Gründer 22.03.2002, 17:33 Uhr

Das Ruder herumgerissen

Fast war Schluss mit lustig. Christopher Schering hatte die Zahlungsbereitschaft junger Surfer für Webcontent falsch eingeschätzt und stand vor dem finanziellen Ruin. Erst die Erweiterung seines Geschäftsmodells brachte die Wende.

Als Christopher Schering beschloss eine Firma zu gründen, war er ein unternehmerisches „Greenhorn.“ Der heute 28-Jährige hatte gerade sein BWL-Studium in St. Gallen abgeschlossen, einige Berufserfahrungen als Praktikant gesammelt und eine Idee im Kopf: „Ich wollte so etwas wie die Sendung mit der Maus für das Internet machen – Edutainment für Kinder im Netz“, erzählt er. Statt sich wie viele seiner ehemaligen Kommilitonen beruflich auf Weltreisen zu begeben, schloss sich Schering im Sommer 1999 mit seinem Studienfreund Christian Sauer in einer Kölner Einzimmerwohnung ein. Tagelang feilte das Duo am Business-Plan.

Eine Finanzierung zu bekommen war gar nicht schwierig. „Damals riefen uns Geldgeber auf dem Handy an und überboten sich gegenseitig“, erzählt Schering. Auf einem Empfang kam er mit dem Geschäftsführer der Werbeagentur Scholz & Friends, Thomas Heilmann, ins Gespräch. Der Werber hatte jüngst die Wagniskapitalgesellschaft Econa AG mit ins Leben gerufen und versprach „smart money“ – Finanzierung verknüpft mit unternehmerischen Ratschlägen. Das überzeugte die Jungunternehmer. Im Mai 2000 kassierten sie 10 Mio. DM Wagniskapital von Econa und Business-Angels.
Sie mieteten in Berlin eine Fabriketage in einem Hinterhof und begannen mit dem Aufbau des Portals. Pädagogen und Medienpädagogen entwickelten in Kooperation mit einem wissenschaftlichen Beirat lehrreiche Inhalte für die Vier- bis Zwölfjährigen. Vier Zeichner verwandelten diese mit flotten Strichen in ein buntes Planetensystem. Kleine Nutzer sollen dort sicher surfen können. Die eigene Suchmaschine Clikks listet zwei Millionen „kindgerechte“ Webseiten auf. Spielerisch gibt es hier viel zu lernen – die jungen Surfer können auf Zeitreise in das alte Rom gehen, das Innenleben von Hirschhornkäfern oder Fischstäbchen freilegen und im virtuellen Studio beim Filmdreh assistieren. In einem täglichen Chat hilft eine Grundschullehrerin bei den Hausaufgaben. Dass Kinder Spaß an der Seite haben, garantiert der „Zwergenrat“. Einmal in der Woche sehen zehn kleine Internetkundige zwischen vier und zwölf den Zeichnern über die Schulter und befinden, ob das neue Männlein wirklich „cool“ ist. „Erwachsene können da ziemlich danebenliegen“, weiß Christopher Schering. Seit Juni 2000 ist seine Internetseite online und hat auch in der Erwachsenen-Welt Erfolg. Die Volkswagenstiftung und das Kinderhilfswerk krönten das Kinder-campus-Portal mit dem Kidsaward. 30 000 junge Nutzer hatten sich bis zum Sommer 2001 angemeldet. „Das Angebot war kostenlos. Wir dachten, wenn das Portal bekannt ist, können wir auf Mitgliedsbeiträge umstellen. Das war ein Fehler“, räumt der Gründer heute ein. „Wenn ein Produkt einmal gratis angeboten wird, sind die Nutzer nicht bereit, später dafür zu bezahlen.“ Nur jedes zehnte registrierte Mitglied von Kindercampus wollte die 6 “ Monatsgebühren überweisen. „Die Produktion ist aber extrem aufwändig – unter diesen Umständen war sie nicht wirtschaftlich zu betreiben“, weiß der Gründer heute.

Zum Glück hatte er noch gerade rechtzeitig ein neues Geschäftsfeld erschlossen: die Produktion von Kinderportalen für Großunternehmen. Einer der ersten Aufträge kam von Lego. Dass sich dort die Türen öffneten, hat Christopher Schering zum Teil seiner alten Uni zu verdanken: „Es gibt ein Alumni-Netzwerk und den unausgesprochenen Ehrenkodex, dass man sich gegenseitig unterstützt.“ Fast in allen Dax-Unternehmen sitzen Absolventen aus St. Gallen irgendwo im Management.

Die Rettung brachte aber erst DaimlerChrysler. Der bisher umfangreichsten Auftrag sah die Errichtung von „Cedy´s World“ vor. Darin führt das Pixelmädchen Cedy neue Technologien vor, nimmt Motoren auseinander und fährt Autorennen – alles vor dem Hintergrund, die Kunden von Morgen zu gewinnen. Schering weiß jetzt: „Damit habe ich das Ruder gerade noch rechtzeitig herumgerissen. Wir hatten viel zu spät begonnen, Umsätze einzubringen und einen Vertrieb aufzubauen.“

Kindercampus zelebrierte anfangs lockere Start-up-Kultur – die Kreativen zeichneten frei von allen Zwängen und schlenderten barfuß durch die Fabriketage. Von Start-up-Kultur mögen die jungen Manager heute nichts mehr hören. Mittlerweile haben sie die Firma straff durchorganisiert und verlangen morgens pünktliches Erscheinen. „Auch das smart money war eine Illusion – die Geldgeber drangen auf schnelles Mitarbeiterwachstum und häufiges Erscheinen in den Medien. Viele der VC-Geber waren ebenso unerfahren wie die Gründer“, so Schering.

Mit 60 Mitarbeitern war das Unternehmen Ende 2000 viel zu groß geworden. Gleichzeitig zeichnete sich ab, dass die zugesagte zweite Finanzierungsrunde ausbleiben würde. „Wir standen vor dem Aus, haben aber gerade noch rechtzeitig begonnen an allen Ecken und Enden zu sparen“, so Schering. Der schwerste Moment für die Firma kam, als Mitarbeiter entlassen werden mussten. In zwei Etappen verkleinerte sich die Firma auf 25 Mitarbeiter. Im Sommer 2001 kam dann doch noch die versprochene Zwischenfinanzierung. Durch die Großaufträge steht die Firma nun auf eigenen Füßen. Seit November 2001 schreibt die Kindercampus AG schwarze Zahlen. Den Umsatz von 1,5 Mio. DM im vergangenen Jahr will Schering 2002 verdoppeln. Durch eine Vertriebspartnerschaft mit Arcor will er auch für Kindercampus neue zahlungswillige Mitglieder gewinnen. In zwei Jahren hat er soviel gelernt, dass ihm die Zeit doppelt so lang vorkommt. Ein Greenhorn ist er längst nicht mehr. SUSANNE ZIEGERT

Von Susanne Ziegert
Von Susanne Ziegert

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