Kreditwirtschaft 09.12.2005, 18:41 Uhr

„Regionale Verwurzelung ist ein Vorteil“  

VDI nachrichten, Frankfurt, 9. 12. 05 – Die deutsche Kreditwirtschaft steht vor weiteren Fusionen und Übernahmen. Ausländische Institute verstärken ihr Engagement, die Abschaffung der Gewährträgerhaftung und neue Sparkassengesetze sorgen für Turbulenzen. Wie wollen sich die deutschen Genossenschaftsbanken behaupten? Fragen an den Präsidenten der Bankengruppe, Christopher Pleister.

Pleister: Lassen Sie mich klar sagen: Die tatsächliche Entwicklung muss sich nach den Gegebenheiten vor Ort richten. Und wir haben und hatten an dieser Stelle nie ein Problem mit der Überlebensfähigkeit kleiner Banken. Mir war immer klar, dass diese sehr vitale Einheiten sind und mit ihrem Geschäftsmodell gute Zukunftschancen haben.

VDI nachrichten: Wie erklärt sich dann die angestrebte Zahl von 800 bis 1000 Banken?

Pleister: Wenn Sie Zahlen aus der Raumplanung nehmen – Oberzentren, Mittelzentren usw. – dann lässt sich Deutschland in 800 bis 1000 Marktgebiete aufteilen. Das ist aber kein fester Richtwert, auch wenn der Trend in Richtung 1000 geht.

VDI nachrichten: Hängt der geschäftliche Erfolg einer Genossenschaftsbank von ihrer Größe ab? Sie kann doch schließlich alle Bankdienstleistungen, zu deren Erstellung sie selbst nicht in der Lage ist, bei den Verbundinstituten abrufen.

Pleister: Sicherlich hängt der geschäftliche Erfolg nicht von der Größe ab. Kleine Banken können sogar sehr erfolgreich sein, da gibt es viele Beispiele. Fusionen kommen dann infrage, wenn sie betriebswirtschaftlich sinnvoll sind.

VDI nachrichten: Die Größenunterschiede der genossenschaftlichen Banken sind mittlerweile enorm. Die Bilanzsummen schwanken zwischen 10 Mio. € und 18 Mrd. €…

Pleister: Ja, der Bundesverband ist für alle Mitglieder da, egal ob groß oder klein.

VDI nachrichten: Aber mehr als 300 kleine und mittlere Genossenschaftsbanken empfinden sich gegenüber den größeren benachteiligt. Sie sehen sich in den Gremien nicht ausreichend vertreten, haben sich jetzt in einer eigenen Interessengemeinschaft organisiert. Nach Harmonie hört sich das nicht an…

Pleister: Auch in den Gremien, den Fachräten, sind die kleinen Banken vertreten. Mit dem Forum Basisbanken hat der Bundesverband eine eigene Plattform für die Interessen der kleinen Banken eingerichtet. Die Interessengemeinschaft versteht sich im Übrigen nicht als Gegenbewegung zum BVR, sondern artikuliert Interessen der kleinen Banken, es gibt einen regen Austausch mit dem BVR.

VDI nachrichten: Und wie schätzen Rating-Agenturen die Bankengruppe ein?

Pleister: Gerade erteilte FitchRatings dem genossenschaftlichen FinanzVerbund ein Verbundrating: Mit „A+“ erhielt der FinanzVerbund ein hervorragendes Langfristrating für jedes Einzelinstitut des genossenschaftlichen FinanzVerbundes. Als Individualrating erteilte FitchRatings ein „B“.

VDI nachrichten: Was bedeutet das Rating für den genossenschaftlichen FinanzVerbund?

Pleister: Damit zeigt der FinanzVerbund, wie man ohne staatlichen Hintergrund und die Kapitalkraft der Börse einen starken Verbund formieren kann. Darauf können wir stolz sein. Mit dieser, im deutschen Vergleich, hervorragenden Einstufung dokumentiert sich die Vitalität des Geschäftsmodells der genossenschaftlichen Bankengruppe. Damit würdigte FitchRatings den FinanzVerbund als geschlossene Einheit bei gleichzeitiger Autonomie der Primärgenossenschaften. Zu Satzungsänderungen wird es nicht kommen. Die unverzichtbaren Positionen der genossenschaftlichen Bankengruppe haben weiterhin Bestand und stehen nicht zur Disposition.

VDI nachrichten: Welche Positionen sind das?

Pleister: Es wird auch weiterhin kein Cross-Guarantee-System, keine Erhöhung des Maximalbeitrags zur Sicherungseinrichtung und keine Ausweitung des Haftungsvolumens, keine Aushöhlung der Autononomie der Ortsbanken, keine Einschränkung der Vertriebshoheit der Ortsbanken und keine Verbindlichkeit von VR-Control, geben.

VDI nachrichten: Aber Sie haben doch noch einige Baustellen. Wozu braucht es zum Beispiel zwei genossenschaftliche Zentralbanken, die beide das Gleiche tun? Solange DZ Bank und WGZ getrennt marschieren, bleibt doch Potenzial ungenutzt. Können sie sich das leisten?

