Interview zur Altersvorsorge 21.12.2012, 18:28 Uhr

„Kein Mensch brennt darauf, sich mit Altersvorsorge zu beschäftigen“

Immer mehr Deutsche haben Angst, dass die Rente nicht zum Leben ausreicht. Doch ein Alter in Armut ist kein Schicksal, vorausgesetzt man kümmert sich rechtzeitig um zusätzliche Einkommensquellen. Warum tun sich so viele schwer damit? Fragen an den Vorsorge-Experten Uwe Saßmannshausen, Gründer des Erlanger Beratungsunternehmens Pension Solutions.

Alter in Armut ist kein Schicksal, wenn man sich rechtzeitig um zusätzliche Einkommensquellen kümmert.

Alter in Armut ist kein Schicksal, wenn man sich rechtzeitig um zusätzliche Einkommensquellen kümmert.

Foto: Werkfoto

VDI nachrichten/INGENIEUR.de: Herr Saßmannshausen, fast jeder zweite Berufstätige weiß laut einer neuen Studie nicht mehr, wie er sich am besten fürs Alter absichert. Die monatlichen Ausgaben für die Altersvorsorge gehen zurück. Was ist da schief gelaufen?

Saßmannshausen: Zunächst mal hat Deutschland vieles richtig gemacht. Wir haben früher als manches andere Land zur Jahrtausendwende der Realität ins Auge geschaut. Wegen der demografischen Entwicklung wurde die gesetzliche Rente von Voll- auf Basisversorgung umgestellt.

Die entstandene Lücke sollten die Bürger in eigener Verantwortung schließen. Die Politik versucht seitdem, mit staatlicher Förderung eine ergänzende kapitalgedeckte Vorsorge durchzusetzen. Zwölf Jahre nach diesem Paradigmenwechsel müssen wir allerdings feststellen, dass es nicht wirklich funktioniert.

Warum funktioniert es nicht?

Saßmannshausen: Weil wir es typisch deutsch angegangen sind. Die Reformen sind handwerklich sauber, leiden aber an ihrer Komplexität. Wir haben weiterhin die gesetzliche Rente mit ihrem Umlageverfahren. Wir haben die staatliche Förderung in der ergänzenden kapitalgedeckten Altersvorsorge – Stichwort Riester-Rente. Wir haben die betriebliche Altersvorsorge als ergänzende kapitalgedeckte Altersvorsorge mit allein fünf verschiedenen Durchführungswegen. Der Bürger steht da vor einer Wand, die er nicht überwinden kann.

Die Bundesregierung verweist stolz darauf, dass es fast 16 Mio. Riester-Verträge gibt. Keine Erfolgsbilanz für die private Vorsorge?

Saßmannshausen: Das ist nur auf den ersten Blick ein Erfolg. Auf ein Fünftel dieser Verträge wird überhaupt kein Geld mehr eingezahlt, das heißt, sie sind ruhend gestellt. Bei den übrigen Verträgen handelt es sich zum größten Teil um sogenannte Mindestbeitragsverträge. Die werden mit 60 € im Jahr bedient, um sich die staatliche Förderung zu sichern. Das ergibt später eine Rente zwischen 25 € und 38 €. Damit sichert man nicht seinen Lebensstandard.

Das heißt die meisten Riester-Verträge sind Alibiveranstaltungen?

Saßmannshausen: Ja leider. Selbst die Bundesregierung gibt in ihrem aktuellen Alterssicherungsbericht endlich zu, dass wir ein Problem mit der staatlich geförderten privaten und betrieblichen Altersvorsorge haben. Die Verbreitung lässt zu wünschen übrig. Ohne eine zusätzliche Altersvorsorge wird das Versorgungsniveau in Zukunft deutlich sinken.

Gibt es Ihrer Erfahrung nach eine grundsätzliche psychologische Barriere bei vielen Menschen, über Altersvorsorge nachzudenken – vor allem frühzeitig, in jungen Jahren?

Saßmannshausen: Ich bin kein Psychologe, aber auf den ersten Blick ist das Thema Altersvorsorge sperrig, es hat keinen Sex-Appeal. Damit verbinden sich keine Emotionen. Kein normaler Mensch brennt darauf, sich mit staatlich geförderter Altersvorsorge zu beschäftigen, sich vertraut zu machen, mit all den Produkten und Wahlmöglichkeiten, die er hat.

