Versicherungen 22.03.2013, 21:01 Uhr

Pflege-Bahr: Förderung lässt die meisten Bürger kalt

Wer eine Pflegetagegeld-Versicherung abschließt, bekommt seit Januar monatlich 5 € vom Staat dazu. Doch der sogenannte Pflege-Bahr findet bisher wenig Anklang, obwohl er gerade für junge Leute durchaus attraktiv ist.

Sie heißen „Pflegezusatztagegeld Gefördert“ (Allianz), „Deutsche Förder-Pflege“ (Barmenia), „Kombimed Förderpflege“ (DKV) oder Tarif EPF (Debeka) – die ersten staatlich geförderten Pflegetagegeldpolicen. Etwa ein Dutzend Anbieter, darunter zudem Central, Deutsche Familienversicherung, HUK-Coburg, Pax und Signal Iduna, bieten mittlerweile „Pflege-Bahr“-Tarife an. So richtig begeistern können sich bisher aber weder Bürger noch Versicherer für die neuen Tarife.

Nach einer Umfrage des Kölner Marktforschungsunternehmens YouGov haben 89 % der Bundesbürger noch nichts vom „Pflege-Bahr“ gehört. Und von denjenigen, die mit der Wortschöpfung in Anlehnung an Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr etwas anfangen können, bewerten 51 % den staatlichen Zuschuss von 5 € pro Monat als „mittelmäßig“ oder „schlecht“.

Doch trotz solch schlechter Noten ist die private Absicherung des Pflegerisikos durchaus sinnvoll. Denn anders als etwa die Krankenversicherung ist die Soziale Pflegeversicherung keine Vollversicherung. Der Versicherer übernimmt also nicht die tatsächlich anfallenden Pflegekosten, die Heime oder Pflegedienste in Rechnung stellen. Er zahlt lediglich Pauschalbeträge (siehe Tabelle), die in den seltensten Fällen ausreichen.

Die Differenz muss der Versicherte aus der eigenen Tasche bezahlen – sei es aus seiner Rente oder aus seinem Vermögen. Auch die eigenen Kinder können zur Deckung der Pflegekosten herangezogen werden, wenn ihr Einkommen bestimmte Grenzen überschreitet.

Wer die Pflegelücke deshalb über eine private Versicherung schließen möchte, sollte den Markt sorgfältig sondieren. Objektive Vorsorgeberatung bieten unabhängige Versicherungsberater. Über die Homepage des Bundesverbands (www.bvvb.de) finden Interessierte schnell einen Berater in ihrer Nähe.

Die Anbieter haben mit dem Pflege-Bahr allerdings ein Problem, weil er eigentlich nicht in die Kalkulation einer privaten Versicherung passt. Normalerweise erfolgt die Tarifkalkulation anhand der individuellen Risikomerkmale eines Kunden, hier also vor allem nach dem Gesundheitszustand bei Abschluss der Police.

Beim Pflege-Bahr aber schreibt der Gesetzgeber den Anbietern vor, jeden Kunden aufzunehmen, der noch nicht pflegebedürftig oder in Pflegestufe 0 ist. Eine Gesundheitsprüfung ist nicht zulässig. Jetzt haben die Anbieter Angst, dass vor allem Menschen mit relativ schlechtem Gesundheitszustand einen geförderten Tarif abschließen.

Deshalb wagen sich die Versicherer nur vorsichtig auf das glatte Pflege-Bahr-Parkett. Als erster Anbieter brachte die Barmenia Mitte Dezember vergangenen Jahres ihre „Deutsche Förder-Pflege“ auf den Markt. Anfang Februar gab Josef Beutelmann, Vorstandschef der Barmenia, die Zahl der Abschlüsse mit 1400 an. Die Ergo-Gruppe mit dem Branchenschwergewicht DKV und Ergo Direkt, kommt eigenen Angaben zufolge aktuell auf rund 6000 Abschlüsse.

Ähnlich hoch könnte die Zahl bei Debeka, dem zweiten Schwergewicht der Branche, liegen. Konkrete Zahlen wollte die Debeka auf Anfrage aber nicht nennen. Auch die Allianz, erst seit Januar mit ihrem geförderten Produkt am Start, möchte derzeit keine Zahl nennen. Insgesamt aber ist die Prognose nicht gewagt, dass gut zehn Wochen nach dem offiziellen Start des Pflege-Bahrs nur etwas mehr als 10 000 Kunden eine Pflege-Bahr-Police abgeschlossen haben.

Zumindest die Deutsche Familienversicherung (DFV) begrüßt ausdrücklich die Einführung des Pflege-Bahrs: „Ein starkes politisches Signal, das zeigt, wie wichtig zusätzliche private Vorsorge für den Pflegefall ist“, betont Evelyn Paulus, Pressesprecherin der DFV. Vor allem junge Menschen könnten mit dem Pflege-Bahr eine „attraktive Pflegetagegeldhöhe absichern“. Für Ältere sei der Pflege-Bahr wegen der höheren Beiträge nur bedingt interessant.

Die DFV hat die Tarifkalkulation ihres nicht geförderten Tarifs „DFV-DeutschlandPflege“ an die neue Kalkulation der geförderten „DFV-FörderPflege“ angepasst. Das soll deren Kombination erleichtern. Im Paket entfällt für den Kunden die sonst vorgeschriebene Wartezeit von fünf Jahren vollständig, so die Sprecherin.

Im neuen Tarifmodell können die Kunden einen fixen Beitrag angeben. Die DFV ermittelt dann die zugehörige Tagesgeldhöhe. Ein Beispiel: Für einen Eigenanteil von 20 € würde ein Versicherter mit Eintrittsalter 30 in Pflegestufe III 1620 € monatlich erhalten. Oben drauf kämen dann noch die Leistungen aus der Sozialen Pflegepflichtversicherung (siehe Tabelle).

Ein Leistungsbaustein, den fast alle Versicherer anbieten: Die gesetzlich verlangte Wartezeit von fünf Jahren entfällt bei unfallbedingter Pflegebedürftigkeit.

Ebenfalls gibt es fast überall einen Aufbautarif. Bei der Barmenia schließen rund 15 % der versicherten Personen neben dem staatlich geförderten Pflegetagegeld die Aufbaustufe „Barmenia Pflege+“ ab, so das Unternehmen. Inklusive der „Barmenia Deutschen-Förder-Pflege“ dürfe das Pflegegeld aber nicht über 2500 € im Monat liegen.

Bei der Allianz kann der Kunde den geförderten Tarif mit dem bestehenden Tarif „PflegetagegeldBest“ kombinieren. Im Mai will die Allianz zusätzlich den Ergänzungstarif „PflegetagegeldPlus“ zum geförderten Produkt einführen.   STEFAN TERLIESNER

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