Versicherung 10.09.2010, 19:48 Uhr

Hochwasser: Ärger mit der Versicherung

Um die Versicherung von Hochwasser gibt es oft Ärger: Erst im Schadensfall merken viele Hausbesitzer, dass die klassischen Wohngebäude- und Hausratpolicen dieses Risiko gar nicht decken. Und wer sich dann versichern will, wird von der Branche meist abgewiesen, klagen Verbraucherschützer. Die Assekuranz will nun ihr Versicherungsmodell umstellen.

Mit den ersten Fernsehbildern deutscher Hochwasseropfer steigen die Versicherer nun fast schon allsommerlich in die Werbung für die Elementarversicherung ein. Anders als vielfach geglaubt, kommt die klassische Wohngebäude- oder Hausratversicherung im Regelfall nämlich nicht für die Schäden infolge von Starkregen, Hochwasser und Überschwemmung auf. Nur die sogenannte Elementarschadenversicherung bezahlt dann die Reparaturen am Haus, übernimmt die Kosten für einen Abriss, den Transport von Bauschutt oder die Sicherungsmaßnahmen und erstattet die Mietausfälle, wenn das Haus vorübergehend unbewohnbar ist. Und auch der Hausrat ist gegen die Schäden aus diesen Wetterkapriolen nur versichert, wenn zusätzlich eine Elementardeckung geschlossen wurde.

Nach Schätzungen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft sind 74 % aller Haushalte gegen die finanziellen Folgen dieser Naturgefahren aber nicht richtig versichert. Im Bundesdurchschnitt besitzen danach nur 26 % der Haushalte eine Elementarschadenversicherung für ihr Wohngebäude. Ihren persönlichen Hausrat versichern sogar nur 15 %. Dabei kann das Risiko praktisch jeden Hausbesitzer treffen.

„Gerade vor dem Hintergrund des möglicherweise wachsenden Phänomen des Starkregens ist eigentlich kaum noch ein Hausbesitzer vor diesem Risiko gefeit. Und diese Schäden erreichen schnell fünfstellige Summen,“ sagt Thorsten Rudnik vom BdV, Deutschlands größter Verbraucherschutzorganisation für Versicherte, und rät „dringend“ zum Abschluss einer Elementarversicherung.

Doch der Abschluss einer solchen Police scheint in der Praxis gar nicht so leicht, wie die Versicherer oft behaupten. Um das Risiko zu kalkulieren, hat die Branche die Software ZÜRS (Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Stark-regen) für die 55 000 deutschen Flusskilometer entwickelt. Mithilfe der Wasserwirtschaftsämter wurden Schutzmaßnahmen und Pegelstände der Vergangenheit so analysiert und aufbereitet, dass für jede einzelne Adresse (Straße mit Hausnummer) das Risiko einer Überschwemmung bestimmt werden kann.

Daraus entstanden sind vier sogenannte Gefährdungsklassen (siehe Kasten), die ausschlaggebend für die Prämienhöhen und Versicherungsbedingungen sind. Häuser der ersten beiden Klassen sind danach kaum gefährdet und können teilweise schon ab einer Jahresprämie von 30 € (durchschnittliches Einfamilienhaus) versichert werden. Anders sieht die Situation bei Adressen der ZÜRS-Klassen 3 und 4 aus. „Wir sind inzwischen in der Lage, so gut wie alle Haushalte in Deutschland gegen Naturgefahren zu versichern“, behauptet Jörg von Fürstenwerth, Vorsitzender der GDV-Hauptgeschäftsführung. „98,5 % aller Wohngebäude in Deutschland sind problemlos versicherbar. Für die verbleibenden 1,5 % der Häuser lassen sich individuelle Lösungen finden, wie z. B. über einen erhöhten Selbstbehalt.“ Diese Versicherungspraxis kann der Bund der Versicherten so nicht bestätigen.

„Wir bekommen viele Anrufe von Kunden, die nicht versichert werden. Das sind keine Einzelfälle“, sagt Rudnik. Betroffen seien Kunden mit Gebäuden in den beiden hohen ZÜRS-Klassen, aber auch Kunden, die im Versicherungsantrag bereits Vorschäden aus den letzten fünf Jahren oder die Kündigung durch ihren bisherigen Versicherer angeben mussten. Denn die Bereitschaft der Versicherer nach der Regulierung eines Schadens von der gesetzlichen Möglichkeit der Kündigung Gebrauch zu machen, sei heute deutlich größer.

Auf Seiten der Versicherer sind diese Fälle durchaus bekannt. „Gebäude in der Kölner Altstadt oder an den Flussufern in Passau versichern wir nicht“, sagt ein großer Gebäudeversicherer auf Anfrage. Andere Anbieter raten Kunden mit gefährdeten Gebäuden zu einer individuellen Risikoprüfung. Wenn die Bauweise des Hauses das Schadenausmaß begrenzt oder Zahl und Ausmaß der Schäden in der Vergangenheit vergleichsweise klein waren, kommen Versicherer und Kunden dann doch noch ins Geschäft. Üblich sind neben deutlich höheren Risikozuschlägen auch Selbstbehalte oder gar Ausschlüsse.

Die rigorose Haltung begründen Erstversicherer zum einen mit dem starken Wettbewerb in der Wohngebäude-Versicherung, zum anderen mit der Haltung der Rückversicherer. Diese nähmen ihnen die Risiken nicht ab.

Da Hochwasser nicht erst seit den Jahrhundertkatastrophen an Elbe und Oder eine politische Dimension hat, wird auch immer wieder darüber diskutiert, ob die Versicherer nicht grundsätzlich alle Wohngebäude gegen Hochwasser versichern müssten. In Baden-Württemberg war dies bis 1994 Pflicht.

Die Stuttgarter Sparkassenversicherung hat diese Praxis freiwillig beibehalten und schließt in alle Wohngebäudeversicherungen eine Elementardeckung ein – es sei denn, der Kunde widerspricht. Auch in den neuen Bundesländern sind die Elementardeckungen in der Wohngebäude- sowie der sogenannten Haushaltsversicherung traditionell weit verbreitet. Dies stammt noch aus den Zeiten der deutschen Versicherungs-AG, die nach der Wende von der Allianz übernommen wurde. Die Allianz führt diese Verträge weiter und bietet Neukunden in den neuen Bundesländern und Berlin den entsprechenden Einschluss des Risikos an.

Beim Versichererverband wird derzeit „mit Hochdruck“ an neuen Musterbedingungen gearbeitet. Damit sollen die Risiken aus der Elementarversicherung grundsätzlich Gegenstand der herkömmlichen Wohngebäudeversicherung sein. Würden alle Gebäude grundsätzlich versichert, glichen die guten, weil wenig gefährdeten Risiken die schlechten aus, und die Prämien wären für alle Kunden erschwinglich.

Die Musterbedingungen sind allerdings nur Empfehlungen des Verbandes, umsetzen müssen die Versicherer diese nicht. Das Hochwasser-Risiko hat aber gute Chancen, branchenweit neu angefasst zu werden. Immerhin werden die Musterbedingungen der Elementarversicherung wortgetreu von nahezu allen Anbietern verwendet. MONIKA LIER

Ein Beitrag von:

  • Monika Lier

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