Aktien 06.04.2001, 17:29 Uhr

„Willkommen auch am Strand von Hawaii“

Die virtuelle Hauptversammlung feierte Deutschland-Premiere.

Bordeauxrote Samtvorhänge verdunkeln den neoklassizistischen „Meistersaal“ am Berliner Potsdamer Platz. An der mit Holzintarsien versehenen Decke schwere goldene Lüster, im Parkett veloursgepolstertes Gestühl. Das gediegene Ambiente steht in krassem Gegensatz zur heutigen Tagesordnung. Denn die advantec-Wagniskapital AG, die hierher zur ersten ordentlichen Hauptversammlung (HV) geladen hat, ist auf zukunftsträchtige Technologieunternehmen spezialisiert.
Es ist Viertel vor zwei nachmittags. Auf den Sitzen haben bereits einige Aktionäre Platz genommen und blicken auf die hell ausgeleuchtete Bühne. Die meisten Anleger halten sich noch im Vorraum auf, wo sie, mit einer Kaffeetasse bewaffnet, in kleinen Gruppen ein Schwätzchen halten. Andere dürften sich mittlerweile am heimischen Computer niedergelassen haben. Denn an dieser HV können Anleger bundesweit erstmalig virtuell teilnehmen und ihr Votum per Mausklick abgeben.
Kontrastprogramm zur selben Zeit in Düsseldorf. Bei der Lai-Con GmbH steht die Pizza vom Bringdienst kalt und unbeachtet auf dem Schrank, Mitarbeiter gehen unruhig auf und ab. Sie haben die Software für diese Übertragung entwickelt sie haben die Technik in den vergangenen Wochen wieder und wieder getestet. Das Produkt ist ihr „Kind“. Aber läuft es jetzt, wo es drauf ankommt? „Schließlich schauen andere Kunden zu. Das ist schon eine Feuertaufe“, erklärt PR-Frau Jutta Westerfeld und blickt nervös zum Telefon. Wenn“s klingelt, reklamiert höchstwahrscheinlich ein Aktionär technische Probleme.
Zwei Etagen höher geht Geschäftsführer Klaus Durau die Powerpoint-Grafiken durch, die er passend zur Rede des Vorstands ins Netz stellen muss. Auf dem Monitor vor ihm bewegt sich noch nichts. „Beim nächsten Mal sollten wir überlegen, schon etwas eher Bilder aus dem Saal zu zeigen, irgendetwas, das zeigt: gleich geht es los“, ruft Durau zu den Software-Entwicklern hinüber.
In Berlin laufen indes die beiden digitalen Kameras schon. Mit Beginn der Versammlung werden ihre Bilder als Livestream ins Internet übertragen. Mittels einer speziellen Software können die Anleger den Ablauf zu Hause am Computermonitor verfolgen und ihre Weisungen tätigen. Für Dirk Zetzsche, ebenfalls Geschäftsführer der Lai-Con, beginnt die Arbeit. Der studierte Jurist ist in Berlin anwesend, als Stimmrechtsvertreter für Aktionäre, die über das Internet teilnehmen. Nur nach schriftlicher Vollmacht an einen solchen Vertreter ist die virtuelle Teilnahme an einer HV juristisch möglich. Zetzsche überwacht außerdem den korrekten technischen Ablauf der Internet-Wahl in Koordination mit der Firmenzentrale in Düsseldorf, mit der er über fünf ISDN-Leitungen verbunden ist.
Kurz nach 14 Uhr blicken dort alle gespannt auf die Monitore. Die Sekunden dehnen sich schier unendlich. Dann endlich: „Es läuft, das Bild ist da“, jubelt Jutta Westerfeld. Und wie es läuft: fast ohne Ruckeln und auch in Zigarettenschachtelgröße noch scharf. Die Internet-Gäste sehen, wie der Advantec-Vostand auf dem Podium Platz nimmt, noch einmal die Papiere ordnet. Jemand geht vor der Kamera her, verstellt für Sekundenbruchteile die Sicht. Die Lai-Con-Leute quittieren es mit einem gequälten Lächeln.
Dafür ist nun etwas zu hören. Aufsichtsrat Peter Matthies bittet über die Lautsprecheranlage die Aktionäre in den Sitzungssaal. Auch er scheint aufgeregt, seine Stimme bebt etwas. Danach begrüßt Vorstandschef Klaus Hagemann die Anwesenden im Saal und anderwärts: „Willkommen auch am Strand von Hawaii.“ Ob sich tatsächlich Anleger in der Südsee aufhalten, kann selbst via Internet-Technologie nicht ermittelt werden. Möglich wäre es.
