Gründer 08.09.2000, 17:26 Uhr

„Andere gehen golfen, ich mache halt Charity“

Wirtschaft und soziales Engagement sind in Deutschland getrennte Welten. Das könnte sich jedoch bald ändern, denn die jungen Unternehmer der Neuen Wirtschaft wollen mehr als nur Geld verdienen.

Möchten Sie Big-Brother-Star Zlatko beim Dreh zu seinem Film „Mr Boggie“ zugucken? Oder seinen Anzug tragen? Oder Boxhandschuhe von Muhammad Ali erwerben? Kein Problem. Unter der Rubrik Highlights versteigert das Online-Auktionshaus E-Bay regelmäßig Promi-Souvenirs. Das Besondere daran: Das eingenommene Geld geht an die Aktion „Stern für Kinder“, die Kinderstationen in Krankenhäusern mit Computern ausstattet. „Wir wollen uns als ein freundlicher Marktplatz positionieren, auf dem sich die Menschen wohl fühlen. Charity gehört einfach zum Freundlichsein dazu“, sagt Pressesprecher Joachim Guentert.
W ie E-Bay setzten sich viele New-Economy-Firmen für wohltätige Zwecke ein. Einige Beispiele: Intershop sponsort E-Commerce Lehrstühle in Hamburg und Jena, Buecher.de hat sich der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft zur Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter angeschlossen, Netdiscounter stellt der Homepage der Aktion „Hilfe für Jessi“ (www.hilfefuerjessi) kostenlos URL und Speicherplatz zur Verfügung. „Hilfe für Jessi“ sammelt Geld für die Lebertransplantation an einem 6-jährigen Mädchen, dass an einer krankhaften Vermehrung der körpereigenen Abwehrzellen leidet. Die Firma Sponsorweb unterstützt dieselbe Initiative, indem sie deren Banner kostenlos auf nicht verkaufte Werbeflächen schaltet.

Soziales Engagement: Werbemasche oder echtes Anliegen?

Die Grenze zwischen gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein und Marketing ist fließend. So sind im Aachener Tierpark drei Schottische Schneemoorhühner eingezogen – übrigens die einzigen Tiere dieser Art in Deutschland. Gesponsort wird das Gehege von der Bochumer Phenomedia AG, die das Kult-Computerspiel Moorhuhnjagd erfunden hat. Am Tag der Eröffnung stürzten sich die Medienvertreter wie die Geier auf das eher unscheinbare Federvieh. Kaum ein Sender, der sich nicht darüber ausgelassen hätte, dass sich schottisches und virtuelles Morrhuhn so gar nicht ähnlich sehen.
Für Phenomedia sei das Ereignis PR-mäßig „ein nettes Detail am Rande“ gewesen, stapelt Pressesprecher Ulf Hausmanns tief. „Die Kunstfigur Moorhuhn ist ein Star. Bei dem Erfolg, den wir momentan haben, profitiert der Zoo stärker davon als wir.“
Die Firma, die 1999 als erstes Entertainmentsoftware-Unternehmen an den Neuen Markt ging, engagiert sich auch in anderen Bereichen. So versteigert sie derzeit bei E-Bay ein in Acryl gemaltes Moorhuhn-Bild. Der Erlös soll der Kölner Rock-Initiative gegen Fremdenhass „Arsch huh“ zugute kommen. Den Grund für den Einsatz der Aktiengesellschaft beschreibt Hausmanns wie folgt: „Als Unternehmen sind wir Teil der Gesellschaft. Wir können uns nicht in einen reinen Wirtschaftsraum zurückziehen.“
„Es ist auffällig, wie viele junge Internet- und IT-Firmen sich sozial engagieren“, findet Markus Seidler-Hühn, Projektmanager E-Commerce bei der Unternehmensberatung Bain & Company, die kürzlich in einer Studie deutsche Internet Start-ups unter die Lupe genommen hat. Ob dies mehr als ein kurzfristiger Trend sei, ließe sich jedoch noch nicht sagen.
Im B2C-Bereich tätige Firmen seien offenbar besonders aktiv, wenn es um Wohltätigkeit geht. „Mit Marketingmotive allein lässt sich das Phänomen jedoch nicht erklären“, glaubt Seidler-Hühn. In anderen Ländern, wie den USA, sei wohltätiges Engagement von Unternehmen schon lange selbstverständlich. Seiner Meinung nach werden soziale Themen dort weniger stark als Angelegenheit des Staates gesehen als hierzulande. Viele deutsche Gründer hätten im Ausland studiert und brächten nun diese Geisteshaltung mit nach Deutschland.

Sich einsetzen ist auch eine Frage der Persönlichkeit

Hinzu kämen für die neuen Gründer typische Persönlichkeitsmerkmale: „Das sind Leute, die zwar sehr ehrgeizig sind, aber trotzdem auch ein gewisses ethisches Grundverständnis haben und nicht alles andere ausblenden.“
Die jungen Unternehmer sammeln nicht nur Geld, sondern stellen auch ihre Arbeitskraft und Kreativität in den Dienst der guten Sache. Und schaffen dabei auch Neues. Zum Beispiel Helpdirect.org, das größte Spendenportal Europas. Hier können Spendenwillige unter anderem nach den Kriterien Thema oder Region nach Hilfsorganisationen suchen und sich über deren Aktivitäten informieren.
Initiiert wurde das Projekt während des Kosovo-Krieges durch Mitarbeiter von New-Economy-Unternehmern, wie der Preisvergleichsseite Price Contrast oder Net-Tenders, einem Marktplatz für Industrieausschreibungen. „Wir wollten den Opfern des Krieges Spenden zukommen lassen. Als wir uns über alle im Kosovo aktiven Hilfsorganisationen informieren wollten, stellten wir fest, dass es hierzu keine gemeinsame Plattform gab“, erklärt Harald Meurer, einer der Initiatoren von Helpdirect.org und Geschäftsführer von Price Contrast. Getragen wird das Portal durch die ehrenamtliche Arbeit der beteiligten Unternehmen sowie durch private Spenden. Price Contrast hat die Öffentlichkeitsarbeit übernommen, UUNet besorgt das Hosting, Assenmacher Network zeichnet verantwortlich für das Design, der Full Service Provider What“s up kümmert sich um die Software.

Wichtiger als Geldspenden: Zeit, Kreativität und Kontakte

Networking ist in der New Economy nicht nur im Geschäftsleben angesagt, sondern auch, wenn es um den guten Zweck geht. Wenn in wenigen Wochen eine überarbeitete Version von Helpdirect.org online geht, ist das wieder der Unterstützung von und Zusammenarbeit mit anderen Firmen zu verdanken. „Die Hilfsbereitschaft in der Branche ist enorm“, sagt Meurer. „Besonders bei Unternehmen, die sich bereits halbwegs etabliert haben.“
Die Vorbereitung des neuen Web-Auftritts, auf dem es unter anderem eine Börse für Ehrenamtliche und Initiativen geben soll, verschlingt nicht nur Geld, sondern vor allem Zeit. 15 bis 20 Stunden arbeitet Meurer momentan pro Woche unentgeltlich für die Spendenseite. Da bleibt für Hobbys nicht mehr viel Raum. Meurer nimmt“s gelassen: „Andere gehen in ihrer Freizeit auf den Golfplatz, ich mache halt Charity.“ SILKE LINNEWEBER

Von Silke Linneweber
Von Silke Linneweber

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