Unternehmensfinanzierung 15.01.2010, 19:44 Uhr

„Die Genossenschaftsbanken haben Spielraum“  

Wenn sich die deutsche Wirtschaft erholen soll, benötigt sie frisches Geld. Politik und Wirtschaftsverbände bezweifeln, dass die Banken in den kommenden Monaten ausreichende Mittel bereitstellen. Zu Recht? Fragen an Uwe Fröhlich, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). VDI nachrichten, Düsseldorf, 15. 1. 10, ps

Fröhlich: Das reale Wirtschaftswachstum wird in Deutschland nach unserer Einschätzung 2010 bei 1,25 % liegen. Der verbesserte Ausblick darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die Aussichten für die Wirtschaft auf mittlere Sicht verhalten bleiben. Der Wirtschaftseinbruch 2008/2009 wird voraussichtlich erst 2013 wieder ausgeglichen werden können.

Erstaunlicherweise hat sich in Deutschland der private Konsum als robust erwiesen. Bleibt er weiterhin Träger der Konjunktur?

Wir erwarten, dass der private Verbrauch preisbereinigt in diesem Jahr stagnieren oder möglicherweise um 0,5 % sinken wird. Die Ursachen: Die Einkommen dürften real bestenfalls unverändert bleiben. Der Anstieg der Tarifeinkommen dürfte schwächer ausfallen. Ferner stellt die steigende Arbeitslosigkeit einen Belastungsfaktor dar und – anders als 2009 – ist 2010 nicht mit sinkenden Energiepreisen zu rechnen. Andererseits dürfte die Sparquote stabil bei 11 % bleiben und der Verbraucherpreisanstieg wird mit etwa 1 % moderat bleiben.

Und die staatlichen Konjunkturprogramme?

Der Impuls durch die Konjunkturprogramme ist zwar beträchtlich, reicht aber nicht aus, um die oben genannten negativen Einflüsse auszugleichen.

Sie sprachen bereits den Arbeitsmarkt an: Werden die Agenda 2010 und die nochmals verlängerte Kurzarbeit weiterhin in der Lage sein, die Arbeitsmarktentwicklung – wie bisher – moderat zu halten oder kommt das dicke Ende noch?

Wir erwarten 2010 keinen drastischen Abbau der Beschäftigung. Er wird sich zwar fortsetzen, aber moderat bleiben. Immerhin hat der deutsche Arbeitsmarkt eine hohe Flexibilität erlangt. Die Anpassung an die geringe Kapazitätsauslastung vollzieht sich mehr über die Arbeitszeit als über die Beschäftigtenzahl. Neben der Kurzarbeit leisten der Abbau von Überstunden, die Verkürzung regulärer Arbeitszeiten sowie vermehrte Teilzeitarbeit einen permanenten Flexibilisierungseffekt.

Wie beurteilen Sie die Exportchancen in 2010 ?

Zwar haben sich die Perspektiven für die Exporteure in den letzten Monaten aufgehellt, doch ist nicht damit zu rechnen, dass die Wachstumsraten der Boomjahre 2004 bis 2007 bald wieder erreicht werden. Wir erwarten, dass der Beitrag der Außenwirtschaft zum Wirtschaftswachstum etwa bei einem dreiviertel Prozentpunkt liegen wird.

Warum so zurückhaltend ?

Aufgrund der geschwächten wirtschaftlichen Situation besteht bei wichtigen Handelspartnern ein Rückschlagpotential. In vielen Industriestaaten wird eine Expansion der Wirtschaft derzeit nur mit Hilfe eines beträchtlichen Einsatzes staatlicher Mittel erreicht. Der lässt sich aber nur eine begrenzte Zeit aufrechterhalten. Es ist nicht sicher, ob bis dahin ein selbsttragender Aufschwung einsetzt.

Und wie beurteilen Sie die Binnennachfrage?