Ans Alter denkt man vielleicht ohnehin nicht so gerne.

Saßmannshausen: Das mag ja sein. Aber wer nicht gerne ans Alter denkt, und deshalb nicht vorsorgt, wird dafür bestraft. Je später er damit anfängt, eine private Rente aufzubauen, desto teurer wird es. Mit 40 oder 50 tun die monatlichen Raten richtig weh.

Aber überfordert es nicht einen 25-Jährigen, sich auf eine Altersvorsorge festzulegen, deren Früchte er erst in 40 oder 50 Jahren genießen kann?

Saßmannshausen: Warum sollte es ihn überfordern?

Saßmannshausen: Weil sich die Welt immer rasanter verändert. Weil die Turbulenzen zunehmen. Viele sehen sich umstellt von Risiken und Unwägbarkeiten. Da braucht es doch viel Gottvertrauen, sich für ein halbes Jahrhundert auf eine Geldanlage festzulegen. Es braucht weniger Gottvertrauen als Vernunft. Die 50 Jahre von denen Sie sprechen, sind natürlich ein langer Zeitraum. Aber Sie übersehen, dass die Altersvorsorge ja nicht starr ist. Sie passt sich an veränderte Lebenssituationen an.

Wenn es finanziell knapp wird, zahlen Sie eben weniger oder Sie stellen die Zahlungen vorübergehend ein. Wenn Sie die Stelle wechseln, nehmen Sie ihre Anwartschaft natürlich mit. Und wenn Ihr neuer Arbeitgeber pleitegeht, befriedigt der Pensionssicherungsverein Ihre Ansprüche. Und wenn der Versicherer insolvent wird, über den ihre betriebliche Altersvorsorge läuft, dann gibt es mit der Protektor eine Sicherungseinrichtung der Assekuranz.

Es gibt überhaupt keine Anlage, die ähnlich flexibel ist und bessert abgesichert als die staatlich geförderte und regulierte Altersvorsorge.

Als Berater, der sich auf betriebliche Altersvorsorge spezialisiert hat, müssen Sie das natürlich sagen.

Saßmannshausen: Ich sage das nicht nur aus Geschäftsinteresse. Die betriebliche Vorsorge ist allein dank der staatlichen Förderung äußerst attraktiv. Es ist doch kein Zufall, dass die SPD in ihrem neuen Rentenkonzept die betriebliche Altersvorsorge deutlich stärken will.

Was spricht für betriebliche Lösungen?

Saßmannshausen: Der Vorteil für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Für die Rentenbeiträge müssen bis zu einem jährlichen Höchstbetrag von 2688 € keine Sozialabgaben entrichtet werden. Außerdem sind sie in dieser Höhe von der Steuer befreit. Erst bei Auszahlung der Betriebsrente schlägt der Fiskus zu. Die Steuersätze sind dann aber deutlich niedriger als während der Erwerbstätigkeit, weil das Einkommen niedriger ist.

Welche Rendite ergibt sich daraus?

Saßmannshausen: Allein bezogen auf den Betrag, den der Arbeitnehmer aus seiner eigenen Tasche einzahlt kommen Sie auf jährliche Renditen von 8 % bis 10 %. Und das bei extrem konservativer und damit sicherer Anlage. Das sind Werte, die Sie bei keiner anderen Art des Vorsorgesparens auch nur annähernd erreichen.

Die Uni Bamberg hat unlängst in einer Studie behauptet, dass sich die Entgeltumwandlung nicht lohne. Die Steuern und Beiträge in der Rentenphase würden die Rendite aufzehren…

Saßmannshausen: Darf ich es offen sagen: Das sind Studien die die Welt nicht braucht. Die dort zugrunde gelegte Modellrechnung steckt voller Ungereimtheiten. Die Schlüsse die gezogen wurden sind zum Teil schlicht falsch.

Da wird etwa davon ausgegangen, dass die Vorsorgegelder der Versicherten über 40 Jahre lang unverändert zu einem Zins von 1,75 % angelegt werden. Oder es wird für einen 23-jährigen Berufsanfänger mit einem viel zu hohen Monatsverdienst von 3400 € gerechnet – selbstverständlich ein Leben lang in der ungünstigen Steuerklasse eins.

