Altersversorgung 06.10.2000, 17:26 Uhr

Private Altersvorsorge wird Pflichtübung

Mit der angestrebten Reform will die Bundesregierung vor allem den Beitragssatz der Rentenversicherung senken und das Rentenniveau stabil halten. Doch nicht alle werden von dem geplanten Einstieg in die private Vorsorge profitieren.

Die rot-grüne Bundesregierung schafft den Systemwechsel in der gesetzlichen Rentenversicherung. Ab 1. Januar 2001 soll in eine private Pflichtvorsorgekasse eingezahlt werden, die das Altersruhegeld der staatlichen Rentenkassen ergänzt. Dafür werden die Sozialabgaben in die Rentenkassen in den kommenden Jahren relativ stabil gehalten. Vor allem Besserverdiener profitieren von der Gesetzesnovelle, weil der Staat neben einer Barzulage die private Vorsorge steuerlich fördern will.
300 DM Grundzulage will Berlin ab Januar jedem privat Vorsorgenden pro Jahr auszahlen. Zudem sollen bis zu 4 % des Einkommens, die für das Altersruhegeld zurückgelegt werden müssen, steuerlich als Sonderausgabe abzugsfähig sein. Dies gilt bis zur Beitragsbemessungsgrenze in der Rentenversicherung von 106 800 DM im Jahr 2002. Berechnungen aus dem Bundesfinanzministerium machen deutlich, dass vor allem Gutverdiener profitieren.
Ein Ingenieur – allein stehend und ohne Kinder – mit einem Jahresbrutto-Verdienst von 100 000 DM soll 3700 DM im Jahr in die „freiwillige“ Altersvorsorge stecken. Weitere 300 DM steuert der Staat bar zu. Als steuerliche Sonderausgaben erkennt das Finanzamt 4000 DM an, die Steuerersparnis liegt nach Berechnungen des Ministeriums bei 1770 DM.
Nach einer Ansparzeit von 30 Jahren und bei einer angenommenen Verzinsung von 6 % erwirbt der Ingenieur einen Rentenanspruch von monatlich 2061 DM ab dem 60-sten Lebensjahr. „Eingezahlt“ hat er dafür 1930 DM im Jahr oder aber rund 160 DM im Monat. Verdient der Ingenieur jedoch nur 60 000 DM pro Jahr, so sinken der Steuerfreibetrag auf 2400 DM im Jahr, die Steuerersparnis auf 812 DM. Für einen eigenen Einsatz von jährlich 1188 DM, also etwa 100 DM im Monat, erhält er nach 30 Jahren eine Zusatzrente von 1237 DM. Das Altersruhegeld liegt also deutlich unter dem des Besserverdieners, der im Zweifel seinen Beitrag zur privaten Rentenkasse leichter vom Gehalt abzweigen kann.
Ein Vergleich mit dem staatlichen Rentensystem zeigt jedoch, dass die neue Zusatzrente selbst für Wenigverdiener lukrativ ist. Wer nämlich 45 Jahre lang Rentenbeiträge vom aktuellen durchschnittlichen Bruttojahres-Arbeitsentgelt in Höhe von 55 513 DM gezahlt hat, wird dafür mit einer Nettorente von 2007,90 DM belohnt. Dabei werden monatlich 915,96 DM in die Rentenkasse eingezahlt. Nach 45 Jahren ergibt sich damit ein Anspruch, der im Monat 800 DM über dem Betrag liegt, den die private Vorsorge bereits nach 30 Jahren mit einem Monatsbeitrag von nur 100 DM erbringt.
Derzeit ist die Neuregelung der Rente politisch noch heftig umstritten. Doch über das Element „private Vorsorge“ besteht Konsens. Daraus wiederum folgen weitere Konsequenzen. So soll der Beitragssatz für die gesetzliche Rente von derzeit 19,1 % über 19,0 % ab 2001 und in den kommenden Jahren auf bis zu 18,7 % im Jahr 2010 sinken. Das Rentenniveau wiederum soll stabil bei rund 69 % des Durchschnittverdienstes des Arbeitslebens gehalten werden.
Allerdings hat Arbeitsminister Walter Riester in die Reform einige Faktoren eingebaut, die zu kaum noch steigenden Altersruhegeldern bei den heutigen Rentnern führen werden. So kehrt er im kommenden Jahr zwar auf dem Papier zur nettobezogenen Anhebung der Rente zurück, die in diesem Jahr nur um die Höhe der Teuerungsrate gestiegen ist. Doch die Netto-Rente als Grundlage für die Rentensteigerung im Jahr 2002 ist nicht mehr die der Vorjahre: Riester hat sie um die Beträge „bereinigt“, die die Bürger über sinkende Steuern und Sozialabgaben netto mehr in der Tasche haben. Die Rentner werden also von den durch die Steuerreform steigenden Nettoeinkommen nicht profitieren. Zusätzlich berücksichtigt Riester die Aufwendungen für die private Vorsorge, die das Nettoeinkommen der Beschäftigten schmälern. Um je 0,5 %-Punkte werden über acht Jahre lang die gewichteten „Nettoeinkommen“ sinken, nach denen sich die Rentensteigerung richtet.
In welchen Anlageformen privat für das Alter vorgesorgt werden kann, ist dem Markt überlassen. Riester will lediglich die Firmen verpflichten, diese Gelder an sichere Anleger zu überweisen. Diese wiederum müssen – selbst bei Börsen-Crashs – zumindest die Auszahlung der eingezahlten Gelder garantieren. Diese Garantie ist beispielsweise Investment-Fonds derzeit noch untersagt. Eine Absicherung gegen Verlust würde bis zu 2 % Rendite kosten. Riester setzt auf die Kreativität des Marktes, der inzwischen sogar „selbst aufzehrende Immobilien“ offeriert, also Beton und Stahl, aus deren Erträgen Renten gezahlt werden können und die beim Tod des Versicherten buchhalterisch nichts mehr wert sind.
Neben dem großen Thema der Eigenvorsorge will Arbeitsminister Riester vor allem Frauen und Erwerbsunfähigen Verbesserungen beim Altersruhegeld gewähren. Die Erziehungszeiten sollen bei der Rentenberechnung besser als bisher bewertet werden. Wer nach der Geburt eines Kindes Teilzeit arbeitet oder Erziehungsurlaub nimmt, dem soll bei der Rente das erzielte Einkommen um 50 % auf maximal 100 % des Durchschnittseinkommens aufgestockt werden. Bei den Rentenanwartschaften ist eine partnerschaftliche Teilung möglich. Bei den Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit knüpft Riester an das Modell der vorherigen Regierung an, hat aber – nach eigenen Angaben – einige soziale Härten abgemildert. MARTIN ROTHENBERG

Ein Beitrag von:

  • Martin Rothenberg

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