Anlagestrategie: Qualität statt Value 02.09.2019, 14:45 Uhr

Lohnen sich Value-Aktien noch?

Die Investition in Value-Aktien gilt manchen Anlegern als Königsweg. Doch die Value-Jagd zahlt sich an den Börsen seit Jahren nicht mehr aus. Mit Indexfonds fuhren Anleger zuletzt besser. Woran liegt das? Und wann wird sich das wieder ändern?

Foto: panthermedia.net/shirotie

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Der Begriff Value steht im Zusammenhang mit der Bewertung von Unternehmen für eine hohe Substanz, die von der Börse noch nicht honoriert wird. Value-Investoren kaufen also Aktien, die nach klassischen Bewertungskriterien günstig erscheinen und hoffen darauf, dass sich die Schere zwischen aktuell günstiger Bewertung und dem Wert, der ihrer Meinung nach angemessen wäre, irgendwann schließt. Was nach einem soliden, erfolgversprechenden Weg klingt, hat sich in den vergangenen Jahren leider nicht mehr bewährt. Anleger sind mit schlichten Indexfonds besser gefahren.

Value-Aktien setzen auf die inneren Werte der Aktie

Doch woran liegt das? Antworten dazu liefert eine Analyse der Vorgehensweise von Value-Investoren: Sie bestimmen zunächst den inneren Wert einer Aktie. Dieser beruht auf langfristigen Durchschnittswerten wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis oder der Dividendenrendite. Diesen inneren Wert vergleichen sie mit dem Wert des betreffenden Unternehmens an der Börse.

Ist der Aktienkurs geringer als der innere Wert, gilt ein Unternehmen als unterbewertet und damit als potenzieller Kauf. Die Idee dahinter: Kurzfristige Negativereignisse werden von Börsianern gerne höher bewertet als langfristige, positive Bewertungsrelationen. Value-Investoren gehen davon aus, dass dieser Bewertungsfehler immer irgendwann ausgeglichen wird, der Börsenkurs also steigt.

Dass diese Theorie in der Praxis nicht mehr zu funktionieren scheint, hat sich schon unmittelbar vor der Finanzkrise gezeigt. Damals glaubten viele, dass Banken und Versicherungen aufgrund niedriger Kurs-Gewinn-Verhältnisse, Dividendenrenditen und anderen Bewertungskriterien ausgesprochen günstig seien. Was sie dabei übersahen: Die Unternehmen hatten sich mit toxischen Finanzprodukten eingedeckt und fuhren damit gegen die Wand. Nur durch eine riesige Rettungsaktion der OECD-Länder konnten die Finanzdienstleister vor dem Kollaps bewahrt werden.

Value-Investing scheitert oft am Strukturwandel

Aktuell machen Value-Investoren wieder einen ähnlichen Denkfehler. Sie kaufen klassische Unternehmen, die günstig erscheinen. Sie übersehen dabei jedoch, dass sich die Welt und die Art und Weise, wie Geschäfte gemacht werden, aufgrund des technologischen Wandels grundlegend ändern. Viele der Old-Economy-Unternehmen schaffen es nicht, sich darauf einzustellen. Sie werden vermutlich sogar vom Markt verschwinden, falls sie wichtige Trends verschlafen. So werden beispielsweise Versicherungen mittlerweile über das Internet abgeschlossen, Konsumenten kaufen nicht mehr in Geschäften ein, sondern übers Internet.

Es geht also nicht mehr um temporäre Unterbewertung, sondern um einen Strukturwandel. Manche Branchen von heute sind zu vergleichen mit Pferdedroschken vor mehr als 100 Jahren. Value-Investoren müssen lernen, solche Entwicklungen zu erkennen und zu unterscheiden zwischen temporärer Schwäche und Kaufchance oder generellem Entzug der Geschäftsgrundlage.

Ist Value-Investing überholt?

Sollte man Value-Investing deshalb als Idee abschreiben? Ganz und gar nicht. Die Idee funktioniert nämlich grundsätzlich gut. Man muss sie nur etwas anpassen: Denn auch Unternehmen mit Substanz sind in der Lage, neue Chancen zu nutzen. Sind sie innovativ genug, können sie Marktfelder neu besetzen.

Eine Möglichkeit, eine bessere Sichtweise auf diese Unternehmen zu bekommen, besteht darin, nicht solche Kennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis aus dem vergangenen Jahr anzuwenden, sondern die erwarteten Gewinne beispielsweise in 3 oder 4 Jahren. Man sieht dann sehr schnell, dass heute gut positionierte Qualitätsunternehmen gar nicht mehr teuer sind. So hat beispielsweise Facebook auf Basis der Bloomberg-Durchschnittsschätzungen für das Jahr 2023 ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von gerade einmal 10 und SAP von 13,7. Und selbst Amazon, das derzeit mit einem zehnjährigen Durchschnitts-Kurs-Gewinn-Verhältnis von 259 bewertet wird, ist für das Jahr 2023 eher moderat bewertet – mit einem KGV von 19 .

Viele dieser von Value-Investoren eigentlich wenig geschätzten Unternehmen besetzen neue Felder und haben zudem die Fähigkeit, ihren Vorsprung gegenüber Konkurrenten zu wahren, um langfristig Umsatz und Marktanteile zu sichern. Das wiederum wird von Value-Investoren sehr geschätzt. Sie müssen also genau abwägen und ihre Bewertung neu justieren. Oder sie werden zusammen mit der Old-Economy selbst vom Markt verschwinden.

Porträt von Helge Müller

Helge Müller ist Chief-Investment-Officer der Genève Invest in Luxemburg. Für ingenieur.de schreibt er in regelmäßigen Abständen Kolumnen zur privaten Vermögensverwaltung.

Von Helge Müller, Chief Investment Officer, Genève Invest Tags:

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