Betrug 13.05.2011, 19:53 Uhr

Versicherte: Einblick in die schwarze Liste

Versicherer wollen verstärkt Jagd auf schwarze Schafe machen. Branchenvertreter schätzen nämlich, dass auf je zehn Schadensfälle ein Betrugsfall kommt. Deshalb haben die Unternehmen jetzt ihre Betrugsabwehr HIS „Hinweis- und Informationssystem“ neu aufgestellt. Kunden haben das Recht auf eine kostenlose Selbstauskunft, was HIS über sie speichert.

Versicherungsbetrug gilt weithin als Kavaliersdelikt: Auf rund 4 Mrd. € schätzt die Branche den jährlichen Schaden durch Betrüger. Auf je zehn Schadensfälle in der Schaden- und Unfallversicherung kommt ihrer Schätzung zufolge ein Betrugsfall. Ans Licht kamen die Betrügereien bisher oft allein durch Glück oder Zufall – beispielsweise bei betrügerischen Mehrfachabrechnungen eines Schadens bei verschiedenen Versicherern. Diese fallen meist nur auf, wenn die Sachbearbeiter Nachforschungen anstellen. Erst wenn ihnen beispielsweise der geschilderte Schadenhergang nicht plausibel erscheint oder die Rechnung nicht detailliert genug ist, kommt zuweilen auch heraus, dass für eben diesen Schaden auch schon die Konkurrenz zur Kasse gebeten wurde.

Dass die Schadensmeldungen bei Mobiltelefonen hochschnellen, sobald es technische Neuerungen auf dem Markt gibt, mag auf einen Betrug hindeuten – ist aber kein Beweis. Der lässt sich oftmals nur mittels aufwändiger technischer Untersuchung und dem Vergleich der Schadenschilderung führen.

Auch die sogenannten Autobumserbanden werden in der Regel, wenn überhaupt, erst nach unzähligen Schäden entdeckt. Dabei sind die Beteiligten bei diesen absichtlich herbeigeführten oder oftmals auch nur behaupteten Autounfällen immer die gleichen Personen – wenn auch in wechselnden Rollen (Opfer, Verursacher, Zeuge).

Das System, mit dem die Branche bisher versuchte, Betrügern auf die Schliche zu kommen, wies nach Meinung von Datenschützern große Mängel auf. Diese sollen bei der am
1. April gestarteten Auskunftei HIS für die Sparten Kfz, Unfall, Rechtsschutz, Sach, Leben (Berufsunfähigkeit, Pflegerente), Transport (inkl. Reiserücktritt, Reisegepäck) und Haftpflicht abgestellt sein. Zudem hofft die Branche darauf, dass die neue Betrugsabwehr dank transparenter Regeln auch effizienter ist. Einträge über Private Krankenversicherungen werden weiterhin nicht gespeichert. Hier stützen sich die Versicherer auf ihre Versichertenumfrage.

Die gute Nachricht für alle Kunden vorweg: Mit dem neuen System wollen die Versicherer keinen Vertrag und keine Leistung allein wegen einer HIS-Meldung ablehnen. Ein Eintrag sei für den Versicherer aber ein Signal zur sorgfältigeren Prüfung, sagt Thomas Lämmrich, Projektleiter „HIS“ beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft.

Gleichwohl dürfte der Vertragsabschluss für ausgesprochene Pechvögel künftig schwerer werden: Kunden, die innerhalb von 24 Monaten drei Schäden in den Sach- und Haftpflichtsparten erleiden, weisen nach Einschätzung der Versicherer nämlich eine „atypische Schadenhäufigkeit“ auf. Und das sind Kunden, die sie sich künftig bei Vertragsschluss oder im Falle der Leistungsprüfung genauer anschauen.

Diese Kunden können – müssen aber nicht – ans HIS gemeldet werden. Der Kunde muss darüber von seinem Versicherer informiert werden. Die Rechtsschutzversicherer haben die Meldegrenze auf vier Versicherungsfälle innerhalb von zwölf Monaten gelegt.

