Gründer 22.12.2006, 19:25 Uhr

Bessere Zeiten für Hightech-Gründer?  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 22. 12. 06, ps/sta – Für Technologiegründer ist es immer noch schwer, an Geld zu kommen. Viele Wagnisfinanzierer zeigen ihnen die kalte Schulter – kein Wunder, leiden diese doch selbst unter leeren Kassen. Immer häufiger springen staatliche Fonds in die Bresche. Kommt 2007 die Wende? Müssen die Rahmenbedingungen für Wagniskapital verbessert werden? Welche Technologien sorgten im vergangenen Jahr für Furore? Die VDI nachrichten haben führende Venture Capitalists und Business Angels befragt.

Wie werden sich Anzahl und Volumen der Venture Capital Investments im kommenden Jahr entwickeln?

Hendrik Brandis, Earlybird: Das hängt entscheidend vom Fundraising ab. Viele Venture Capital Gesellschaften haben in letzter Zeit neue Fonds aufgelegt. Ich rechne damit, dass es einigen bis Mitte kommenden Jahres gelingt, feste Zusagen von Investoren zu erhalten. Wenn das so kommt, werden 2007 deutlich mehr Hightech-Start-ups finanziert werden können. Allerdings darf man nicht unterschätzen, wie tief bei vielen institutionellen Investoren die Skepsis gegenüber europäischem Venture Capital sitzt. Und das, obwohl mehrere Studien zeigen, dass die europäische VC-Industrie 2005/2006 erstmals in der Geschichte der Anlageklasse bessere Ergebnisse vorweisen kann als die amerikanische Branche.

Alles spricht also für Europa und damit auch für Deutschland. Die Preise, die bei uns für Beteiligungen an jungen Unternehmen gezahlt werden müssen, liegen um etwa zwei Drittel unter denen in den USA. Hinzu kommt, dass sich Technologiefirmen auf dem europäischen Kapitalmarkt momentan leichter tun als auf dem amerikanischen. Börsengänge werden dort durch strenge Auflagen erschwert.

Christoph Kronabel, Heidelberg Innovation: 2007 wird vor allem vom Fundraising geprägt sein. Mehr Deals als in diesem Jahr wird es deshalb vermutlich nicht geben. Auch wir sind momentan dabei, Investoren für unseren neuen Fonds zu gewinnen. Im Frühjahr wollen wir das First Closing schaffen. Wir haben uns dafür neu aufgestellt. Erstens fokussieren wir uns jetzt voll auf die Medizintechnik. Für Biotech gibt es einfach kein Geld in Deutschland. Und zweitens gehen wir gemeinsam mit einer US-amerikanischen VC-Gesellschaft ins Fundraising. Das erleichtert unseren künftigen Beteiligungsunternehmen, den US-Markt zu erschließen. Auch für die späteren Exit-Chancen ist ein amerikanischer Partner von großem Vorteil.

Gottfried Neuhaus, Neuhaus Partners: Für Neuhaus Partners wird 2007 ein gutes Jahr werden. Wir haben unseren dritten Fonds unter Dach und Fach, sind also investitionsbereit. Hinzu kommt, dass der Deal Flow im Augenblick hervorragend ist. Es gibt sehr viele interessante junge Unternehmen auf dem Markt. Der Hightech-Gründerfonds hat viele gute Start-ups erstfinanziert, die in nächster Zeit institutionelles Wagniskapital nachfragen werden.

Weniger optimistisch bin ich für die Branche insgesamt. Die meisten großen Wagnisfinanzierer sind derzeit im Fundraising. Um an die Rekordinvestitionen vergangener Jahre anzuknüpfen, müssen die Kassen erstmal wieder aufgefüllt werden.

Eckard Wohlgehagen, Business Angel des Jahres: Das Investitions- und Beteiligungsklima wird sich weiter verbessern. Motor dieser Entwicklung bleibt der Hightech-Gründerfonds. Durch ihn wurden vermehrt Privatinvestoren dazu ermutigt, in die eigene Tasche zu greifen und Start-ups zu finanzieren. Das Business-Angels-Potenzial in Deutschland ist aber bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Um mehr Begeisterung für das Thema zu wecken, muss Aufklärung betrieben werden. Interessierte sollten erfahren, dass das Risiko der Gründungsfinanzierung beherrschbar ist. Ihnen müsste aufgezeigt werden, dass ein Angel-Investment eine alternative Anlageform sein kann, die – anders als Aktien und Rentenpapiere – nicht dem üblichen Zyklus der Finanzmärkte unterliegt. Erreichbar wäre dies, wenn die Arbeit der Business Angels Netzwerke stärker gefördert werden würde.

Was den Aufschwung ebenfalls noch hemmt, ist der Output der Hochschulen. Aus meiner Sicht müssten von dort mehr Ideen kommen. Hier sind vor allem die Dozenten gefragt!

Claas-H. Nieraad, Business Angel und VC-Berater: Die Zahl der Frühphasendeals wird steigen. Eine treibende Kraft dabei ist der Hightech-Gründerfonds. Durch dessen Engagement wird es später auch mehr Beteiligungen in den Folgephasen geben. Die dabei investierten Summen werden höher sein als die, die zuletzt beobachtet wurden. Hintergrund ist das zunehmende Volumen neu aufgelegter Fonds. Es entsteht Investitionsdruck.

