Stimmungsbarometer 04.05.2020, 09:47 Uhr

Warum es sich lohnt, über den Tellerrand zu schauen

Wer in den Tagen der Corona-Panik an den Börsen seine Wertpapiere verkauft hat, gehört jetzt zu den Verlierern. Denn viele Investoren haben ihre Bedenken sehr schnell über Bord geworfen und blicken nun mit Zuversicht auf die Zeit nach dem Virus.

Münzen Stapel

Foto: panthermedia.net/Violka08

Nach dem Crash ist vor der Hausse. Immer. So auch diesmal. Nach dem Ausverkauf im März haben sich Aktienmärkte in beeindruckender Geschwindigkeit von dem Corona-Schock erholt. Es ist eine klassische V-förmige Erholung. Das heißt, dass nach einem schnellen Absturz ein ebenso schneller Turnaround folgt, was in Kurs-Charts die Form eines V beschreibt. Dass es diesmal so schnell gehen würde mit der Erholung der Börsenkurse, hat viele Privatanleger sicherlich überrascht. Wer seine Aktien im März in einem Anfall von Panik verkauft hat, reibt sich nun angesichts der starken Kursperformance an den Aktienmärkten die Augen und blickt den steigenden Kursen nun staunend hinterher.

Angesichts der rasanten Entwicklung drängt sich natürlich die Frage auf, ob der Turnaround nur ein Strohfeuer ist. Diese Frage wird man mit Sicherheit erst in einigen Monaten beantworten können. Allerdings sprechen einige Indizien dafür, dass es gute Gründe für die Erholung gibt. Zunächst einmal ist da die grundsätzliche Sicht der Investoren auf die Wirtschaft. An der Börse wird schließlich nicht die Gegenwart gehandelt, sondern die Zukunft. Börsianer blicken über die Corona-Krise hinaus.

Aktuell hat die Pandemie zwar einen starken Angebots- und Nachfrageschock ausgelöst. Das hat die Unternehmen natürlich hart getroffen. Doch die US-Notenbank Fed hat zur Stützung der heimischen Wirtschaft die Zinsen auf null gesenkt. Gleichzeitig wurde der Markt mit sehr viel Liquidität geflutet. Das könnte spätestens dann, wenn das Virus erfolgreich bekämpft ist und die Wirtschaft wieder wächst, zu kräftigen Kurssteigerungen bei Aktien führen. Denn in der Zeit nach Corona wird viel Kapital auf ein geringeres Warenangebot und weltweit auf noch niedrigere Zinsen treffen als es vor der Krise der Fall war. Eine Investition in Staatsanleihen ergibt aus Ertragssicht schon jetzt keinen Sinn mehr. Eine Lösung für das Dilemma bietet nur der Aktienmarkt. Dort sind noch vergleichsweise attraktive Renditen möglich.

Ein weiteres Argument dafür, dass es sich bei den Kurssteigerungen nicht um ein Strohfeuer handeln könnte, liefert die Entwicklung der Technologiewerte. Deren Aktien haben sich robust behauptet. Die Kurse liegen teilweise sogar schon wieder über dem Niveau, das sie vor der Corona-Krise hatten. Das hat einen guten Grund: Wir haben es im Gegensatz zu vielen anderen Krisen diesmal nicht mit einer Kurs-Blase zu tun. Die betreffenden Unternehmen weisen seit Jahren starkes Umsatz- und Gewinnwachstum auf und können ihr Wachstum möglicherweise noch viele Jahre fortsetzen. Es ist also tatsächlich wichtig, nicht nur die aktuelle Krise, sondern die Perspektiven in zwölf Monaten im Blick zu haben. Und da ergibt sich bei Qualitätswerten noch weiteres Wachstumspotenzial.

Vorsichtiger Optimismus

Natürlich ist ein gesundes Maß an Skepsis angesichts der raschen Erholung an den Wertpapiermärkten angebracht. Es ist schließlich auch denkbar, dass die hohe Liquidität und eine weniger intensive Globalisierung zu einer steigenden Preisspirale führen. Das Inflationsniveau könnte sich vielleicht sogar über einige Jahre oberhalb der Zwei-Prozent-Zielmarke der Zentralbanken etablieren. Doch ist das wirklich schädlich? Vermutlich würden die Zentralbanken in dieser Situation die Zinsen nur sehr vorsichtig erhöhen, um die sich erholende Wirtschaft nicht abzuwürgen. Ein nicht ungewollter Nebeneffekt dieses Vorgehens wäre eine schrittweise relative Entschuldung der hochverschuldeten Staaten weltweit.

Helge Müller ist Chief-Investment-Officer der Genève Invest in Luxemburg. Für ingenieur.de schreibt er in regelmäßigen Abständen Kolumnen zur privaten Vermögensverwaltung. Foto: Genève Invest

Helge Müller ist Chief-Investment-Officer der Genève Invest in Luxemburg. Für ingenieur.de schreibt er in regelmäßigen Abständen Kolumnen zur privaten Vermögensverwaltung.

Foto: Genève Invest

Kühlen Kopf bewahren

Vermutlich wird es in den nächsten Monaten noch zu Einbrüchen an den Kapitalmärkten kommen. Das gehört dazu. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass es selten so schlimm kommt, wie viele erwarten. Deshalb gilt nun umso mehr die wichtigste Anlegertugend: Kühlen Kopf bewahren und Ängste abschütteln. Das zahlt sich langfristig aus. Denn jede Krise birgt große Chancen. Und auf jeden starken Einbruch erfolgt eine Erholung. Deshalb ist es derzeit riskanter, nicht investiert zu sein als investiert zu sein.

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Von von Helge Müller, Chief Investment Officer, Genève Invest

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