Ein anderer kommt derweil nicht einmal von Bayern aus auf die Web-Site. „Haben Sie Ihre Aktien hinterlegt? Haben Sie eine Vollmacht erteilt? Und haben Sie auch Kennwort und Transaktionsnummern erhalten?“, geht Hendrikie Gröpeler an der Düsseldorfer Hotline mit dem Anrufer die Liste möglicher Fehler durch. „Wir klären das und rufen zurück“, muss sie den Aktionär schließlich vertrösten.
In Berlin berichtet der Vorstand inzwischen über das vergangene Geschäftsjahr und über den auf Mai verschobenen Börsengang. Dann beginnt die eigentliche Prozedur: Punkt für Punkt wird die gesamte Tagesordnung vorgetragen, von Nummer 1 bis zur Nummer 8 e. Die anwesenden Anleger, darunter ebenso Jeans- wie Anzugträger, machen sich Notizen oder füllen ihre Stimmkarten aus.
15 Uhr. Über seinen Monitor kann Dirk Zetzsche verfolgen, ob die virtuellen Aktionäre sich regen. Die eine Hand auf der Computermaus, das Buch „Leitfaden und Regieanweisungen für Störfälle“ griffbereit, wirft er immer wieder einen Blick auf das Videofenster seines Bildschirms. Plötzlich trudelt eine verspätete Vollmacht ein und wird vom Notar gebilligt – der Anrufer aus Bayern kann sich über das Internet einloggen. Ein anderer Netz-Teilnehmer hat unterdessen sein Nein zu einem Tagesordnungspunkt in eine Enthaltung gewandelt. Offenbar haben ihn die Erläuterungen des Vorstands umgestimmt. Nun haben die Aktionäre Gelegenheit, ihre Anmerkungen vorzutragen. Zwei machen wortreich davon Gebrauch, nicht ohne die virtuelle Stimmoption als „innovative Idee“ zu loben.
Zeitgleich kämpfen die Software-Entwickler in Düsseldorf mit den Tücken der innovativen Technik. „Da hat offenbar ein Teilnehmer kein Windows, wir richten ihm jetzt einen anderen Zugang ein.“ Noch ein Anruf. „Gundi, ich bin total im Stress. Ruf mich bitte später an“, antwortet Jutta Westerfeld kurz angebunden. Die Spannung steigt, denn nun geben die Internet-Nutzer ihre Stimmen ab. Die Felder hinter der Liste von Tagesordnungspunkten springen wie bei einer Ampel von grün auf gelb.
In Berlin zieht Dirk Zetzsche Zwischenbilanz. Er geht die virtuellen Voten am Monitor durch, füllt kleine Wahlzettel aus und heftet alle Gegenstimmen und Enthaltungen in Klarsichthüllen ab – die digitalen Weisungen landen im ordinären Aktenordner. Schon jetzt wird deutlich, dass die Vorschläge, darunter einige Satzungsänderungen, mit großer Mehrheit von den Aktionären getragen werden.
Punkt 16 Uhr läutet Aufsichtsrat Peter Matthies das Finale ein: „Diejenigen Aktionäre, die über das Internet-Weisungssystem an der HV teilnehmen, haben noch zwei Minuten für die Abgabe ihrer Weisungen.“ Kurze Zeit später erfolgt die Sperrung. Auf dem Monitor von Dirk Zetzsche wandeln sich die gelben Punkte der Statusleiste in rote. Nichts geht mehr.
In Düsseldorf wird schon gefeiert: „Es hat geklappt. Die Abstimmung ist gelaufen.“ Sekt wird aus dem Kühlschrank geholt, die Spannung weicht der Euphorie. Nur ein Techniker scheint ein wenig enttäuscht: „Da haben wir so lange darauf hin gearbeitet, und dann dauert der ganze Wählvorgang keine zehn Minuten!“
Im Berliner Sitzungssaal drängeln sich noch Wahlhelferinnen mit Plexiglas-Urnen durch die Stuhlreihen. Das Ergebnis der virtuellen Abstimmung steht sofort bereit. Die realen Stimmzettel müssen erst noch ausgezählt werden. 53 Personen haben heute live teilgenommen – das kann Dirk Zetzsche seinen Statistiken genau entnehmen. Insgesamt 130 Aktionäre, etwa 10 % der Anlegerschaft, hatten ihre schriftliche Bevollmächtigung im Voraus eingereicht.
Ein älterer Herr kommt ans Technikpult und betrachtet die Abläufe aufmerksam. Ob er nächstes Jahr lieber virtuell teilnehmen will? „Ich wohne im Berliner Umland, für mich ist es kein Problem, vor Ort zu sein.“
Dann steuert er in Richtung Buffet. H. MERSCHMANN/M. VOLMER

