Kreditwirtschaft 25.12.1998, 17:20 Uhr

Wandern Milliarden auf den Kompost?

Ab Januar wird die Deutsche Mark schrittweise durch den Euro ersetzt. Bis spätestens Juli 2002 müssen rund 2,6 Milliarden Banknoten aus dem Verkehr gezogen und entsorgt sein.

Aber wie? Die obersten Geldhüter haben derzeit zwei Verfahren in die engere Wahl genommen.
Mitte Mai klingelte bei der Firma Umweltschutz Nord GmbH in Ganderkesee bei Bremen das Telefon. „Ein Containerunternehmer hatte uns gefragt, ob wir ein paar Millionen haben wollten“, erinnert sich Gerald Vollmer-Heuer. Dem promovierten Mikrobiologen war sofort klar, daß sich da niemand einen Spaß erlaubte. Es ging um ein handfestes Angebot: 30 Millionen Mark, kleingehäckselt und in blauen Säcken verpackt, sollten stofflich verwertet werden.
Die Landeszentralbank in Oldenburg war auf der Suche nach einer Alternative zur Deponierung bzw. Verbrennung der entwerteten und zerkleinerten Geldscheine. Für die Biochemiker der Firma Umweltschutz Nord eine echte Herausforderung. Das Ganderkeseer Unternehmen, eine Ruhrkohle AG-Tochter, hat sich auf die Herstellung von Gartenkompost und die biologische Reinigung kontaminierter Böden spezialisiert.
Die alten und unbrauchbaren Banknoten sollen nun verrotten und zu wertvollem Naturdünger mutieren. „Anfangs waren wir noch skeptisch“, meint Vollmer-Heuer.
Doch nach einigen Laborversuchen fanden die Biomüllexperten die richtige Mischung. Bei alten Banknoten handelt es sich um einen besonderen Recyclingrohstoff. Damit das Geldpapier griffig und haltbar ist, wird es mit Wachs und Leinöl imprägniert. So nimmt es nur schwer Feuchtigkeit auf, ein Nachteil für den Rotteprozeß. Werden die Geldschnipsel aber mit einem Anteil von 10 % unter Kartoffelschalen, welke Blumen und Grünabfälle gemischt, dann zerfällt das teure Zeug nach und nach in der Intensivrotte. „Nach zwei Wochen bei 70 C und 100 % Luftfeuchtigkeit bleibt von den Scheinen kein Krümel mehr übrig“, erklärt Vollmer-Heuer. Weil die Scheine schon zerkleinert sind, können Bakterien, Pilze und organische Säuren sie rasch zersetzen. Weitere acht bis zehn Wochen Nachrotte sind erforderlich, damit aus dem frischen Kompost verkaufsfähiger Gartendünger der Marke „Bioferm“ wird. Was Hobbygärtner und Gartenbaubetriebe nicht ahnen: ein 40-l-Sack Kompost entspricht dann dem „Gegenwert“ von etwa 200 000 DM. Die chemischen Analysen haben gezeigt, daß sich die Qualität des Naturdüngers durch die alten Banknoten nicht verschlechtert. Gustav Henke, Unternehmenssprecher der Umweltschutz Nord, betrachtet das Verfahren als durchaus ausgereift. „Die Verbrennung von Banknoten oder die Endlagerung auf Deponien ist nicht mehr nötig“, ist sich Henke sicher.
Kapazitätsprobleme hätte das auf 30 000 t im Jahr ausgelegte Kompostwerk in Ganderkesee nicht. „Wir könnten alle alten Geldscheine in Blumendünger umwandeln“, sagt Henke. Die Landeszentralbank (LZB) Bayern untersucht für die Deutsche Bundesbank seit einem halben Jahr in einer Reihe von Pilotprojekten verschiedene Möglichkeiten einer sinnvollen Verwertung der Schredderabfälle, die bei der Vernichtung von Banknoten anfallen. Das Kompostierverfahren der Nordlichter halten die Experten aus München für „grundsätzlich praxistauglich“.
Einige Aspekte sprechen für die biologische Verwertung. „Weil Kompostieranlagen überall in Deutschland vorhanden sind, könnte die Verwertung dezentral organisiert werden. Kurze Transportwege erleichtern das umweltverträgliche Recycling“, erklärt Eckhard Maier, bei der LZB in München für die kostbare Altpapierfracht zuständig. Ende Januar wollen sich die Banker entscheiden, welches Recycling-Verfahren sie der Bundesbank vorschlagen werden.
Über mangelndes Interesse am Thema Altgeld kann sich Maier jedenfalls nicht beklagen. Besonders pfiffig ist aus seiner Sicht ein Verfahren, das ein kleines Unternehmen aus dem siegerländischen Kreuztal-Buschhütten entwickelt hat. Die GFU Umweltlogistik und -management GmbH wurde erst vor sechs Jahren gegründet und hat sich auf Entsorgungslösungen für die Getränkeindustrie spezialisiert. In Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München hat GFU eine als „Weihenstephaner Verfahren“ bezeichnete Verwertung der alten Banknoten in der Ziegelherstellung entwickelt.
Wie der Name schon vermuten läßt, war das Verfahren ursprünglich für die Verwertung von Altetiketten aus Flaschenwaschanlagen gedacht. „Was mit nassen Etiketten möglich ist, kann auch mit Banknoten gemacht werden“, so Volker Bell, kaufmännischer Leiter der GFU.
Die geschredderten Banknoten werden mit den Etiketten gemischt. Über eine Dosiervorrichtung wird die Mixtur in eine Pelletiermaschine gepreßt. „Das sieht in der Praxis wie ein großer Fleischwolf aus“, meint Bell. Über eine Trommel wird die Masse nach außen gedrückt und dabei entstehen dann die sogenannten Pellets. Die haben einen Durchmesser von 3 mm und eine Länge von bis zu 10 mm. Der Clou dieses Verfahrens: Die Pellets werden an Ziegeleien geliefert, wo sie der Tonrohmasse beigemischt werden. Während des Brennens der Rohziegel glühen die Pellets bei 1400 C vollständig aus.
„Dadurch bilden sich Poren, die Luft binden und so die Wärmedämmung des Klinkers erhöhen“, weiß GFU-Geschäftsführer Bell. Der Vorteil: Das Banknotengemisch kann herkömmliche Ausbrennstoffe wie Styropor und Sägemehl ersetzen. Umweltverträglicher sind die alten Geldscheine auf jeden Fall, denn beim Ausbrennen von Styropor entstehen organische Schadstoffe, bei der Verbrennung von Sägemehl als Hilfsstoff entweicht Formaldehyd. Von diesem Verfahren ist LZB-Banker Maier begeistert. „Die Ziegelporosierung ist hochwertige stoffliche Verwertung.“ Die GFU ist deshalb optimistisch, daß sie Mitte Januar von der LZB Bayern den Zuschlag für das Recycling der alten D-Mark erhält. Um dieses Verfahren bundesweit umzusetzen, plant die GFU-Geschäftsführung die Errichtung von bis zu sechs Recycling-Filialen, die mit einer GFU-Lizenz klein geschredderte Geldscheine in Ziegeln verbacken sollen.
„Das Verfahren ist europaweit patentiert, so daß wir auch keine Probleme damit hätten, die alten Geldscheine anderer EU-Länder zu verwerten“, sagt Bell.
MICHAEL FRANKEN

Von Michael Franken
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