Pleister: Eine Fusion wäre sicherlich anzustreben. Allerdings müssen die Eigentümer dies wollen. Dazu müssen sich beide Institute zuvor auf ein Geschäftsmodell verständigen.

VDI nachrichten: Rechnen Sie noch in diesem Jahr mit dem Durchbruch zur Fusion?

Pleister: Das hängt von den Gremien und von der Entscheidung der Eigentümer beider Institute ab.

VDI nachrichten: Auch im genossenschaftlichen Bankensektor hat es Schieflagen gegeben. Hat sich die Situation mittlerweile entspannt?

Pleister: Die Lage hat sich spürbar entspannt. Problemfälle sind Neusanierungen, und deren Anzahl ist deutlich zurückgegangen auf ein weit unterdurchschnittliches Maß. Der Trend ist sehr positiv.

VDI nachrichten: Wo liegt heute der geschäftliche Schwerpunkt einer Genossenschaftsbank – ist es noch das Kreditgeschäft?

Pleister: Die Volksbanken und Raiffeisenbanken sind Universalbanken nicht nur dem Namen nach. Sie bieten ihrer Kundschaft die volle Produkt- und Dienstleistungspalette einer modernen Universalbank an. Das Kreditgeschäft ist nicht ihr einziger geschäftlicher Schwerpunkt, sondern auch das Einlagengeschäft und das Vermittlungsgeschäft. Selbstverständlich bleiben die Volksbanken und Raiffeisenbanken weiterhin verlässliche Partner des Mittelstands im Kreditgeschäft.

VDI nachrichten: Eine Herausforderung für die Genossenschaftsbanken stellt das aggressive Marketing der Online-Konkurrenz dar. Die Direktbanken werben attraktive Kunden ab. Wird da nicht doch eine verbundeigene zentrale Direktbank erforderlich?

Pleister: Die Strategie der Volksbanken und Raiffeisenbanken liegt nicht im Kopieren von Wettbewerbern. Als Antwort auf die Herausforderung durch die Direktbanken gilt es für eine dezentrale Bankengruppe wie der unsrigen, vor Ort die richtigen Antworten auf die zum Teil sehr unterschiedlichen Marktbedingungen zu finden.

Gerade im Zusammenhang mit dem Thema Tagesgeld und Online-Konten haben wir die Erfahrung gemacht, dass unsere Kunden sehr differenzierte Wünsche im Bezug auf Vertriebsweg, Produkte und Konditionengestaltung haben. Dementsprechend vielseitig sind die Angebote unserer Bankengruppe in den einzelnen Marktgebieten.

Viele Beispiele zeigen jedenfalls schon heute, dass unsere Banken mit dem richtigen Mix aus Service, Technik und Preisgestaltung der Konkurrenz der Direktbanken sehr erfolgreich begegnen können.

VDI nachrichten: Das deutsche Bankwesen baut immer noch auf drei getrennten Säulen auf: Privatbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Ist dieses Modell noch zeitgemäß? Wem würde es denn schaden, wenn eine Großbank eine Sparkasse oder große Genossenschaftsbank übernähme, um sich so für den internationalen Wettbewerb zu stärken?

Pleister: Wir müssen uns fragen, inwieweit kann eine Großbank mit Kapitalmarktanspruch tatsächlich den Ansprüchen der Kapitalmärkte und gleichzeitig den örtlichen Retailkunden gerecht werden? In diesem Gegensatz liegen die Probleme vieler Großbanken begründet. Ich denke, der große Vorteil unserer Organisation liegt darin, dass hier die Zuständigkeit für das Retailbanking, also für die direkte Kundenbeziehung vor Ort, in einem anderen Bilanzierungskreis liegt als die für das Investmentbanking.

VDI nachrichten: Können Sie denn in jedem Fall ausschließen, dass eine zum Verkauf stehende interessante Sparkasse nicht doch von einer gut situierten Volksbank übernommen wird?

Pleister: Der Sparkassenverbund ist stabil. Ich traue ihm zu, dass er seine strukturellen Anpassungen selbst regeln kann.

VDI nachrichten: Sektorübergreifend wird aber bereits sowohl mit Sparkassen als auch mit Privatbanken eng zusammengearbeitet.

Pleister: Warum auch nicht? In nicht wettbewerbsrelevanten Bereichen sind die viel beschworenen drei Säulen der Kreditwirtschaft keine heilige Kuh. Dennoch sehe ich die dezentral organisierten Genossenschaftsbanken, mit ihrer regionalen Verwurzelung und ihrem flächendeckenden Angebot vor Ort, im Vorteil.

VDI nachrichten: Wann rechnen Sie mit der nächsten größeren Fusion?

Pleister: Größe ist relativ. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken treiben ihre Marktbereinigung voran, in unserem Sektor ist auch in diesem und dem nächsten Jahr mit Fusionen zu rechnen. Gleiches gilt für die Sparkassen. Die so genannten Großfusionen werden sich eher bei den Landesbanken ereignen. DIETER W. HEUMANN

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  • Dieter W. Heumann

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