Virtuelle Hauptversammlung

Als erste deutsche Aktiengesellschaft organisierte die Beteiligungsgesellschaft Advantec am 30. März eine virtuelle Hauptversammlung. „Die Aktionäre konnten wählen, ob sie im Internet oder vor Ort im Saal abstimmen wollen. Bisher gab es lediglich reine Übertragungen ins Internet“, sagt der Advantec-Vorstandschef Klaus Hagemann. In den USA ist die elektronische Abstimmung längst Alltag, in Deutschland ist die Wahl per Mausklick erst seit der Novelle des Gesetzes zur Namensaktie und der Stimmrechtsausübung (NaStraG) im Januar 2001 möglich. Ingenieur Winfried Blank hat sich schon vor Jahren mit dem Thema Online-Hauptversammlung beschäftigt. Seine Firma Ton-Art bietet einen Rundum-Service für Hauptversammlungen. Zu den Kunden zählen RWE, Jenoptik und Lycos. Seit August 2000 entwickelte das Tochterunternehmen Lai-Con die Software für die Online-HV. Mit einer Webcam werden Ton und Bild per Audio- und Videostreaming ins Internet übertragen. Eine angedockte Backing-Software erlaubt die Abstimmung über die Tagesordnungspunkte per E-Mail. Dazu müssen die Aktionäre einen Stimmrechtsvertreter des Unternehmens schriftlich bevollmächtigen. Eine PIN-Nummer ermöglicht das Einloggen auf die Internetseite, für die verschiedenen Tagesordungspunkte werden Transaktionsnummern erteilt. So sollen die Aktionäre zweifelsfrei identifiziert werden. Noch sind die Teilnehmer aus dem Web aber nicht gleichberechtigt mit den Aktionären, die zur HV anreisen. Diskussionsbeiträge per Internet sind gesetzlich nicht zulässig. Dennoch wollen nach Angaben der Lai-Con-Führung fünf weitere Firmen in diesem Jahr die Software für eine Internet-Hauptersammlung anwenden. Schließlich blicken die Vorstände bei Hauptversammlungen oft auf leere Reihen. Nur 57 % der Aktionäre nahmen laut Statistik der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz 1999 bei den 30 Dax-Unternehmen ihr Stimmrecht wahr… suzi
Abstimmung im Saal: Bei Advantec durften die Aktionäre aber erstmals auch per Internet stimmen.

Von H. Merschmann/M. Volmer
Von H. Merschmann/M. Volmer

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