Die Kosten- und Effizienzvorteile betrieblicher Vorsorgelösungen gegenüber privaten Rentenversicherungen wurden gleich völlig ausgeblendet.

Aber die Studie und die Diskussion darüber hat viele Bürger vermutlich zusätzlich verunsichert.

Saßmannshausen: Ja, aber bei solchen Modellrechnungen muss man sich eher Gedanken über die Motive des Verfassers als über den Sinn der betrieblichen Altersversorgung machen. Fakt ist: Bei der Entgeltumwandlung spare ich als Arbeitnehmer Steuern und Abgaben. Der oben beschriebene Effekt der verzinsten Steuerstundung kommt uneingeschränkt jedem Arbeitnehmer zu Gute.

Dennoch zahlt nur etwa jeder dritte deutsche Arbeitnehmer auf eine Betriebsrente ein. Warum sind es nicht mehr, wenn die Rendite so attraktiv ist, wie Sie sagen?

Saßmannshausen: Im Grunde sind es noch viel weniger als jeder Dritte. In Ihrer Zahl sind zum Beispiel auch alle Kleinstrentenansprüche aus betrieblichen Altersvorsorgelösungen vor 1999 enthalten. Da kommen hinterher Mini-Renten raus, die im Alter niemandem weiterhelfen. Betriebliche Rentenansprüche in relevanter Größe, also von mehreren hundert Euro monatlich, haben vielleicht 10 % aller Beschäftigten…

…umso dringlicher stellt sich die Frage, woran das liegt. Warum hat sich betriebliche Vorsorge nicht durchgesetzt?

Saßmannshausen: Weil die Finanzdienstleister viel zu lange gedacht haben, es reicht aus, Rahmenverträge mit Unternehmen zu machen. Man glaubte, dass die Mitarbeiter dann von alleine kämen. Das hat sich als Irrglaube erwiesen. Wenn Sie Belegschaften wirklich für betriebliche Vorsorgelösungen gewinnen wollen, geht das nicht ohne Einzel- oder Gruppenberatung. Ein paar erläuternde Worte am Ende einer Betriebsversammlung oder in der Hauszeitschrift reichen nicht.

Deshalb gehen Sie und Ihre Mitarbeiter in die Betriebe und beraten individuell. Auf welche Vorbehalte stoßen Sie da?

Saßmannshausen: Häufig stößt man zunächst auf Zurückhaltung und Reserviertheit, weil die Leute glauben dass es nur um Versicherungen geht.

…was ja nicht ganz falsch ist.

Saßmannshausen: Wir erklären ihnen, dass es sich erst in zweiter Linie um ein Versicherungsprodukt handelt. In erster Linie geht es um eine arbeitsvertragliche Vereinbarung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Die allermeisten stehen dem Thema aber offen gegenüber, wenn man sie einfach und verständlich informiert. Zwischen 50 % und zwei Drittel der Beschäftigten entscheiden sich nach unserer Beratung für die angebotene Betriebsrente.

Sie können nur beraten, wenn der Arbeitgeber einen Rahmenvertrag abschließt und Sie in den Betrieb lässt. Wie aufgeschlossen sind Unternehmer für das Thema?

Saßmannshausen: Für die Firmen hat betriebliche Altersvorsorge keine höchste Priorität. Da darf man sich keine Illusionen machen. Wir suchen den Kontakt über Dienstleister, die bereits eine intakte Geschäftsbeziehung zum Unternehmen haben. Das kann eine Bank sein, ein Beratungsunternehmen oder ein Industrieversicherer.

In den vergangenen Jahren spüren wir, dass das Interesse an dem Thema wächst. Immer mehr Unternehmen sehen in der betrieblichen Altersvorsorge ein Instrument, mit dem sie Mitarbeiter finden und binden können.

Wie sorgen Sie selbst für den Ruhestand vor?

Saßmannshausen: Neben der selbstgenutzten Immobilie natürlich auch mit einer betrieblichen Altersvorsorge. Wie übrigens auch 85 % meiner Mitarbeiter.

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