Peter Jungen, Mitgründer des Business Angels Netzwerks Deutschland: Es wird keinen weiteren Einbruch geben – das derzeitige Niveau lässt ja kaum noch Platz nach unten. Erhebliche Steigerungen erwarte ich aber auch nicht. Die Rahmenbedingungen für Gründer sind zu schlecht – und darunter leiden auch die Business Angels. In keinem anderen Land hat ein Entrepreneur so viele Schwellenwerte zu beachten wie in Deutschland. Jeder unternehmerische Schritt kann ihn den Kopf kosten.

Nur ein Beispiel: Sobald ein Start-up fünf Mitarbeiter hat – darunter etwa eine Auszubildende -, müssen getrennte Toiletten eingeführt werden. Das ist doch hirnrissig. Und dabei gilt: Je schneller die Firma wächst, je erfolgreicher sie also ist, desto mehr Mühlensteine werden dem Gründer an den Hals gehängt. Das muss aufhören. Sonst wird das größte Problem Deutschlands nicht gelöst: Es mangelt hier nicht an Arbeit, es mangelt an Arbeitgebern! Die Politik diskutiert nur über die, die einen Job suchen. Sie sollte sich stattdessen mehr um die kümmern, die den Arbeitslosen eine Beschäftigung bieten können.

Die Bundesregierung bereitet ein Private Equity Gesetz vor, das 2008 in Kraft treten soll. Was müsste darin geregelt werden, um die Rahmenbedingungen für Wagnisfinanzierer in Deutschland zu verbessern?

Hendrik Brandis, Earlybird: In allen Steuerfragen muss endlich Klarheit herrschen, das ist unser größtes Problem in Deutschland. Private-Equity-Investoren sollten nicht auf Fondsebene, sondern auf der Ebene des einzelnen Investors besteuert werden. Das muss glasklar sein. Ich hoffe sehr, dass das neue Gesetz dafür sorgen wird. Außerdem sollte beim Carry, also der Gewinnbeteiligung der Fondsmanager, das Halbeinkünfteverfahren angewandt werden. Wichtig ist auch, dass Start-ups die Möglichkeit haben, Verluste zu verrechnen. Sonst sind wir als Standort international nicht konkurrenzfähig.

Christoph Kronabel, Heidelberg Innovation: Die Rahmenbedingungen für Venture Capital haben sich in den vergangenen Jahren schon deutlich verbessert. Ich sehe da bis auf die Wesentlichkeitsgrenze keinen großen Nachholbedarf mehr in Deutschland. Dennoch ist es sehr erfreulich, dass die Bundesregierung jetzt die steuerlichen Regelungen in einem Private-Equity-Gesetz bündeln will. Das zeigt, dass man die Bedeutung der Branche für die gesamte Volkswirtschaft erkannt hat.

Gottfried Neuhaus, Neuhaus Partners: Entscheidend ist, dass der Gesetzgeber die steuerlichen Fragen eindeutig klärt. Wir brauchen Rechtssicherheit, dass wir private Vermögensverwaltung machen und nicht gewerblich tätig sind, mit all den negativen steuerlichen Folgen, die das nach sich zieht. Perfekt wäre es natürlich, wenn es in Deutschland eine ähnliche Regelung wie in Großbritannien gäbe. Dort muss man für Investitionen in Venture Capital erstmal keine Einkommensteuer zahlen. Das brächte die deutsche VC-Industrie einen Riesenschritt nach vorn.

Eckard Wohlgehagen, Business Angel des Jahres: Ehrlich gesagt halte ich die Rahmenbedingungen in Deutschland für nicht so schlecht. Natürlich wäre es nett, wenn die Wesentlichkeitsgrenze von derzeit 1 % auf meinetwegen 10 % angehoben werden würde. Dann bräuchte ein Investor nur dann Steuern auf Veräußerungsgewinne zahlen, wenn er mehr als 10 % der Firmenanteile gehalten hatte. Aber Steuern zahlen muss ich auch in anderen Ländern. Und wenn ich hier gute Geschäfte mache, dann bin ich auch bereit dazu, meinen Beitrag zur Finanzierung der Staatsaufgaben zu leisten.

Stärkeren Handlungsbedarf sehe ich bei den Auswüchsen der Bürokratie. Die Verträge einiger Förderprogramme müssen praktikabler werden und dürfen nicht länger von juristischer Absicherungsmentalität geprägt sein.

Claas-H. Nieraad, Business Angel und VC-Berater: Wagniskapitalgeber sollten von der Gewerbesteuer freigestellt werden, wenn sie Gewinne wieder anlegen. Für Gründer müssten die Steuern ebenfalls gesenkt werden. Wünschenswert wäre eine vollständige Entlastung von der Gewerbesteuer in den ersten vier Jahren sowie eine reduzierte Ertragssteuer auf einbehaltene Gewinne. Daneben wäre eine einheitliche Regelung zu PE-Fondskonstruktionen, analog zu Modellen in Luxemburg und Großbritannien, wünschenswert.

