Geldanlage 12.07.2002, 18:20 Uhr

Wie Fallobst vom Baum

das Geld ist futsch und auch die Hoffnung, sich sinnvoll engagiert zu haben.

Noch Ostersonntag war Martina Mestwerdt, Vorstandsfrau der Düsseldorfer Ökoland AG, zu Gast in einer Fernsehshow. Ihr Unternehmen, ein Betreiber von Biokost-Supermärkten, wurde als Wachstumsperle ausgezeichnet. Ende April dann der Insolvenzantrag: Etliche Hundert grüner Aktionäre verloren ihr Geld.
Das Unternehmen Ökoland war für grüne Investoren nicht die einzige Enttäuschung. Die Frankfurter Ökobank, 1988 als Genossenschaft und vor allem als Alternative zu den traditionellen Banken gegründet, wollte mit Geld den ökologischen Umbau gestalten. 13 Jahre später: das Aus. Ein so genannter Wertberichtigungsbedarf war entstanden. 1999 hatte die Ökobank 17 Mio. DM Verlust gemeldet, im Jahr 2000 13 Mio. DM. Im Juli 2001 war das Institut am Ende. Kredite von mehr als 12 Mio. DM platzten.
Auch börsennotierte Unternehmen gerieten unter Druck. So die Berliner Solon, ein Hersteller von Photovoltaikmodulen, der Teile seines Grundkapitals verplemperte. Oder der Entsorger Sero: Nach einem Minus von über 15 Mio. DM meldete dieser den Verlust der Hälfte des Grundkapitals. Schlimmer erwischte es die Mindener Frisia GmbH, ein Hersteller von Windkraftanlagen. Sie geriet über massive Qualitätsprobleme ins Stolpern. Schadenersatzforderungen bedeuteten im November 2001 das finanzielle Aus.
Die Liste lässt sich fortsetzen: Der Freiburger Ökoversandhändler Waschbär hatte bei der Übernahme des Textilversenders Alb Natur seine Kräfte überschätzt und meldete im Juni 2001 Insolvenz an. Die Münchner Firma Unitednature, ein Onlinehändler ökologischer Lebensmittel, wollte das Waschbär-Geschäft fortführen. Deren Vorstand Franz-Josef Grenzebach verhandelte monatelang, versprach frisches Geld und ließ den Waschbären am Ende hängen. Wenig später meldete Unitednature selbst Konkurs an. Das Geschäft von Waschbär hingegen läuft weiter: Eine Gruppe von Investoren um die ökologisch orientierte holländische Bank Triodos hat die Marke und die Kunden übernommen. Auch Isofloc, ein Hersteller von umweltverträglichen Dämmstoffen, erklärte im Februar 2002 die Zahlungsunfähigkeit. Das Geschäft mit Zellulosedämmmaterial aus Altpapier war aufgrund der kränkelnden Baukonjunktur schlechter als geplant gelaufen.
Schreiben die jungen grünen Unternehmen erst einmal rote Zahlen, sind sie aufgrund ihrer meist dünnen Kapitaldecke gefährdet – Anleger verlieren oft ihr Geld. Die Vorstände hingegen können sich manchmal schadlos halten. Beispiel Christian Hogl: 1998 gründete er in München gemeinsam mit Josef Gundel die Call-A-Bike Mobilitätssysteme AG. Beide entwickelten ein spezielles Fahrrad für den professionellen Verleih, das in München mit einem raffinierten Bezahlsystem an den Start gehen sollte. Die grüne Anlegerszene finanzierte das Geschäftsmodell. Daneben gewährte die Hausbank Kredit. Als weiteres Geld nötig war, drehte die Bank jedoch den Hahn zu. Hans Jürgen Gratz, Inhaber von Alterra Consult, die den Alleinvertrieb der Call-A-Bike-Aktien übernommen hatte, erklärt: „Bei Call-A-Bike wurden gravierende Managementfehler begangen.“ Vor allem hatte der Vorstand die Finanzlücke viel zu spät erkannt. Die Tochter der Deutschen Bahn DBRent kaufte Marke, Fahrräder und Patente von Call-A-Bike für einen eigenen Geschäftsbereich unter gleichem Namen. 1 Mio. DM soll die Bahn gezahlt haben, zu wenig, um alle Schulden zu begleichen. Das Geld der Aktionäre ist weg. Vorstand Hogl dagegen wurde Leiter des Bereichs Call-A-Bike der Deutschen Bahn.
Die Pleiten treffen grüne Anleger meistens gleich doppelt: In dem Willen, mit ihrem Geld Gutes zu tun und auch im Bestreben, eine Rendite zu erzielen. Mancher gutgläubige grüne Anleger schluckt Schwächen in den Geschäftsmodellen und Dilettantismus im Management umso eher, je öfter er hört, wie ökologisch sinnvoll sein Investment doch ist. „Der grüne Bereich ist eine besondere Szene, da läuft im Grunde viel auf Vertrauensbasis und ohne Kontrolle“, sagt Thomas Bieler, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein Westfalen in Düsseldorf.
Aber es kann auch gut gehen. 1994 etwa stand der Naturkosthersteller Rapunzel vor dem Ruin. Der Prokurist hatte fast 4 Mio. DM veruntreut. Margit Epple, die Controllerin, erinnert sich: „Ohne die Risikobereitschaft unseres Vorstands Joseph Wilhelm hätten wir keine Chance gehabt.“ Er verpfändete sein Privatvermögen, um den Betrieb am Laufen zu halten. Die krise wurde gemeistert. Seit 1999 zahlt Rapunzel seinen Aktionären wieder eine Dividende.
Anleger sollen sich gerade bei jungen Unternehmen die Risiken genau ansehen, rät Verbraucherschützer Bieler. Diese seien nicht anders als bei konventionellen Unternehmen. In einer Hinsicht jedoch beruhigt Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg die Grün-Anleger: „Wenn es auch einige Konkurse gibt – der Anteil der Insolvenzen ist im Umwelt-Bereich nicht höher als bei anderen Unternehmen!“
C. LÜTZENKIRCHEN

Ein Beitrag von:

  • Christoph Lützenkirchen

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