Geldanlage 17.11.2006, 19:25 Uhr

Hedgefonds: Turbulenzen garantiert  

Hedgefonds zielen auf Wertzuwachs – kurzfristig und mit allen Mitteln. Manager, die sich den Fonds in den Weg stellen, ziehen fast immer den Kürzeren. Ist das Ziel erreicht, versilbern die Investoren ihre Anteile. Auch in Deutschland alarmiert der neue Shareholder-Kapitalismus Vorstände und Belegschaften. Zu Recht?

Vor über einem Jahr brachte der Hedgefonds TCI den Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, zu Fall. Dem Investor missfiel der geplante Zusammenschluss mit der Londoner Börse. Vor kurzem war es das Dax-Unternehmen Continental, das von unliebsamen Gesprächen mit den meist angelsächsischen Investoren berichtete.

Doch selbst vor kleinen Werten machen die Fonds nicht Halt: Die SDax-Firma Balda ist in das Visier der Fonds geraten. Der Hedgefonds Audley Capital, der gut 5 % der Anteile hält, will den Handyschalenhersteller übernehmen und von der Börse zurückziehen.

Ende Oktober hat sich mit der Londoner Investmentgesellschaft Cycladic Capital LLP (Balda-Anteil: 10,7 %) ein Großaktionär auf die Seite des Kaufinteressenten geschlagen. Er forderte den Aufsichtsrat des Unternehmens auf, für alle Bieter die Bücher zu öffnen. Alle ernsthaften Interessenten einschließlich des Investmentfonds Audley Capital müssten die Gelegenheit erhalten, die genauen Unternehmensdaten prüfen zu können.

Auch das Balda-Management stellt Ansprüche: „Wir haben die Fonds aufgefordert, mehr Informationen über ihre Pläne rauszugeben. Im Augenblick liegt uns kein Übernahmeangebot vor“, so Balda-Vorstandschef Joachim Gut.

Die Übernahme-Offerte trifft Gut in schwieriger Zeit: Wegen der Krise des taiwanischen Handyherstellers BenQ sind bei Balda die Aufträge eingebrochen. Das Unternehmen aus dem westfälischen Bad Oeynhausen hat deshalb einen drastischen Stellenabbau in Deutschland angekündigt. Balda will sich von 1000 seiner 1600 Mitarbeiter trennen und drei heimische Werke verkaufen.

Ob sich Audley Capital bei Balda durchsetzt und welche strategischen Ziele der Fonds mit dem deutschen Unternehmen eigentlich verfolgt, ist derzeit völlig offen. „In der täglichen Arbeit werden wir aber nicht behindert,“ übt sich Balda-Chef Gut in Gelassenheit.

Der Fall Balda ist typisch für die Arbeitsweise von Hedgefonds. Ihre Manager sind verschwiegen, geben kaum Auskunft über Anlagestrategien oder die Dauer von Engagements. Wenn Hedgefonds als „Activist Funds“ auftreten, also direkten Einfluss nehmen auf die Geschäftsstrategie, decken sie sich in der Regel an der Börse mit Aktien der jeweiligen Firma ein. Dies kann innerhalb von Tagen, aber auch über Monate geschehen. Erst bei Überschreitung einer bestimmten Anteilsschwelle müssen sie sich zu erkennen geben – diese liegt derzeit bei 5 %.

Bisweilen steht hinter den getrennt voneinander agierenden Fonds der gleiche Investor. Nicht selten solidarisieren sich auch die Hedgefonds und kämpfen für das gleiche Ziel. So wie im Fall der Deutschen Börse, als sich TCI mit Atticus verbündete, und die Gruppe zwischenzeitlich einen zweistelligen Anteil an der Deutschen Börse hielt.

Diskutiert wird bei den Fonds wenig. Man werde von den Vorgängen eher in Kenntnis gesetzt, beschwerte sich Werner Seifert während seiner Auseinandersetzungen mit den Fonds. Seine Versuche, mit TCI-Chef Christopher Hohn direkt zu reden, seien allzu oft gescheitert. Zum Ende der Fehde, die letztlich zur Ablösung Seiferts führte, verkehrten beide Seiten nur noch in offenen Briefen miteinander.

„Derzeit ist eine tief greifende Neuordnung der Eigentümerstrukturen in deutschen Firmen zu beobachten. Kurzfristig orientierte Finanzinvestoren werden in den nächsten Jahren als Shareholderklasse an Bedeutung gewinnen. Da sie sich verstärkt zu Konsortien zusammentun, werden auch große Konzerne davon betroffen sein“, konstatierte jüngst der scheidende Deutschland-Chef der Strategieberatung Boston Consulting, Dieter Heuskel, in einem Interview.

Anders als klassische Fonds versuchten Hedgefonds meist mit geringem Mitteleinsatz die Strategie und oft auch das Management zu verändern, um kurzfristig den Kurs zu bewegen. Dies, so der Top-Berater, habe Konsequenzen für die Manager: „Die Perspektive des Unternehmens wird auf die inhaltliche und zeitliche Ausrichtung der Investoren eingestellt.“

Hedgefonds erweisen sich dabei als Agenten der Beschleunigung. Hoher Profit in möglichst kurzer Zeit, lautet die Marschrichtung. Die langfristige Entwicklung von Mitarbeitern und Produkten, die (zunächst oft verlustreiche) Erschließung neuer Geschäftsfelder oder Märkte, so die Befürchtung, wird darüber leicht vernachlässigt.

