Gründer 28.07.2000, 17:26 Uhr

Das Internet zum Sprechen bringen

Ein Lingubot, der Surfer durch die Weiten des Web führt.

Bei unangenehmen Fragen wechselt die Farbe des virtuellen Maskottchens Twipsy auf der Internetseite der Expo ins Grünliche. „Wenn Sie meinen“, mailt er dann diplomatisch und ein wenig beleidigt beim Chat im Internet zurück.
Stundenlang kann er darüber referieren, wo sich welcher Pavillon befindet oder das Kulturprogramm in Hannover herunterspulen. Das virtuelle Wesen ist ein Lingubot – frei übersetzt ein Roboter, der sprechen kann, allerdings nur so gut, wie ihn seine Erfinder von der Hamburger Kiwilogic AG programmiert haben. Die Gründer haben eine Software für eine natürlichsprachige Kommunikation entwickelt, die Wortkombinationen aus der Frage mit einer Datenbank abgleicht und programmierte Antworten zurückgibt. 5000 Kombinationen aus Erkennung und Antwort sind die Wissensbasis des virtuellen Maskottchens Twipsy.
„Ein künstliches Gehirn im Sinne von Denken ist das nicht, unser System sucht die passende Antwort auf die vielen verschiedenen Möglichkeiten eine Frage zu stellen und wirkt dadurch intelligent“, erläutert Firmengründer Karl-Ludwig von Wendt. Keine nüchterne Maschinensprache sollen seine Lingubots von sich geben. Die Autoren – darunter Drehbuchschreiber und Psychologen – haben freie Hand, dem Lingubot ihren persönlichen Humor einzuhauchen. Wenn etwa Twipsy launig ablehnt, Witze aufzuzeigen („Wir Datenträger sind in dieser Beziehung etwas eigenartig“), amüsiert die widerspenstige Maschine den Gesprächspartner. „Menschen tendieren dazu, Maschinen wie Artgenossen zu behandeln. Lingubots mit menschlichem Touch werden vom Nutzer stärker angenommen.“
„Ich bin überzeugt, dass 2003 jede Website in der Lage sein wird, in natürlicher Sprache, also mit Fragen und Antworten, mit den Nutzern in Kontakt zu treten“, ist von Wendt überzeugt. Die Firma hat neben Twipsy bereits Sprachroboter für den Fernsehsender Premiere, den Getränkehersteller Apollinaris oder Olympus entwickelt.
Enorme Wachstumspotenziale sehen die Gründer für den Einsatz der Bots im E-Commerce. Oft suchen die Kunden vergeblich nach Produktinformationen. Künftig könnten die Lingubots zu bestimmten Produkten führen. Zudem können sie durch Cross Selling den Umsatz steigern – dem Käufer von Turnschuhen schlägt der Bot beispielsweise auch gleich einen Jogging-Anzug vor.
Große Veränderungen sieht Unternehmer von Wendt auf die Call-Center zukommen: „Der Lingubot ist der Mitarbeiter der Zukunft für Routinefragen.“ Deshalb erwartet der Kiwilogic-Chef künftig mehr hoch qualifiziertes Personal in den Call-Centern, das die einfachen Anfragen den Roboter-Kollegen überlässt. Bei der Expo zum Beispiel sind nach Schätzung der Betreiber 20 % bis 30 % weniger E-Mails eingegangen, weil der Computer Rede und Antwort steht.
Bereits jetzt beantworten die Lingubots nach Darstellung ihrer Betreiber bis zu 80 % der gestellten Fragen korrekt. Die übrigen 20 % zu programmieren wäre ein gewaltiger Aufwand. Dennoch lassen sich mit den Lingubots beispielsweise Fehlerquellen von Produkten abfragen und ausschließen.
3500 Euro kostet das Softwareprogramm für den Lingubot. Häufig übernimmt der Kunde die einfach zu handhabende Eingabe der Sprachbausteine. Das Schaffen einer Wissensdatenbank kostet sonst zwischen 4000 DM und 30 000 DM. Auch wenn das System schon läuft, muss die Datenbank aktualisiert werden. Für den Betreiber können die Fragen und Antworten ein wichtiges Marktforschungsinstrument werden, an dem er Kundeninteressen ablesen kann.
„Wir wollen global agieren und unsere Software zum Standard für diese Art der Kommunikationssysteme machen“, sagt Karl-Ludwig von Wendt selbstbewusst. Deshalb hat die im September gegründete Firma bereits Büros in London und in New York eröffnet und plant ein weiteres an der Westküste der USA. Derzeit beschäftigt Kiwilogic 43 Mitarbeiter, über 100 sollen es im nächsten Frühjahr sein.
Im September 1999 hatte die Wagniskapitalfirma Earlybird die erste Finanzierungsrunde mit einem einstelligen Millionenbetrag unterstützt, nun steht die zweite Finanzierungsrunde an. In diesem Jahr fällt der Umsatz voraussichtlich im einstelligen Millionenbereich aus, im kommenden Jahr soll er zweistellig sein und Ende 2001 will die Firma den Break-even erreichen, den Börsengang fest im Visier.
Einen Entwicklungsschub erwartet der Kiwilogic-Gründer von der Integration von Spracherkennungssystemen. In zwei, drei Jahren soll der Standard-Lingubot sprechen statt mailen. „Künftig kommunizieren die Menschen per Handy mit dem Internet und lassen sich etwa den Weg zur Tankstelle erklären“, glaubt von Wendt. Auch sein Arbeitspensum soll bald ein Lingubot verringern. Auf der Web-Site von Kiwilogic können Investoren dann mit dem virtuellen Vorstandschef chatten. S. ZIEGERT
Im 3. Teil unserer Serie „Start-ups verändern die Wirtschaft“ lesen Sie in der kommenden Woche: Yoolia – wie man sich einen Online-Kunden ausrechnet
Der Vorstand: Erik Ballauff, Olaf Voß, Karl-Ludwig von Wendt und Alexander Dexne.

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