Geldanlage 22.09.2006, 19:24 Uhr

Zinsen verboten  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 22. 9. 06, sta – Der Islam gestattet es Anlegern nicht, Geld risikolos für sich arbeiten zu lassen. Unternehmerische Teilhabe und Wagniskapital sind aber erlaubt – vorausgesetzt die investierten Gelder kommen nicht solchen Firmen zugute, die an Alkohol, Schweinefleisch, Waffen oder etwa Pornografie verdienen. Entsprechende Fonds für die über 3 Mio. Muslime in Deutschland sind noch rar. Doch das wird sich bald ändern. Ausländische Banken drängen auf den Markt.

Darf ich eine Kreditkarte benutzen? Darf ich ein Konto eröffnen? Was für Christen selbstverständlich ist, ist für Muslime zumindest fraglich. Antworten gibt u. a. die Webseite des Zentralrats der Muslime: islam.de. Da ist beispielsweise zu lesen, dass der Islam Zinsen verbietet. Der Glaube gestattet es nicht, Geld risikolos für sich arbeiten zu lassen. Unternehmerische Tätigkeiten hingegen sind erlaubt. Und die Teilhabe am daraus folgenden Gewinn natürlich auch. Schließlich war der Prophet Mohammed ein Kaufmann.

Renditehungrigen Muslimen steht es demnach offen, in Risikokapitalfonds zu investieren. Auch dürfen sie als stille Teilhaber eines Unternehmens agieren.

Um Zinsen zu vermeiden, werden u. a. Lieferantenkredite akzeptiert. Auch Ratenzahlungen gegen Aufpreis sind möglich. Bei einer islamkorrekten Baufinanzierung z. B. erwirbt zuerst die Bank das Eigentum und verkauft es dem Kunden mit einem Aufschlag. „Nach Abzahlung der Raten schreibt die Bank das Eigentum auf den Käufer um und behält die Preisspanne“, erläutert Michael Saleh Gassner, Finanzexperte beim Beratungsunternehmen IslamicFinance. Zusätzlich käme ein Bauspartarif infrage, der sowohl in der Ansparphase wie bei der Finanzierung auf Zinsen verzichtet.

In der Praxis sind solche Angebote rar. „Muslime, die die eigenen vier Wände wünschen, müssen auf Freunde und Familie bauen“, so Gassner. Auch für die Förderung des Unternehmertums durch muslimisches Beteiligungskapital sei bisher nichts getan worden: „Denkbar wäre hier ein geschlossener Fonds, der Minderheitsbeteiligungen an muslimischen Firmen erwirbt“.

Es ist erstaunlich, wie wenig islamkonforme Finanzprodukte es in Deutschland gibt. Immerhin leben über 3 Mio. Muslime in der Bundesrepublik. Und ihre Sparquoten sind etwa doppelt so hoch wie die der Einheimischen. Das jedenfalls ergab eine Untersuchung von Mummert Consulting. Befragt wurden türkischstämmige Muslime mit niedrigem Nettoeinkommen. Auch die Zahl der Wohnungseigentümer wachse stetig. Der Geldtransfer in die Heimat sei hingegen rückläufig.

Ein Grund für die mangelnde Verbreitung islamkonformer Finanzprodukte könnte die geringe Nachfrage sein. Denn nur wenige Muslime sind an einer entsprechenden Anlage tatsächlich interessiert. Nur rund 20 % halten sie für sehr wichtig, weiteren 20 % sind sie egal. Die restlichen 60 % ließen sich durch spezifisches Marketing dafür gewinnen. Das jedenfalls ergab eine Umfrage der kürzlich neu gegründeten Islamic Bank of Britain (IBB) in Großbritannien.

Was die gezielte Kundenansprache ausmachen kann, zeigen die Erfahrungen mit den islamischen Holdings aus der Türkei während der zweiten Hälfte der 90er-Jahre. Damals kam es zu einem Boom von Neugründungen, besonders in der anatolischen Stadt Konya.

Die Holdings waren als Gesellschaften mit vielen Teilhabern organisiert, die am Gewinn bzw. Verlust beteiligt waren. Die Geschäftsinhalte reichten von Groß- und Einzelhandel über Charter-Flüge bis hin zum Aufbau einer türkischen Automarke. Die Firmen versuchten nicht nur in der Türkei, sondern auch verstärkt unter den Landsleuten im Ausland Kapital zu akquirieren. Sie versprachen oft zweistellige Gewinne. Allein in Deutschland waren nach einer Studie des Zentrums für Türkeistudien (ZfT) an der Uni Essen rund 30 Ableger der anatolischen Gesellschaften tätig. Dabei warben sie für ihr Vorhaben in den Moschee-Vereinen und bei islamischen Dachorganisationen wie Milli Görüs, einem der größten islamistischen Verbände in Deutschland. Sie appellierten nicht nur an den Glauben, sondern auch an die patriotischen Gefühle der Auslandstürken. Motto: „Sie tun etwas für Ihr Land!“