Bei der Binnennachfrage erwarten wir trotz des schwachen Konsums einen leichten Anstieg. Bei den Anlageinvestitionen ist mit einem Zuwachs von ca. 2 % zu rechnen. Während die Schwäche im Wohnungsbau anhält, werden sich die gewerblichen Investitionen leicht verringern. Kräftig zulegen werden dagegen die öffentlichen Bauinvestitionen. Hier wirken die Konjunkturprogramme. Aufgrund der aktuell hohen Unterauslastung dürften die Investitionen in industrielle Produktionskapazitäten nur wenig steigen.

Schwellenländer wie China und Indien, aber auch Brasilien weisen – anders als die Industriestaaten – bereits wieder ein beachtliches Wachstum auf. Spüren Sie, dass sich deutsche Mittelständler diesen Staaten vermehrt zuwenden ?

Das Wirtschaftswachstum weist in den genannten drei der vier BRIC-Staaten beträchtliche Wachstumsraten auf. Auch Russland – das vierte Land dieser Gruppe – rechnet nach einem erheblichen Konjunktureinbruch in 2009 in diesem Jahr wieder mit einem Wirtschaftswachstum. Dies kommt auch bei unseren exportorientierten Mittelstandskunden an.

Welche Hilfen können Firmenkunden der Genossenschaftsbanken, die sich speziell für die Märkte in Asien oder Südamerika interessieren, vom genossenschaftlichen FinanzVerbund erwarten?

Der deutsche Mittelstand verfügt seit langem über intensive Geschäftsverbindungen in diese Regionen. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken bieten – insbesondere mit Hilfe der genossenschaftlichen Zentralbanken DZ BANK und WGZ BANK – international orientierten Firmenkunden maßgeschneiderte Finanzierungs- und Zahlungsverkehrslösungen von der Außenhandelsfinanzierung bis hin zum umfassenden kommerziellen Auslandsgeschäft.

Ein konjunktureller Aufschwung bedarf erheblicher finanzieller Mittel. Doch Politik aber auch Wirtschaftsverbände zweifeln, dass die Banken die benötigten Mittel in ausreichender Form zur Verfügung stellen. Sehen Sie eine Kreditklemme?

Nein, in Deutschland sehen wir keine Kreditklemme. Bestätigt werden wir in dieser Einschätzung sowohl durch das Herbstgutachten der Forschungsinstitute als auch durch Analysen der Deutschen Bundesbank. Zudem liegt – nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages – die Kreditablehnungsquote mit ca. 3 % auf unverändert niedrigem Niveau. Der bezogen auf den Gesamtmarkt festzustellende leichte Rückgang des Kreditbestands an die Wirtschaft im III. Quartal 2009 ist Folge der rückläufigen Kreditnachfrage, die auf den dramatischen Produktionseinbruch reagiert hat. Gleichwohl gibt es in einigen – vor allem exportorientierten – Branchen, Unternehmen und Regionen teilweise Finanzierungsschwierigkeiten.

Auslandsbanken verlassen die Bundesrepublik, Landesbanken kämpfen mit größten Schwierigkeiten, andere Institute müssen sich den verschärften Eigenkapitalanforderungen anpassen. Das muss sich doch negativ auf die Kreditvergabe hierzulande auswirken?

Die kommenden Monate werden zweifellos hinsichtlich der Kreditvergabe große Herausforderungen mit sich bringen. So wird die Kapitaldienstfähigkeit der Kreditnehmer konjunkturbedingt weiter abnehmen. Die genossenschaftliche Bankengruppe wird – wie bisher – zur Kreditversorgung der deutschen Wirtschaft beitragen. Konkret: Sie wird das Kreditgeschäft aktiv aber auch risikobewusst, d. h. in Verantwortung gegenüber ihren Sparern, Anlegern und Eigentümern fortsetzen.

Der genossenschaftliche Bankenverbund ist also sowohl von der Masse als auch von der Eigenkapitalausstattung her durchaus in der Lage, zusätzliche Mittel zu vergeben?

Die Genossenschaftsbanken haben noch Spielräume, die sie auch nutzen. Wir sind in unseren Zielkundengruppen mit Erfolg dabei, interessante Neukunden zu akquirieren. Wir sind also nicht nur hinsichtlich der Eigenkapitalsituation gut aufgestellt, sondern erweitern auch ständig unsere Refinanzierungsseite.

