Unternehmensfinanzierung 04.12.2009, 19:44 Uhr

„Bonität hängt von Zukunftsperspektiven ab“  

Immer mehr Firmen klagen, dass sie nur noch schwer an Darlehen kommen. Die Bundesregierung hatte deshalb am Mittwoch zu einem Gipfel ins Kanzleramt gebeten. Wie dramatisch ist die Lage wirklich? Können die Banken nicht mehr Kredite vergeben oder wollen sie nicht? Fragen an Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). VDI nachrichten, Berlin, 4. 12. 09, ps

Wansleben: Es gibt derzeit in Deutschland keine flächendeckende Kreditklemme, aber zahlreiche Unternehmen die Probleme haben, von den Banken Kredite zu bekommen. Tendenz steigend.

Woran liegt das?

Die Unternehmen befinden sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation, die Zahlungseingänge der Kunden lassen oft auf sich warten, während die Kosten weiterlaufen. Und immer mehr Unternehmen haben Schwierigkeiten, Aufträge vorzufinanzieren.

Das bereitet uns große Sorge mit Blick auf die erkennbare wirtschaftliche Erholung. Denn wenn es nicht gelingt, diese Liquiditätslücke mit Bankkrediten zu überbrücken, ist der so dringend ersehnte wirtschaftliche Aufschwung in Gefahr.

Da die Unternehmen mit erheblichen Schwierigkeiten kämpfen, schlägt sich dies auch auf ihre Bonität nieder. Ist es da nicht geradezu notwendig, dass die Banken strengere Maßstäbe anlegen?

Selbstverständlich hat sich die Bonität bei vielen Unternehmen verschlechtert. Die Folge: Banken fordern höhere Kreditsicherheiten. Aber auch an den Sicherheiten ist die Krise nicht spurlos vorbeigegangen. Die Werte von Maschinen, Gebäuden oder sonstigen Anlagen sind konjunkturabhängig. Sie haben in der Krise deshalb an Wert verloren.

Es gibt also eine Art Scherenentwicklung: Einerseits fordern die Banken höhere Sicherheiten, andererseits sind diese krisenbedingt dahingeschmolzen…

…aber solche Probleme hat es doch immer schon gegeben. Wir haben nach 1945 ja bereits viele konjunkturelle Abschwünge erlebt.

Richtig, aber noch nie wurden die Finanzmärkte in diesem Ausmaß und weltweit gleichermaßen heimgesucht. Und deshalb kommen wir mit den Vorgehensweisen von gestern heute nicht weiter. Jetzt darf nicht gebremst werden. Wenn es nicht gelingt, den sich andeutenden Aufschwung zu beflügeln, dann besteht die Gefahr, dass wir in die Rezession zurückfallen. Das hätte negative Konsequenzen für den Arbeitsmarkt, die Binnenkonjunktur und damit für die gesamte Volkswirtschaft, auch für die Banken.

Und die Banken sind die Bremser?

Damit keine Missverständnisse entstehen: Die Vorsicht der Banken ist nachvollziehbar. Auch sie erleben die schlimmste Krise seit Kriegsende. Sie haben hohe Abschreibungen und Wertberichtigungen zu verkraften. Das schwächt das Eigenkapital – mit Folgen für die Kreditvergabe. Die Banken waren natürlich strukturell und institutionell auf eine solche Krise, die man nicht mit alten Mitteln überwinden wird, nicht vorbereitet.

Wie müssen die Banken denn ihr Verhalten ändern?

Die Ratingverfahren, die die Banken traditionell anwenden, um die Bonität des Kunden zu ermitteln, sind auf normale Zeiten ausgerichtet, nicht auf wirtschaftliche Extremlagen. Heute besteht – trotz aller Schwierigkeiten – die Aussicht, dass die wirtschaftliche Situation in 2010/2011 wesentlich besser verlaufen kann, als wir das noch vor kurzem erwarten durften.

Doch dieser Swing muss rasch erkannt werden, damit wir die Chancen des Aufschwungs nicht vergeben. Schwerlich aber bewältigen die Banken diesen Swing mit den gebräuchlichen Ratingverfahren da dominieren die schlechten Zahlen der Unternehmen von 2009 und die greifbare bessere Situation 2010/2011 geht nicht angemessen in die Bewertung ein.

