Altersversorgung 13.06.2003, 18:25 Uhr

Vom drohenden Flop zum industriell fabrizierten Erfolg

Die Riester-Rente droht zu einem Flop zu werden. Die abgeschlossenen Verträge sind sicher, aber um die politische Idee zu retten, arbeitet die deutsche Kredit- und Versicherungswirtschaft auf einen Versicherungszwang und auf standardisierte Angebote nur weniger „Pensionsfabriken“ hin.

Deutsche Finanzdienstleister hatten nie Illusionen, aber der Frust in der Kreditwirtschaft über die staatlich geförderte private Altersversorgung wächst beständig. Denn bei der Riester-Rente registriert sie mittlerweile „ein negatives Wachstum“, wie Ulrich Tigges, Leiter des Bereichs Betriebliche Altersversorgung bei der Sparkassen nahen Deka-Bank, formuliert. Im Klartext: Es werden mehr Verträge gekündigt als abgeschlossen. Zwar habe man viel erreicht, weil die betriebliche Altersvorsorge in beinahe jedem Tarifvertrag eingeführt sei. Auch seien seit vorigem Jahr mehr als 20 Pensionsfonds und gut 20 Pensionskassen zugelassen worden. Die Infrastruktur steht also, doch sie wird nicht genutzt.
Die „Durchdringung“ sei gering, klagte Tigges kürzlich auf einem Workshop der Hans-Böckler-Stiftung in Frankfurt. In der Metallindustrie hätten gerade mal 2,5 % der Berechtigten einen Vertrag abgeschlossen. Dabei ist das Potenzial riesig: Allein in der Metallbranche gibt es 4700 Unternehmen mit 1,7 Mio. Beschäftigten.
Die Branche weiß auch, warum die Riester-Rente über den Status einer guten politischen Idee nicht hinausgekommen ist. Dass die Anträge schwer zu durchschauen sind, ist mittlerweile im Vertrieb Gemeingut. Aus Sicht des Vermittlers sei die Riester-Rente heute „das ungeliebteste Produkt“, schimpfte kürzlich Reinfried Pohl, der Gründer und Mehrheitseigentümer der Deutschen Vermögensberatung AG. Die Anträge seien kompliziert und die Schulungsunterlagen bemäßen sich „nicht mehr nach Seiten, sondern nach Kilogramm.“ Er sehe „ein totales Scheitern der Riester-Rente“, wenn die Bundesregierung nicht schnellstens die Förderwege und die Antragsformalitäten vereinfache.
Doch das dürfte nicht reichen. Die Ideen der Anbieter unter Banken und Versicherern gehen schon weiter. Sie wollen mittlerweile weg von den individuellen Einzelverträgen und der Einzelberatung. Deka-Manager Tigges wählt bewusst ein industriell anmutendes Vokabular, wenn er seine Diagnose stellt: „Die Produktion eines Riester-Produkts ist viel zu teuer, wenn ich es über die private Schiene produziere.“ Die Schlussfolgerung: „Riester“ als betriebliche Alterversorgung habe nur in der Form der Entgeltumwandlung eine Zukunft. Und die müsse der Gesetzgeber als obligatorische Versicherung vorschreiben. Denn man könne nicht das Leistungsniveau der Zwangsversicherung senken, den Ersatz aber auf freiwilliger Basis belassen. Eine neue Form der Sozialversicherung also, freilich Kapital gedeckt und nicht umlagefinanziert wie in Großbritannien und in der Schweiz, wo das Vermögen der Pensionsfonds deutlich höher ist als in Deutschland und auch Frankreich. Dort sei eine „Durchdringung ohne Zwang nicht zu schaffen,“ sagt Tigges.
Bisher kommt selbst die Entgeltumwandlung, also die betriebliche Altersversorgung, kaum in Gang. Denn der Arbeitgeber muss sie nicht von sich aus anbieten. Er kann warten, bis ein Mitarbeiter danach fragt. Und in der Praxis geben sich vor allem kleine Arbeitgeber eher verschlossen, scheuen den Verwaltungsaufwand und schicken Riester willige Mitarbeiter womöglich eher in die Filialbank um die Ecke, damit sie eine individuelle statt einer betrieblichen Riester-Rente abschließen. „Und das, obwohl die private Alterversorgung der teurere und in den Konditionen schlechtere Weg ist“, sagt Heribert Karch, Geschäftsführer der Metallrente, dem Versorgungswerk von Gesamtmetall und IG Metall. Tigges weiß, was alleine eine Beratungssoftware für die Riester-Rente kostet: 2 Mio. !. Hinzu kämen Ausgaben für Kontoführung und Abwicklung, um eine Police in zehn Tagen auszustellen, einen Arbeitsplatzwechsel von Fulda nach Kempten zu managen oder einen gegebenen Vertrag in den Rahmenvertrag eines Konzerns einzupassen. Eine Zwangsrente hülfe enorm: Die Vertriebskosten fielen fort.
Den Anbietern schwebt nicht nur ein einfacheres, standardisiertes und obligatorisches Angebot vor, sie machen sich auch Gedanken, wie der Massenansturm zu verarbeiten sein werde. Tigges wagt eine Prognose: „In zwei bis drei Jahren gibt es nur noch drei, vier Anbieterfabriken“, die sich auf die betriebliche Altersversorgung spezialisiert haben werden. Die Sparkassen-Gruppe werde solch eine Fabrik haben, sagt Tigges, die R&V-Gruppe ebenfalls, Allianz, Ergo und die Deutsche Bank womöglich auch. MICHAEL BRAUN

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