Also hat es im Kreditgeschäft der Genossenschaftsbanken im vergangenen Jahr Zuwächse gegeben?

Ja, die Kreditgenossenschaften haben in 2009 – nach vorläufigen Ergebnissen – ihre Kredite an Unternehmen und Selbständige um 3,5 % gegenüber dem Vorjahr gesteigert. Das ist im Vergleich zur gesamten Branche ein weit überdurchschnittliches Wachstum. Auch Vertreter der Politik sind von ihrer Pauschalkritik gegenüber den Banken abgerückt und stellen mittlerweile die Leistungen der Genossenschaftsbanken und Sparkassen bei der Kreditversorgung der Wirtschaft positiv heraus.

Wie ist das Geschäftsjahr 2009 für die Genossenschaftsbanken allgemein verlaufen?

Im Moment nur so viel: Im Vergleich mit dem Vorjahr wird sich das Ergebnis der Kreditgenossenschaften deutlich verbessern. Trotz des allgemein schwierigen Umfeldes steigt der Zinsüberschuss bei konstanten Kosten. Die Risikovorsorge fällt weniger hoch aus als 2008. Das ist vor allem auf eine positive Entwicklung im Bewertungsergebnis Wertpapiere zurückzuführen.

Sind die Volksbanken und Raiffeisenbanken gegen noch zu erwartende Kreditausfälle aufgrund der tiefen Rezession ausreichend gewappnet ?

Gerade im schwierigen Jahr 2010 werden in den Büchern der Volksbanken und Raiffeisenbanken sicherlich in größerem Umfang Kreditrisiken ankommen. Aber ich bin zuversichtlich, dass die genossenschaftliche Bankengruppe die Kreditrisiken auch im Jahr 2010 im Griff behalten wird. Unsere Banken nutzen die Freiräume aus ihrer ausgesprochen guten Ertragslage in 2009, um zusätzliche Reserven zu schaffen.

Banken und Wirtschaftsverbände fordern – aus Sorge um die ausreichende Kreditversorgung der Wirtschaft den Markt für Verbriefungen wieder zu beleben. Gerade die sorglosen Verbriefungen waren aber – ausgehend vom amerikanischen Immobilienmarkt – wesentliche Ursache der tiefen Finanzkrise. Warum sollte man ein solches Instrument nun wieder beleben?

Der ursprüngliche Ansatz von Kreditverbriefungen ist grundsätzlich nicht verwerflich. Voraussetzung ist eine entsprechende Transparenz über die verbrieften Kredite und ihre Risiken. Zu einer solchen Transparenz können auch allgemein anerkannte Standards bei der Kreditverbriefung beitragen. Für die Wiederbelebung des Verbriefungsmarktes sollte daher die bestehende gemeinsame Verbriefungsplattform aller Bankengruppen und der KfW – die sogenannte TSI – genutzt werden. Aus unserer Sicht sollte eine Wiederbelebung – vorrangig allerdings ohne staatliche Hilfe – geprüft werden.

Warum ohne staatliche Hilfe?

Es muss sichergestellt werden, dass über staatliche Garantien für Verbriefungen keine einseitige Risikoüberwälzung von einer Bank auf den Steuerzahler erfolgt.

Die Fremdfinanzierung – also Kreditfinanzierung – genießt vor allem beim Mittelstand in Deutschland traditionell hohe Priorität. In den angelsächsischen Ländern nimmt dagegen die Eigenfinanzierung einen hohen Stellenwert ein. In wieweit bieten die Genossenschaftsbanken Unternehmen, die verstärkt auf Eigenfinanzierung setzen möchten, ihre Unterstützung an – oder betrachten sie dies als unwillkommene Konkurrenz zum eigenen Kreditgeschäft?

