Behavioral Finance 05.02.2020, 14:37 Uhr

Mögliche Trendwende an der Börse: Ist das Coronavirus ein schwarzer Schwan?

Die Börsentrends werden von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Marktteilnehmer beurteilen diese Faktoren unterschiedlich. Überwiegt die Zahl der Optimisten, steigen die Kurse. Kritisch wird es dann, wenn etwas passiert, womit niemand gerechnet hat. Etwas, was fundamentalen Einfluss auf die Wirtschaft hat. Etwas, das dafür sorgt, dass selbst die überzeugtesten Optimisten die Seite wechseln.

schwankende Graphen vor roten Hintergrund

Foto: panthermedia.net/WavebreakmediaMicro

„Die Börse reagiert gerade mal zehn Prozent auf Fakten. Alles andere ist Psychologie“, fasste Börsen-Altmeister André Kostolany das Börsengeschehen einmal treffend zusammen. Was er damit meinte: Die Fakten werden von den Marktteilnehmern unterschiedlich interpretiert. Überwiegen die positiven Einschätzungen, steigen die Aktienkurse. Überwiegen die negativen Einschätzungen, fallen sie. Je nachdem, ob es sich um kurz-, mittel- oder langfristige Einschätzungen handelt, werden so aus den jeweiligen Stimmungen Trends. Dahinter verbirgt sich eine immer wieder zu beobachtende Systematik:

Kurzfristig werden die Börsen beeinflusst durch das sogenannte Sentiment, also kurzfristigen Stimmungen, die die Kurse bewegen. Dies können beispielsweise politische Ereignisse sein, wie der Angriff der USA auf einen iranischen General. Die Angst vor einem Krieg sorgt in der Regel für Verunsicherung an den Märkten.

Faktoren, die mittelfristig die Börsen bewegen, sind die allgemeine Börsenstimmung und die Liquidität. Paradoxerweise wird viel Optimismus an den Börsen häufig als Indiz für einen baldigen Einbruch gewertet. Wie optimistisch die Stimmung ist, kann man etwa am Verhältnis von Kauf- zu Verkaufsoptionen messen. Haben Händler signifikant mehr Kauf- als Verkaufsoptionen im Depot, kann dieser Optimismus als Kontraindikator gewertet werden. Beim ebenfalls mittelfristig interessanten Faktor Liquidität kommt den Zentralbanken eine hohe Bedeutung zu. Wenn etwa die EZB oder die FED dem Markt übermäßig viel Geld zur Verfügung stellen, kann dies dazu führen, dass ein Teil dieser Liquidität an die Aktienmärkte fließt und dort für steigende Kurse sorgt.

Langfristige Faktoren wiederum sind das fundamentale Wachstum der Unternehmen und der Ausblick auf die kommenden Jahre. Sind die Erwartungen positiv und wird in bestimmten Segmenten überdurchschnittliches Wachstum erwartet, führt dies zu steigenden Aktienkursen.

Normalerweise bewegen sich Stimmung und Börsenkurse in einem gewissen Rahmen. Mal gibt es etwas mehr Pessimisten, mal mehr Optimisten. Gefährlich wird es, wenn die Einschätzungen zu den oben genannten Faktoren plötzlich komplett infrage gestellt werden. Das kann passieren, wenn aus dem scheinbaren Nichts heraus sogenannte schwarze Schwäne auftreten. Damit sind Ereignisse gemeint, die die große Mehrheit der Marktteilnehmer überraschen und mit einem Schlag zu einer Neubewertung der Marktsituation führen. Ein Beispiel dafür war die Finanzkrise im Jahr 2008. Den Marktteilnehmern wurde plötzlich bewusst, dass die Subprime-Krise praktisch alle Banken in den Abgrund reißen konnte. Tatsächlich sorgte nur eine beherzte Rettungsaktion der Regierungen dafür, dieses Worst-Case-Szenario abzuwenden.

Als möglicher schwarzer Schwan könnte sich auch das aktuelle Coronavirus entpuppen. Es ist durchaus möglich, dass die Situation komplett unterschätzt wird. Denn die vom Virus besonders stark betroffene Provinz Hubei mit ihrer Hauptstadt Wuhan ist ein Drehkreuz der chinesischen Wirtschaft. Hier verlaufen bedeutende Transportwege. Hier schlägt das Produktionsherz Chinas besonders laut. In kaum einer anderen chinesischen Region ist der Import von Investitionsgütern, Öl und Industriemetallen größer. Sollte die chinesische Regierung die Situation nicht unter Kontrolle bekommen, könnte dies nicht nur die Wirtschaft in China abwürgen, sondern internationale Lieferketten aus der Balance bringen. Die Multiplikator-Effekte sind derzeit kaum abzuschätzen. Im schlimmsten Fall ist eine weltweite Rezession denkbar. Ein Szenario, das keine internationale Organisation und keine Zentralbank bisher für möglich gehalten hat.

Privatanleger sollten deshalb vorsichtig agieren und einen Teil ihres Kapitals außerhalb der Aktienmärkte anlegen, um für den Fall eines plötzlichen Abschwungs genügend Reserven zur Verfügung zu haben. Denn Krisen sind gute Zeiten, um Schnäppchenkäufe zu tätigen. Auch diese Erfahrung hat Kostolany kurz und treffend zusammengefasst. Sein Resümee: „Börsengewinne sind Schmerzensgeld. Erst kommen die Schmerzen, dann das Geld.“

Helge Müller ist Chief-Investment-Officer der Genève Invest in Luxemburg. Für ingenieur.de schreibt er in regelmäßigen Abständen Kolumnen zur privaten Vermögensverwaltung. Foto: Genève Invest

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  • Helge Müller

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