Zudem hat die Branche einen „60-Punkte-Kriterien-Katalog“ für sogenannte Auffälligkeiten im Leistungsfall erarbeitet. Das ist eine Art Flensburger Verkehrssünderkartei, bei der für einzelne Anhaltspunkte im Schadensfall Strafpunkte vergeben werden. Kommen 60 Punkte zusammen, wird der Kunde an das HIS gemeldet.

20 Punkte gibt es beispielsweise, wenn der Schaden bereits kurz nach Vertragsschluss eintritt. Weist die Schadensmeldung dann noch Fehler oder große Unklarheiten auf, kann daraus schnell eine HIS-Meldung werden.

Wer als Geschädigter den Schadenhergang in den relevanten Punkten falsch zu seinen Gunsten schildert, erhält unmittelbar 60-Punkte. Gleiches gilt für Beteiligte, die rechtskräftig wegen Versicherungsbetrugs verurteilt wurden. Bei späteren Leistungsfällen kann der Versicherer abfragen, ob die ihm vom Geschädigten genannten Zeugen schon einmal derartig aufgefallen sind.

Die Versicherer können Personen (z. B. Versicherte, Kunde, Zeugen, Geschädigte) und Objekte (z. B. Autos, Gebäude) nach klar definierten, feststehenden Meldekriterien ans HIS weitergeben. Zu den Auffälligkeiten im Leistungsfall, die auf einen möglichen Betrug hinweisen, zählen die Versicherer in der Autoversicherung Totalschäden, Totalentwendung oder die Abrechnung auf Gutachtenbasis ab einer bestimmten Höhe, die sie aber aus strategischen Gründen nicht nennen wollen.

In der Lebens- bzw. der Berufsunfähigkeitsversicherung können auch erhöhte Risiken, wie besonders gefahrenträchtige Berufe oder Vorerkrankungen, die zu Erschwerniszuschlägen von mindestens 50 % führen, gemeldet werden. Gesundheitsdaten enthält das HIS aber nicht. Todesfallsummen sind ab 100 000 € und Berufsunfähigkeits-Renten (BU) ab 9000 € im Jahr meldefähig. Die Versicherer bekommen dann eine Rückmeldung, wenn der Kunde schon Verträge von summiert 300 000 € Todesfallschutz oder 12 000 € BU-Rente geschlossen hat. Passen Lebensstandard und Verdienst nämlich nicht zum versicherten Umfang, sei die Wahrscheinlichkeit für einen Versicherungsbetrug höher, argumentieren sie.

HIS arbeitet getrennt nach Versicherungssparten: Schaden/Unfall, Lebens- und Berufsunfähigkeit. Ein Gesamtprofil einer Person über alle Sparten wird nicht angefertigt. Auch werden Sach- und Personendaten nicht verknüpft. So werden etwa in der Autoversicherung nur das Kennzeichen und die Fahrzeugidentifizierungsnummer (FIN) erfasst, nicht aber Halter oder Fahrer.

Die Auskunftei wurde, wie von den Datenschutzbeauftragten gefordert, auf einen externen Anbieter verlagert. Es ist die „Informa Insurance Risk and Fraud Prevention GmbH (IIRFP)“, die zu Bertelsmann gehört und die mit jedem teilnehmenden Versicherer einen Einzelvertrag abschließt. Andere Geschäftszwecke als die Betrugsabwehr für die Versicherer darf diese Firma nicht verfolgen. Das soll die Datennutzung für andere Zwecke ausschließen. Die Auskunftei arbeitet nun im Onlineverfahren – und nicht mehr mit Datensätzen auf CD-Rom, die den teilnehmenden Versicherern zur Verfügung gestellt werden. Damit sind tagesaktuelle Dateneingaben, aber auch Löschungen möglich. MONIKA LIER

Ein Beitrag von:

  • Monika Lier

    Monika Lier ist Diplom-Volkswirtin und freie Journalistin.

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