Wir bieten im Bereich der Versorgung des Mittelstandes mit Eigenkapital oder eigenkapitalähnlichen Finanzierungsformen wie Beteiligungskapital und Mezzanine Finanzierungen im Rahmen des genossenschaftlichen FinanzVerbundes über seine Zentralbanken entsprechende Leistungen an. Die DZ Equity Partner und die WGZ Initiativkapital arbeiten eng mit den Volksbanken und Raiffeisenbanken vor Ort zusammen. Dadurch wird den Kunden der Genossenschaftsbanken ein speziell auf den Mittelstand zugeschnittenes Leistungsspektrum aus Eigenkapital und nachrangigen Finanzierungen – aus einer Hand – angeboten. Größeren Unternehmen, die den Weg direkt an den Kapitalmarkt antreten wollen, stehen die Zentralbanken beratend zur Seite.

Wann rechnen Sie mit einer allgemeinen Zinswende?

Angesichts der nur mäßigen konjunkturellen Erholung erwarten wir, dass die EZB ihr Leitzinsniveau bis weit in 2010 unverändert lässt. Im Anschluss erwarten wir allenfalls einen sehr langsamen Anstieg des Leitzinsniveaus. Unser BVR Zins-Tacho bestätigt dieses Szenario: Er zeigt ein nur geringes mittelfristiges Inflationsrisiko für die Eurozone an.

Wirtschaftsverbände berichten, dass viele Unternehmen sich schon jetzt mit höheren Kreditzinsen und auch höheren Sicherheitsanforderungen konfrontiert sehen.

Fakt ist, die Zinsen sind allgemein deutlich gesunken. Für kurzfristige Kredite entspricht der Zinsrückgang etwa der Ermäßigung des EZB-Leitzinses. Für langfristige Kredite, die ja nicht über die EZB finanziert werden, entspricht der Zinsrückgang dem Renditerückgang für Bundesanleihen.

Also läuft die Kritik der Wirtschaftsverbände ins Leere ?

Bei steigenden Kreditrisiken gewinnen natürlich die Kreditsicherheiten an Bedeutung. Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation stehen den Unternehmen aber nicht immer werthaltige Sicherheiten ausreichend zur Verfügung. Dann kann es risikoorientiert in Einzelfällen schon zu einem höheren Zins kommen.

Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann plädiert für einen Banken-Notfallfonds, in den neben Banken die Steuerzahler gleich schon von vornherein mit einzahlen sollen. Ist das auch im Sinne der Genossenschaftsbanken ?

Wir lehnen eine Mischfinanzierung eines solchen Fonds aus Steuermitteln und privatem Kapital grundsätzlich ab. Der von Herrn Dr. Ackermann vorgeschlagene Garantiefonds auf europäischer Ebene könnte Investmentbanken einladen, künftig noch größere Risiken einzugehen. Schließlich können sie sicher sein, dass im Fall des Scheiterns der Steuerzahler oder die Gemeinschaft der Banken einspringt. Banken sollten nicht mehr so groß und wichtig für das gesamte System werden, dass sie im Notfall gerettet werden müssen. Dann steht der Staat immer mit dem Rücken zur Wand. Wir sollten jetzt gemeinsam darüber nachdenken, wie die in der jüngsten Vergangenheit ohne Frage notwendigen staatlichen Eingriffe in das Bankensystem wieder zurückgeführt werden können.

Verschärfte Eigenkapitalvorschriften sollen die Banken weltweit krisenfester machen. Der Baseler Ausschuss hat nun ein Paket neuer Regeln vorgelegt. Sparkassen und Genossenschaftsbanken hatten größte Bedenken hinsichtlich der Anrechenbarkeit ihres Eigenkapitals.

Die vom Baseler Ausschuss formulierte Fußnote zur Anerkennung von genossenschaftlichen Geschäftsguthaben als hartes Kernkapital begrüßen wir. Damit sehen die Aufseher die Genossenschaftsanteile in Europa als gleichwertiges Eigenkapital an.

Worauf kommt es vor allem an?

Nun kommt es darauf an, in Europa eine Umsetzung zu schaffen, die dem Ziel der vollen Erhaltung des Genossenschaftskapitals in der bisherigen Art und Weise gerecht wird. Besonders gilt es jetzt, die Auswirkungen der Baseler Vorschläge auf die Kreditvergabe im Blick zu behalten, damit es nicht zu einer ordnungspolitisch verursachten Kreditklemme kommt, die erste Ansätze eines Aufschwungs gefährdet.