Die Investoren rechnen bei ihren Engagements eher in Monaten als in Jahren. Unternehmen, so die Sorge von Kritikern, wechseln in immer kürzeren Abständen den Besitzer – und die Marktstrategie. Mitarbeiter wie Manager verlieren die Orientierung, Kunden und Lieferanten werden verunsichert, die Identität von Unternehmen geht verloren, warnen Kritiker.

„Verantwortungsvolle Unternehmensführung funktioniert nicht nach einer Kenngröße des Kapitalmarkts, und sie läuft in die Irre, wenn sie den Interessen einzelner Gruppen folgt, selbst wenn es eine so wichtige Gruppe ist wie die der Eigentümer/Aktionäre. Es geht um das Unternehmen, das muss bei allen Überlegungen im Zentrum stehen“, schreibt Porsche-Chef Wendelin Wiedeking in seinem soeben erschienenen Buch „Anders ist besser“.

In die gleiche Kerbe schlug bereits vor zwei Jahren der renommierte Soziologe Ralf Dahrendorf in einem Vortrag über die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft. „Verantwortlicher Kapitalismus“, postulierte der Wissenschaftler, „ist unternehmerisches Wirken mit Blick auf die mittlere Frist. Nicht von Jahrzehnten ist die Rede. Aber der Blick auf die nächsten zehn, ja zwanzig Jahre hat segensreiche Folgen, die über die Konkurrenzfähigkeit hinausreichen.“

Stellen Hedgefonds das exakte Gegenbild zu Dahredorfs „verantwortlichem Kapitalismus“ dar? Sind sie die Nutznießer eines gnadenlosen Profitstrebens, das sich einen Teufel schert um Arbeitsplätze und Unternehmenstradition? So berechtigt manche Warnung auch ist, so sehr muss vor Verallgemeinerungen gewarnt werden.

Ob der Strategiewechsel, den ein Hedgefonds möglicherweise erzwingt, sich für ein Unternehmen auf Sicht als fatal erweist, ist nämlich keineswegs ausgemacht. Der Sachverständigenrat, der sich vor einem Jahr ausführlich mit der Rolle von Hedgefonds befasst hat, vermutet sogar eher das Gegenteil.

Auch kurzfristig orientierte Fonds seien gezwungen, für ihre Beteiligungsfirmen langfristig erfolgreiche Strategien zu entwickeln. Andernfalls drohe eine schnelle Wertvernichtung, da der Aktienkurs die erwarteten zukünftigen Gewinne eines Unternehmens bewerte. „Ist die langfristige Strategie tatsächlich die profitablere, so hat jeder Finanzinvestor, unabhängig vom seinem eigenen Anlagehorizont, ein Interesse daran, diese zu unterstützen, denn sie ist in diesem Fall auch kurzfristig die profitablere Strategie“, heißt es im vorletzten Jahresgutachten der Wirtschaftsweisen.

Bei ihrer Kritik an Hedgefonds und anderen kurzfristig orientierten Investoren verwechselten Manager leicht ihr eigenes Interesse an stabilen Eigentumsverhältnissen mit dem langfristigen Interesse des Unternehmens. „Die Verschiebung der Aktionärsstruktur hin zu einer stärkeren Orientierung am Unternehmenswert (shareholder value) erhöht den Druck auf das Management und schränkt die Freiräume ein. „

Für die Damen und Herren in den Chefetagen brechen in der Tat härtere Zeiten an, wie gerade die letzten Wochen mit den Führungswechseln bei VW und Telekom gezeigt haben. „Die Haltefrist für Vorstände wird deutlich kürzer“, urteilt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. „Die Zeiten der gemütlichen Deutschland AG, in denen Unternehmen mit einer Bank und einer Versicherung als Großaktionär relativ ruhig wirtschaften konnten, sind vorbei. Bei vielen Dax-Unternehmen befinden sich die Aktien mehrheitlich nicht mehr im Besitz deutscher Anleger“, so der Aktionärsschützer. Bei der Telekom galt neben dem Bund als Haupteigner insbesondere der US-Investor Blackstone als Kritiker des abgelösten Konzernchefs Ricke.

Die Fundamentalkritik an angelsächsischen Finanzinvestoren, die in Deutschland gern als „Heuschrecken“ verspottet werden, ignoriert überdies den grundlegenden Nutzen der Fonds: Sie versorgen den Kapitalmarkt mit zusätzlicher Liquidität, die als Treibstoff für unternehmerisches Handeln unverzichtbar ist. Ohne frisches Geld aus Börsengängen, Kapitalerhöhungen und erfolgreich platzierten Unternehmensanleihen weniger Innovationen, weniger Expansion in neue Märkte, weniger Arbeitsplätze.

Hinzu kommt, dass aktive Investoren für den Vorstand anregende Sparringpartner sein können – vorausgesetzt, man ist sich einig über die Grundausrichtung des Unternehmens. Auch Berater Heuskel kann Hedgefonds bei aller Skepsis durchaus positive Seiten abgewinnen: „Ich will nicht in Frage stellen, dass Finanzinvestoren viele deutsche Firmen erfolgreich wachgerüttelt haben und dies auch weiterhin tun. Dafür gibt es genügend Beispiele.“I.PRODINGER/P. SCHWARZ

Von Prodinger/P. Schwarz
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