„Die meisten Firmen haben sich jedoch als Schneeballsystem entpuppt“, so Gassner. „Sie beschäftigen jetzt die Juristen“, ergänzt ZfT-Wissenschaftler Cengiz Yildirim. Die Anleger werden ihr Geld jedoch kaum wieder sehen, denn die Zertifikate, die sie gegen Bares oder Wertgegenstände ausgehändigt bekamen, waren weder hier noch in der Türkei rechtsgültig. Auf bis zu 5 Mrd. € dürften sich die Verluste von ca. 300 000 Geschädigten summieren. Seit 2002 sind die Holdings nicht mehr in Deutschland aktiv, sagt Yildirim und glaubt, dass dadurch auch das Vertrauen der türkischstämmigen Einwanderer in islamkonforme Investitionen nachhaltig erschüttert wurde. Und es seien vor allem die Älteren gewesen, die ihre Ersparnisse hineingesteckt hatten.

Gassner rät Anlegern, darauf zu achten, dass die gewählten Anlageprodukte eine Zulassung für Deutschland haben. Einen entsprechenden Fonds hat beispielsweise die Deutsche Bank aufgelegt. Er orientiert sich an dem Dow Jones Islamic Market Index der New Yorker Börse, der unter Aufsicht von Rechtsgelehrten (Sharia Board) steht. Sie wachen darüber, dass die börsennotierten Unternehmen auf diesem Teilmarkt „helal“ (erlaubt) sind.

Verboten sind Aktien von Unternehmen, die mit Alkohol-, Tabak-, Schweinefleisch, Glücksspiel, Pornografie oder Waffen ihr Geld verdienen. Dabei gibt es stets Grauzonen. Beispiel Telekommunikation: Investitionen in dei Technik sind als solche zwar erlaubt, über die Datenverbindungen lassen sich jedoch auch pornografische Inhalte verbreiten. Aus diesem Grund spenden Gläubige vorsorglich 0,2 % bis 0,3 % der Rendite.

Wer sich für das „Islamic Equity Builder Certificate“ der Deutschen Bank interessiert, muss gezielt nach den Zertifikaten fragen, sagt Pressesprecher Roland Weichert. Aktiv beworben wird es nicht. Und Infomaterialien gibt es nur auf Englisch. Der Fonds sei vor allem für reiche, ausländische Muslime bestimmt.

Die Strategie, vor allem auf zahlungskräftige Kundschaft aus der Golfregion zu setzen, hat sich beim Pionier auf dem deutschen Finanzmarkt, dem Al Sukoor-Fonds der Commerzbank, nicht ausgezahlt. Der Fonds musste wegen mangelnder Nachfrage 2005 schließen, räumt Pressesprecherin Annette Klages ein. Experte Gassner wundert das nicht. „Zwar wurde die Vertriebszulassung für Deutschland beantragt, aber keine konsequente Werbung betrieben“, sagt er. „Die inländischen Kunden wurden vernachlässigt.“ Des Weiteren fehle ein muslimischer Finanzvertrieb. Mit den wenigen Produkten mit deutscher Zulassung könnte ein spezialisierter Unternehmer kaum überleben.

Deshalb setzt auch Dogan Gündogdu nicht vorrangig auf korangerechte Anlagen. Der türkischstämmige Volkswirt hat 2000 die TDVM Capital AG gegründet. Sein Konzept ist das so genannte Ethno-Banking. Er berät Haushalte und Gründer türkischer Herkunft über Bankkredite, Altersvorsorge und Bausparverträge. Seine Landsleute kannten eigentlich nur den Immobilienerwerb als Vermögensbildung. Aber wenn die Sprach-, Kultur- und Vertrauensbarrieren überwunden werden, kauften sie die gleichen Produkte wie die Deutschen, sagt der Finanzberater.

Auf Wunsch informiert Gündogdu auch über islamkonforme Investitionen. Es sei jedoch nicht einfach, die frommen 15 % zu erreichen. Dafür müsse man Mitarbeiter haben, die in die Moscheevereine gehen. Hier könne man Kunden auf der „emotionalen Schiene“ ansprechen.

Sollen sich also gläubige Muslime mit dem schlechten Gewissen in Finanzfragen arrangieren? Möglich wäre das. Immerhin dürfen die Anhänger des Islams auch konventionelle Angebote nutzen – wenn es keine Alternative gibt. Deshalb dürfen sie laut islam.de auch ein Konto bei einer ganz normalen Sparkasse haben, müssen allerdings die Zinsen spenden.

Doch diese Marktlücke wird in absehbarer Zeit geschlossen. Islamische Finanzierungsformen werden schon in mehr als 70 Ländern von zirka 250 Finanzeinrichtungen angeboten. Banken wie HSBC, Citibank oder Credit Suisse First Boston haben islamische Geschäftszweige. Und eine türkisch-kuwaitische Finanzierungsgesellschaft, KuveytTürk, hat bereits eine Repräsentanz in München eröffnet. Die Islamic Bank of Britain (IBB) hat ebenfalls, so Gassner, die Muslime auf dem Festland im Visier. M. JORDANOVA-DUDA

Von M. Jordanova-Duda
Von M. Jordanova-Duda

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