Die Deutsche Bank hat seit Anfang des Jahres eine neue Kennzeichnung für ihre Finanzprodukte eingeführt. So soll auf einen Blick über wichtige Eigenschaften und Konditionen informiert werden. Planen die Genossen Ähnliches ?

Schnellschüsse bei der Entwicklung von Produktinformationen für alle Produkte sind nicht angezeigt. Wir setzen dagegen auf standardisierte Lösungen die dem Kunden Informationen auf vergleichbarem Niveau bieten. Eine solche Standardisierung kann – aufgrund des grenzüberschreitenden europaweiten Wettbewerbs im Anlagebereich – nur auf europäischer Ebene erreicht werden. Aktuell sind auch auf dieser Ebene Regulierungsmaßnahmen zur Einführung standardisierter Produktkurzinformationen geplant. Solche europaweit einheitlichen Regelungen wären für Anleger wie Kreditinstitute praktikabler als instituts- oder länderspezifische Lösungen.

Verbraucherministerin Aigner drängt die Kreditinstitute seit Mitte vergangenen Jahres, ein in ihrem Haus entworfenes standardisiertes Produktionsinformationsblatt einzuführen. Warum reagieren die Kreditinstitute kaum ?

Auch dieser Vorschlag berücksichtigt nicht die Diskussionen, die derzeit u.a. für Investmentfonds auf europäischer Ebene geführt werden. Er ist auch nicht in die bestehenden europäischen Rahmenregelungen zu diesem Thema eingebettet und daher – wie ich meine – nicht zielführend.

Erste Institute gehen dazu über, Anlageberatung gegen Gebühr durchzuführen. Wäre das ein Weg zu einer umfassenderen Beratung zu kommen – vor allem über hauseigene Produkte hinaus ?

Ob eine verpflichtende Honorarberatung der richtige Weg ist, erscheint mir fraglich. Unser Geschäftsmodel ist das jedenfalls nicht. Eine Studie der DZ BANK zum Vertrauen der Bevölkerung in die Beratung der Banken ergibt, dass sich nur 20 % der Deutschen vorstellen können, einen Anlageberater zu bezahlen. Von diesen ist wiederum nur ein Viertel bereit, den bei Honorarberatern nicht unüblichen Stundensatz von 150 Euro zu zahlen. Die meisten Anleger sehen in der Geldanlageberatung keine Dienstleistung, die direkt zu vergüten ist.

Immer schärfere Regulierungen sind eine Sache. Ist es nicht auch erforderlich, schärfste Anforderungen mit Blick auf Ethik und Moral – in diesem Fall an die Banker – zu stellen ? Immerhin galt der Bankier einst als König der ehrbaren Kaufleute. Was wird auf diesem Gebiet getan, damit der Banker wieder seinem alten Ruf gerecht wird ?

Ethik und Moral spielen in der Genossenschaftsphilosophie seit eh und je eine zentrale Rolle. Da fühlen wir uns auch heute noch gut aufgestellt schließlich sind Kreditgenossenschaften nicht zuletzt durch das Genossenschaftsgesetz verpflichtet, ihre Mitglieder mit geeigneten Mitteln und Maßnahmen zu fördern. Bei den strategischen Zielen unserer Gruppe steht ganz oben – unter Nummer 1 – die Mitglieder- und Kundenzufriedenheit. Wir nehmen die Themen Ethik, Moral und Nachhaltigkeit sehr ernst und versuchen auch unsere Vertriebskultur im Sinne einer verantwortungsvollen Kunde-Bank-Beziehung – weg vom Produktgeschäft – zu entwickeln. Dass uns dies gelingt, macht uns auch in der Zukunft erfolgreich.

Wie sieht das in der Praxis aus ?

