als bisher auf das Ergebnis achten. Einen Großteil unserer Investitionen müssen wir künftig aus eigener Kraft finanzieren.“
Genau das aber fällt vielen kleineren Firmen schwer. Nach einer Ende vergangenen Jahres veröffentlichten Analyse der Deutschen Bundesbank haben sich die Ertrags- und Finanzierungsverhältnisse von Mittelständlern in der vergangenen Dekade „deutlich verschlechtert“. Der schon zuvor bestehende Rückstand gegenüber Großunternehmen habe sich dadurch noch vergrößert.
Zu einem ähnlichen Befund kommt die IKB in einer vor Monaten erschienenen Studie, für die die Jahresabschlüsse von 1300 Firmen (Jahresumsatz max. 1,5 Mrd. €) ausgewertet wurden. Danach haben sich 2002 Ertragskennziffern, wie Cash-Flow, EBITDA und Gesamtkapitalrendite, verschlechtert. Allerdings: „Je größer die Unternehmen, desto geringer fällt die Verschlechterung der Ertragskennziffern aus“, so die IKB-Studie.
Geradezu niederschmetternd klingt, was Spitzenorganisationen der Wirtschaft zu dieser Frage verlautbaren. „Etwa die Hälfte der Unternehmen hat 2002 keine Gewinne macht. Vieles deutet darauf hin, dass 2003 nicht besser gelaufen ist“, klagt etwa BDI-Präsident Michael Rogowski. Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) wird Mitte April einen internationalen Renditevergleich veröffentlichen. Tenor: Gemessen an ihrer Umsatzrendite sind deutsche Firmen nicht mehr konkurrenzfähig. In der gewerblichen Wirtschaft lag 2002 die entsprechende Quote bei null, während die allermeisten Weltmarktkonkurrenten Umsatzrenditen zwischen 2 % und 5 % erzielten.
Solche Aussagen und Zahlen versetzen Lorenz Jarass in Rage. Der Professor an der FH Wiesbaden sieht keinen Anhaltspunkt dafür, dass deutsche Firmen derzeit darben. Der Steuerfachmann verweist auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Danach sind von 2000 bis 2003 die Unternehmens- und Vermögenseinkommen gestiegen – vor allem die Gewinne der Kapitalgesellschaften.
Nach Jarass Einschätzung kann auch keine Rede davon sein, dass deutsche Unternehmen generell niedrigere Renditen erzielen als ihre ausländischen Wettbewerber. „Der BDI, der solche Behauptungen immer wieder in die Welt setzt, hat dazu bislang keine überzeugenden Zahlen vorlegen können.“
Tatsächlich sind länderübergreifende Renditevergleiche wegen schmaler Datenbasis und unterschiedlicher Bilanzierungsvorschriften mit größter Vorsicht zu genießen. Nicht selten dienen sie als Waffe im politischen Meinungskampf. Christoph Spengel, renommierter Steuerexperte an der Uni Giessen, hält sich bei dieser Frage deshalb ebenfalls bedeckt. Eine Untersuchung, die einen Rendite-Rückstand deutscher Firmen verlässlich belegt, ist auch ihm nicht bekannt.
Entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen sind aber weniger die Gewinne, als das, was von ihnen – nach Zugriff des Fiskus – übrig bleibt. Tatsache ist, dass in den vergangenen Jahren die Steuerquote deutlich gesunken ist, Unternehmen preisbereinigt also weniger Geld in die Staatskasse zahlen. So hat sich nach Berechnung von Jarass die Gesamtsteuerbelastung der Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen von 34 % in 1980 auf 16 % in 2003 verringert. Kapitalgesellschaften mussten danach 2003 im Durchschnitt nur 11,4 % ihres ökonomischen Gewinns an das Finanzamt abführen. Deutschland – ein heimliches Steuerparadies?
Christoph Spengel hält solche Durchschnittsbetrachtungen für irreführend. Für den Gießener Wissenschaftler ist Deutschland auch weiterhin ein Hochsteuerland. „Bei der Gewinnsteuerquote liegen wir im EU-Vergleich noch immer ziemlich weit oben“, so der Experte. Deutsche Multis entziehen sich jedoch der hohen Belastung. Ihre Steuerquote gehört zu den niedrigsten weltweit. Dass immer weniger Geld in die Staatskasse fließt, ist für Spengel Folge der mit rund 38 % vergleichsweise hohen Ertragsteuerbelastung. „Die Konzerne nutzen natürlich alle legalen Möglichkeiten, Gewinne in Deutschland zu vermeiden.“ Neben den hohen Arbeitskosten hierzulande sei dies Hauptgrund für Produktionsverlagerungen oder Investitionen in EU-Beitrittsländern, die Unternehmen mit Niedrigsteuern locken.
Was tun? Spengel – und mit ihm der Sachverständigenrat – plädiert dafür, dem Vorbild Finnlands, Norwegens und Schwedens zu folgen. Die drei Länder hatten Anfang der 90er die Steuersätze auf Kapitaleinkommen drastisch reduziert. Paradoxes Ergebnis: Der Anteil der Köperschaftsteuer am Gesamtsteueraufkommen hat sich in allen drei Ländern etwa verdoppelt – unter anderem, weil Konzerne wieder mehr Gewinn in ihrer Heimat versteuern. ps
Hohe deutsche Steuern fördern Verlagerungen in EU-Beitrittsländer

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