Peter Jungen, Mitgründer des Business Angels Netzwerks Deutschland: Im Bereich der institutionellen Wagniskapitalgeber muss die Mehrfachbesteuerung aufgegeben werden. Es darf nicht sein, dass der Fiskus sowohl auf Gesellschafts- als auch auf Anlegerseite zugreift. Wenn das weitergeht, werden immer mehr VC-Firmen den Standort Deutschland verlassen.

Im Bereich der privaten Risikofinanzierer muss die Diskriminierung gegenüber anderen Kapitalanlegern aufhören. Die vorgesehene Abschaffung des Halbeinkünfteverfahrens ist ein Schritt in die falsche Richtung. Bisher werden Exit-Erlöse mit dem halben Steuersatz versteuert. Bei Business Angels dürften das in der Regel 21 % sein. In Zukunft sollen 25 % fällig werden. Bessere Regelungen gibt es etwa in Großbritannien. Hier gilt eine steuerliche Befreiung beim Einsatz von privatem Risikokapital.

Welche Technologie, die Ihnen in diesem Jahr zum ersten Mal begegnet ist, hat Sie am meisten beeindruckt?

Hendrik Brandis, Earlybird: Wir beobachten zurzeit äußerst spannende Entwicklungen im Gesundheitssektor und hier vor allem in der Medizintechnik. Ein gutes Beispiel ist ein Spin-off aus dem Fraunhofer-Institut, das wir in diesem Jahr finanziert haben. Mit dem Herzinnendruck-Sensor von VitalSensors ist es erstmals telemetrisch möglich, bestimmte Parameter im Herzen und im Kreislaufsystem zu überwachen. Bei Anomalien kann der Kardiologe frühzeitig therapeutisch einwirken, damit es nicht zu ernsthaften Zwischenfällen kommt.

Christoph Kronabel, Heidelberg Innovation: Mir ist in diesem Jahr kein wirkliches Highlight begegnet, muss ich ehrlich sagen. Dennoch war 2006 für uns ein sehr erfolgreiches Jahr. Wir haben drei Portfoliofirmen an die Börse gebracht und mit Berlin Heart einen Trade Sale geschafft. Dass das in den vergangenen zwölf Monaten möglich war, stimmt mich auch für 2007 optimistisch.

Gottfried Neuhaus, Neuhaus Partners: Wir haben 2006 spannende Projekte im Bereich von Games und Handy gesehen. Überhaupt ist der Deal Flow im Moment sehr gut. Aber wenn Sie nach einem Highlight fragen, einer absoluten Knüller-Technologie, da muss ich für das vergangene Jahr passen.

Eckard Wohlgehagen, Business Angel des Jahres: Spannend finde ich Locr. Die Braunschweiger ermöglichen die automatische Geo-Referenzierung von multimedialen Inhalten per GPS. Digitale Fotos werden beispielsweise mit Informationen darüber hinterlegt, wo sie entstanden sind. Die Visualisierung der Positionen erfolgt auf digitalen Landkarten und Satellitenbildern. Vom Fotografen freigegebene Aufnahmen können von der Locr-Community eingesehen werden und dienen so als aktuelles Bild-Informationssystem.

Claas-H. Nieraad, Business Angel und VC-Berater: Es war auffällig, dass viele Ideen, die es zu Zeiten des Dot.com-Hypes schon einmal gegeben hat, wieder aufgetaucht sind – diesmal aber hinterlegt mit einem durchdachten Geschäftskonzept. Vorangetrieben werden sie von Teams, die schon Gründungserfahrung haben. Ein Beispiel ist die Cellity AG. Sie hat einen Least-Cost-Router für Mobilfunknetze entwickelt.

Interessant ist auch das Konzept der Talon Air GmbH. Sie entwickelt und fertigt eine neue Art von ultraleichten Business Jets. Die Firma ist neben Airbus und Eurocopter die einzige in Europa, die ein Flugzeug vom Design bis zur Zulassung konzipieren kann.

Peter Jungen, Mitgründer des Business Angels Netzwerks Deutschland: Zu den interessantesten Entwicklungen des Jahres gehörte die Rückkehr des Internets. Jetzt wird deutlich, dass der Hype aus den Jahren 1999 und 2000 keine Blase war. Diese Zeit markierte den Beginn einer langen Entwicklung. Im B2B-Bereich werden sich neben den etablierten Geschäftsmodellen noch viele neue Ideen durchsetzen. Und der B2C-Bereich wird geradezu explodieren. Web 2.0 ist da nur ein Stichwort. Vorangetrieben wird der Aufschwung etwa vom semantischen Web. Suchmaschinen werden künftig nicht mehr nur nach Worten Ausschau halten, sie werden Texte verstehen und den Nutzer umfassend informieren können.

STEFAN ASCHE / PETER SCHWARZ

„Die Bedingungen für Venture Capital haben sich schon deutlich verbessert“

„Zu den interessantesten Entwicklungen 2006 zählt die Rückkehr des Internets“

Von Stefan Asche/Peter Schwarz
Von Stefan Asche/Peter Schwarz

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