Die Bonität der Unternehmen hängt jetzt viel stärker von den Zukunftsperspektiven ab als von den schlechten Zahlen der Vergangenheit. Dass dies erkannt wird, dafür werben wir.

Wer nimmt den Bankern das Risiko ab?

Natürlich ist es in guten Zeiten leichter für die Banken, die Bilanzen zu analysieren, als in schlechten Zeiten eine sich andeutende bessere Zukunft zu bewerten. Deshalb ist eine enge Kommunikation zwischen Banken und Unternehmen erforderlich.

Zu berücksichtigen ist zudem, dass mit dem Verfahren der Kreditbeurteilung auch Haftungsfragen für die Banken verbunden sind. Deshalb müssten die Ratingverfahren offiziell geändert werden, damit sich die handelnden Personen in den Banken auf ein anerkanntes Verfahren stützen können. Außerdem ist klar, dass Risiken durch die Banken adäquat bepreist werden müssen.

Aber die Banker stehen auch in der Pflicht?

Natürlich, die Kreditwirtschaft muss klar erkennen, dass ihr in der Krise entscheidend geholfen wurde. Vor allem systemrelevante Kreditinstitute durften nicht Pleite gehen. Aber jetzt ist die Zeit, dass die Banken eine adäquate Antwort finden. Denn es kann nicht sein, dass die Banken in guten Zeiten kräftig Geld verdienen und sich in schlechten Zeiten zurückziehen.

Heute ist jeder gefordert, nicht nur möglich zu machen, was ermöglicht werden muss. Er muss auch daran denken, dass das eigene Handeln mit zur Legitimation unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung beiträgt.

Aber das geringe Eigenkapital der Banken steht der gewünschten Kreditausweitung entgegen. Sollten die Eigenkapitalregeln aufgeweicht werden?

Wir warnen entschieden vor einer zu frühen Umsetzung der avisierten höheren Eigenkapitalbestimmungen.

Die Tendenz geht aber dahin, die Regulierungen weiter zu verschärfen.

Eine engmaschigere Regulierung bedeutet auch, dass die Banken weniger Kredite vergeben können. Entscheidend ist aber der Übergang.

Bildlich ausgedrückt stehen wir jetzt vor folgendem Problem: Wir sind ein mit billigem Geld hochgedopter Sportler. Wir sind auch künftig darauf angewiesen, die gleiche sportliche Leistung zu erbringen. Wir wissen zwar, dass wir die Leistung auch ohne Doping schaffen können aber eben nicht über Nacht. Der Übergang stellt jetzt das Problem dar.

Wie stellen Sie sich den Übergang vor?

Wir benötigen in der Perspektive eine klare Regulierung. Alle in den Finanzmärkten Tätigen – Finanzwirtschaft aber auch die Realwirtschaft – müssen wissen, was auf sie zukommt. Aber wir dürfen nicht nur darüber nachdenken, was geschehen muss, damit die Banken mehr Kredite geben können, sondern wie die Unternehmen der Realwirtschaft selbst künftig mehr Eigenkapital bekommen.

Das heißt die Unternehmen sollten verstärkt den Kapitalmarkt anzapfen wie in den angelsächsischen Ländern?

Sicherlich, die Eigenfinanzierung muss auch bei heimischen Unternehmen mehr Gewicht erhalten. Private Equity ist kein Allheilmittel, das zeigen die USA und Großbritannien jetzt in der Krise.

Die Eigenkapitalbildung ist in Deutschland vor allem auch eine Frage der Besteuerung. Deshalb appellieren wir an die Regierung: Weg mit der Substanzbesteuerung: Mit der Besteuerung von Mieten, Pachten, Zinsen und Leasingraten. Im Rahmen der Gewerbesteuer sind Steuern auf Aufwendungen zu zahlen – auch wenn keine Gewinne angefallen sind. Das ist ein Fehler.

Was sollte zudem getan werden zur Förderung der Eigenkapitalbildung in den Unternehmen?

Es gibt in Deutschland noch zahlreiche weitere steuerliche und gesetzliche Hemmnisse für die Bildung von Eigenkapital: So werden Unternehmen besteuert, wenn sie vererbt werden. Das vermindert die Motivation für Unternehmen mehr Eigenkapital zu bilden. Denn je mehr ein Unternehmen wert ist, desto höher fällt die Erbschaftssteuer aus.

