Getuschel, Gerede, Geraune 22.06.2001, 17:30 Uhr

Gerüchte hoch im Kurs

Was niemand (genau) weiß, macht Spekulanten offenbar heiß. Ein Wirtschaftsforscher hat die Wirkung von Börsengerüchten auf die Aktienkurse untersucht.

Der französische Technologie-Konzern Alcatel will den finanzschwachen amerikanischen Telekommunikations-Ausrüster Lucent übernehmen. Diese Nachricht verbreitete sich am 18. Mai unter den Börsianern wie ein Lauffeuer – und blieb nicht ohne Folgen: Noch am gleichen Tag sackte der Alcatel-Kurs um 6 %. Den überstürzten Verkauf ihrer Papiere hätten sich viele Aktionäre jedoch sparen können. Die Fusion entpuppte sich als Gerücht.

Kein Einzelfall: „Etwa alle zehn Minuten brodelt die Gerüchteküche an der Börse“, sagt der Chemnitzer Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Thießen, der in einer Studie den Einfluss von mehr als 100 Börsengerüchten auf die Finanzmärkte untersuchte. Man tauscht sich über vermeintlich geplante Fusionen aus, es wird über die Senkung der Leitzinsen spekuliert, und auch Staatsmänner sind gegen Klatsch und Tratsch nicht gefeit. So wurden dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan Mitte der achtziger Jahre mehrfach Herzinfarkte angedichtet, was den Dollarkurs erheblich unter Druck brachte.

Oft bewahrheiten sich Börsengerüchte oder enthalten zumindest einen wahren Kern. „Sehr viele Börsengerüchte werden aber auch bewusst als Falschmeldungen inszeniert“, sagt Friedrich Thießen. Aber den wenigsten Gerüchteköchen gelinge es, Aktienkurse zu beeinflussen.

Gute Erfolgschancen haben Gerüchte, die über vermeintlich seriöse Quellen, wie Nachrichtenagenturen, Zeitungen oder Fernsehsender, verbreitet werden. So berichtete 1994 ein britischer Fernsehsender, in einem Züricher Zollfreilager seien 1240 t Gold aus dem Besitz der früheren philippinischen Regierung entdeckt worden. Der Goldpreis am New Yorker Terminmarkt brach abrupt ein. Allerdings nur für kurze Zeit. „Niemand wollte dauerhaft glauben, dass in einem Schweizer Zollfreilager solch sagenhafte Mengen Gold einfach herumliegen“, sagt Friedrich Thießen.

Regel Nummer Zwei für die erfolgreiche Inszenierung von Gerüchten: Sie dürfen nicht sofort überprüfbar sein. „Gerne wird daher über unbekannte Ölscheichs oder Unternehmen aus dem Ostblock gemunkelt“, sagt Friedrich Thießen. Oder die unterschiedlichen Zeitzonen kommen den Gerüchteköchen zugute.

Ein Beispiel: Im vergangen Jahr kursierten Spekulationen darüber, dass die Hongkong and Shanghai Banking Corporation die Commerzbank übernehmen wollte. Niemand konnte jedoch Mitglieder der Führungsriege des asiatischen Kreditinstituts mitten in der Nacht anrufen, um das Gerücht zu überprüfen. Die Folge: Der Börsenkurs der Commerzbank stieg innerhalb eines Tages um glatte 5 % und normalisierte sich schnell wieder. Denn aufkaufen will das asiatische Kreditinstitut die Commerzbank bis heute nicht.

Aber warum reagieren Makler, Händler und andere aktive Anleger überhaupt auf Gerüchte? „Sie stehen unter Entscheidungsdruck“, erklärt Friedrich Thießen. „Entweder sie verlassen sich auf die Information und reagieren sofort. Oder sie erkundigen sich bei ihren Kollegen, um herauszufinden, ob es sich um eine Falschmeldung handelt“.

So verbreiten sich auch Gerüchte ohne wahren Kern in Windeseile und bringen den Aktienkurs vom nach wirtschaftlichen Erwägungen richtigen Weg ab. Den Zorn ihrer Kollegen – zumindest im Kreis der Makler und Händler – ziehen die Urheber von Börsengerüchten trotzdem nicht auf sich. Schließlich beleben die Geschichten das Geschäft: „Die Kunden sind dann wesentlich kauf- und verkauffreudiger, und an jeder Transaktion auf dem Aktienmarkt verdient der Börsenmakler“, erklärt Friedrich Thießen.

Der Börsenklatsch ist so alt wie die Börse selbst. Bis in die Neunziger Jahre war er jedoch zumeist den professionellen Aktienhändlern vorbehalten. Heute haben auch immer mehr Kleinanleger über diverse Internetportale Zugang zu brandaktuellen Nachrichten. Die Online-Gerüchteküche brodelt in Newstickern und in Chatrooms, in denen die Surfer jeden persönlichen Tipp weitergeben können. Fast jeden. „Wir moderieren unser Board“, sagt zum Beispiel Joachim Kühls, Geschäftsführer von Brokerworld-online. „Wenn uns Nachrichten geschickt werden, die hanebüchen erscheinen, rufen wir das betroffene Unternehmen an und fragen nach.“

Der Wirtschaftsdienst boerse.de verzichtet bisher noch ganz auf ein Diskussionsforum für seine Nutzer und bietet dafür einen redaktionell betreuten Gerüchteticker an. „Dort finden sich Informationen, die zwar noch nicht offiziell bestätigt sind, jedoch aus einer seriösen Quelle stammen“, sagt Online-Redakteur Hans Sölch. „Trauen sollten Privatanleger Börsengerüchten dennoch nicht“, findet Friedrich Thießen. „Schon allein wegen der hohen Spesen für den Börsenmakler.“

Auch auf die Kontrollmaßnahmen der Börsendienste im Internet ist nicht unbedingt Verlass. Das Gerücht der Fusion zwischen Alcatel und Lucent etwa fand sich im Gerüchteticker des Börsendiensts boerse.de, der es aus der New York Times übernommen hatte. Die New York Times hatte jedoch einen wichtigen Aspekt übersehen, als sie über vermeintliche Fusionsverhandlungen zwischen Alcatel und Lucent berichtete: Lucent beliefert unter anderem den amerikanischen Geheimdienst. Dass ein solches Unternehmen sich mit einem französischen Unternehmen zusammenschließt, hätten die Amerikaner nie toleriert.

MONIKA WIMMER

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