Der Beratungsansatz der Genossenschaftsbanken ist ganzheitlich und zielt darauf, die Finanzsituation des Kunden zu analysieren und gemeinsam mit ihm Lösungen für seinen Bedarf auszuarbeiten. Oberste Maxime: Der Kunde bekommt nur das, was er benötigt. Die Bildungswege für Mitarbeiter, die in der Kundenberatung tätig sind, sind darauf ausgerichtet und werden zusätzlich teilweise von externen Institutionen, wie z.B. der Universität Passau zertifiziert. Inhalte wie „Verständnis der Kundenorientierung als Führungsaufgabe“ oder „Verständnis von Grundwerten für unternehmerisches Handeln“ prägen die Managementausbildung der Genossenschaftsbanken.

In wiefern ?

Sie verhindern, dass kurzfristiges Ertragsdenken zu Lasten langfristiger Kundenbindungsstrategien in der Geschäftspolitik der Volksbanken und Raiffeisenbanken in den Vordergrund rückt. Evaluierungen der Inhalte finden laufend statt.

Also ist Gier den Genossenschaftsbankern fremd ?

Es war in der Tat eine schmerzliche Erfahrung unserer Bankleiter, dass – zumindest in der Anfangsphase der Finanzkrise – auch die Politik undifferenziert alle Bankengruppen diesbezüglich angeklagt hat. Dennoch brachten die Verbraucher letztlich ihr Geld vorzugsweise zur Volksbank, Raiffeisenbank oder auch Sparkasse. Den Genossenschaftsbanken sind die Kunden nicht nur treu geblieben, sondern wir verzeichneten auch einen Neukundenzulauf, was unsere Einlagen- aber auch die Kreditentwicklung ja beweisen.

Laut Verbrauchermagazin „Finanztest“ sollen – auch bei Genossenschaftsbanken – verdeckte Kundengespräche sehr unbefriedigend ausgefallen sein: Weder seien die Anleger über eingehende Risiken aufgeklärt worden sein, noch sei zuvor die Finanzsituation der Anleger analysiert worden. Hapert es bei Genossenschaftsbanken trotz allem noch mit der Beratung ?

Im Juni 2009 wurden von TNSinfratest Kundenbefragungen durchgeführt sie zeigen für die Genossenschaftsbanken gute Ergebnisse. Danach wurden Volksbanken und Raiffeisenbanken in der Beratungsqualität zu knapp 95 % mit „ausgezeichnet“, „sehr gut“ oder „gut“ bewertet. Dennoch, wir nehmen auch die aktuelle Untersuchung von Finanztest sehr ernst: Wir ziehen unsere Erkenntnisse aus den Ergebnissen und werden sie in unsere kontinuierliche Optimierung der Bankberatung mit einbauen. Zu beachten ist aber auch, dass Finanztest Stichproben eines konstruierten Falls einer Anlageberatung bei nur fünf von rund 1200 Genossenschaftsbanken genommen hat. Ferner erhielten Garantiepapiere, nur weil sie nicht vom Staat begeben wurden, eine bereits vorprogrammierte Negativbewertung. Dass z.B. hauseigene Inhaberschuldverschreibungen bei Genossenschaftsbanken durch die BVR-Sicherungseinrichtung vollumfänglich abgesichert sind, wurde zu wenig berücksichtigt.

Still geworden ist es in der Öffentlichkeit um die Fusion zwischen DZ BANK und WGZ BANK. Aber es gibt bereits ein gemeinsames Vorstandsmitglied, das ständig zwischen Frankfurt und Düsseldorf pendelt.

WGZ BANK und DZ BANK haben ihre Zusammenarbeit intensiviert: Thomas Ullrich treibt als IT-Vorstand beider Zentralbanken gemeinsame Projekte voran. Gerade im strategischen Geschäftsfeld Transaction Banking wurde die Kooperation stark ausgebaut, um Synergien für den FinanzVerbund zu heben. Zusammenarbeit funktioniert also auch „als Ehe ohne Trauschein“, um den DZ BANK-Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Kirsch zu zitieren.

Also engste Zusammenarbeit statt Fusion ?

Kurzfristig ist eine Fusion nicht zu erwarten. Es gibt aktuell auch keine Fusionsgespräche. Die jetzige enge Zusammenarbeit beider Zentralbanken ist aus Sicht unserer Organisation sehr zu begrüßen.