Ein wichtiger Beitrag zum Wachstumsbeschleunigungsgesetz wäre die Abschaffung der betrieblichen Erbschaftssteuer gewesen. Zudem werden Unternehmen in Deutschland nach wie vor nicht gerade niedrig besteuert.

Auch haben wir hierzulande ein umfassendes „Unternehmensverfassungsrecht“ – vom Gesellschaftsrecht bis hin zum Arbeitsrecht. Das hat zur Folge, dass strukturelle Veränderungen in der Krise viel mehr Zeit benötigen, das aber kostet Eigenkapital.

Die Frage der Eigenkapitalbildung eines Unternehmens ist eben nicht nur eine Frage der Ausschüttungspolitik der Unternehmen, sondern vor allem auch eine Frage des kompletten steuerlichen und rechtlichen Rahmens. Da liegt in Deutschland vieles im argen.

Diskutiert wird aber auch die Wiederbelebung von Kreditverbriefungen – ein in der Öffentlichkeit umstrittenes Mittel.

Wir sind wie die Banken der Auffassung, dass der Verbriefungsmarkt wieder in Gang kommen muss. Sicherlich ist dieser Markt durch die verbrieften amerikanischen Immobilienkredite schlechter Qualität in Verruf gekommen. Aber am Verbriefungsmarkt führt in der heutigen Zeit des hohen Darlehns- oder Kreditbedarfs kein Weg vorbei. Für die Banken hat der Verbriefungsmarkt heute den Stellenwert, wie die Rückversicherung für die Versicherer.

Aber es wird gefordert, den Verbriefungsmarkt mit staatlicher Hilfe wieder in Gang zu bringen. Deutsche Bank-Chef Ackermann fordert z. B., dass der Staat für einige Zeit befristete Garantien für verbriefte Kredite abgeben soll. Noch mehr Staat in der Finanzwirtschaft, ist das wirklich gewollt?

Das ist in der Tat ein Problem. Aber es kann auch nur darum gehen, dass wieder ein Verbriefungsmarkt zustande kommt. Klar ist, dass das Haftungsvolumen des Staates begrenzt sein muss, er darf nie zu 100 % einsteigen. Ebenfalls muss das Engagement zeitlich begrenzt sein. Schließlich ist zu gewährleisten, dass es Regeln am Verbriefungsmarkt gibt, die jedem Marktteilnehmer Vertrauen in den Markt geben können. Daher die vorübergehende Einbindung des Staates.

Könnten Sie die notwendigen Vertrauensmaßnahmen konkretisieren?

Über eine bessere Regulierung müssen wir zu mehr Transparenz am Markt kommen. Wir haben gesehen, dass der bisherige Transparenzersatz, nämlich die Einschätzungen der Ratingagenturen, keine ausreichende Lösung war. Wir benötigen jetzt eine Nachfolgeregelung, die mehr Transparenz und Glaubwürdigkeit auf den Finanzmärkten schaffen kann.

Das heißt nicht, dass Spekulationsgeschäfte so reduziert werden sollten, dass sie kaum noch stattfinden können. Denn Spekulationsgeschäfte können volkswirtschaftlich sinnvoll sein – immer dann wenn sie Vermögenspreisblasen zum Platzen bringen.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel beschäftigt das Thema Kreditklemme. Sie will jetzt nach französischem Vorbild einen Kreditmediator ernennen, der Unternehmen helfen soll, an Kredite zu kommen. Eine gute Idee?

Aus meiner Sicht kann ein Kreditmediator dazu beitragen, die Kommunikation zwischen Banken und Unternehmen zu erleichtern. Allerdings sollten die Erwartungen nicht zu hoch sein. Letztlich entscheiden die Banken über die Kreditvergabe, denn sie müssen das Risiko tragen. Für einzelne Kreditprobleme stehen die IHKs den Unternehmen bereits heute zur Seite. Allein bis Oktober haben die IHKs in diesem Jahr über 55 000 Unternehmen bei Finanzierungsfragen beraten. DIETER W. HEUMANN

Von Dieter W. Heumann
Von Dieter W. Heumann

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