Wie beurteilen Sie die derzeitige Kapitalausstattung der DZ Bank – wird Sie auch längerfristig ausreichen ?

Die DZ BANK verfügt über eine solide Eigenkapitalbasis. Sie hat ja ihre Kapitalerhöhung über 400 Mio. Euro im genossenschaftlichen FinanzVerbund platziert. Diese Grundkapitalerhöhung war der letzte Bestandteil eines Dreistufenplans zur Stärkung der Kapitalbasis der Bank. Bereits im ersten Halbjahr 2009 wurde hartes Kernkapital (tier 1 Kapital) im Volumen von 500 Mio. Euro im Verbund platziert. Hinzu kam eine Eigenkapitalentlastungsgarantie des BVR.

Was wird 2010 auf die Volksbanken und Raiffeisenbanken zukommen ?

Wie eingangs bereits betont sind die Genossenschaftsbanken gut darauf vorbereitet, dass in der Wirtschaftskrise die Kreditausfälle zunehmen werden. Gleichzeitig verringern sich die positiven Sondereffekte aufgrund der Niedrigzinsphase. Der Druck auf die Zinsmargen wird weiter zunehmen. Vor diesem Hintergrund ist die Frage der effizienten Leistungsdarstellung und Kostenreduzierung für alle Institute des FinanzVerbundes in diesem Jahr – trotz der sehr erfreulichen Ergebnislage 2009 – von entscheidender Bedeutung.

Wo sehen Sie Chancen in 2010 ?

Insbesondere im Aktivgeschäft. Unsere Kreditvergabefähigkeit ist durch die Krise keinesfalls beeinträchtigt worden. Im Gegenteil, es gelingt den Volksbanken und Raiffeisenbanken weiter, ihre Kundenzielgruppen in beträchtlichem Umfang auszubauen – obwohl die Genossenschaftsbanken nicht Konditionsführer sind. Auf der Passivseite werden wir das große Vertrauen, was uns gerade in der Finanzkrise entgegengebracht worden ist, auch 2010 rechtfertigen: Auch hier bieten wir unseren Kunden – wie bisher – eine nachhaltige und ganzheitliche Beratung nach den eingangs genannten Kriterien an und gewährleisten aufgrund der BVR-Sicherungseinrichtung eine hundertprozentige Sicherheit ihrer Einlagen.

Woran arbeitet der BVR mit Blick auf die Zukunft ?

Wir arbeiten stetig an einer zielorientierten Weiterentwicklung des FinanzVerbundes. So hat der BVR das Instrument „Kompass“ entwickelt. Es soll – unter Wahrung der Autonomie der einzelnen Ortsbank – Orientierung für den gesamten genossenschaftlichen FinanzVerbund geben. Exemplarische Kompass-Projekte zum Ausbau der Stellung im Privat- und Firmenkundengeschäft betreffen die Bereiche Vertriebskultur, Potentialausschöpfung und Produkteffizienz. Ausgangspunkte der Betrachtungen sind eine volkswirtschaftliche Prognose für das kommende Jahr zur Entwicklung einzelner Wirtschaftszweige sowie Überlegungen, welche Zuwächse volumen- und ertragsmäßig für unsere Gruppe anzustreben sind. Der „Kompass“ wird für die Volksbanken und Raiffeisenbanken bei der Bewältigung der Herausforderungen des Jahres 2010 eine wesentliche Hilfe sein.

Was drückt die Genossenschaftsbanken besonders – was wäre Ihr größter Wunsch an die Politik für das Neue Jahr?

Die Notwendigkeit regulatorischer Maßnahmen habe ich bereits betont. Neue bzw. weiterentwickelte Regulierungen müssen allerdings mit Augenmaß geschehen. Zudem darf es keine undifferenzierte Sicht auf die gesamte Kreditwirtschaft mehr geben. Analyse und Nutzung von Erfahrungen aus erfolgreichen Geschäftsmodellen, insbesondere der dezentralen Verbünde, sollten im Vordergrund stehen.

DIETER W. HEUMANN

Ein Beitrag von:

  • Dieter W. Heumann

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