Interview zu Geldanlage 21.12.2012, 18:28 Uhr

„Finanzmärkte stehen vor ruhigeren Zeiten“

Die meisten Privatanleger sind verunsichert. Um möglichen Turbulenzen an den Finanzmärkten zu trotzen, parken viele ihr Erspartes auf Tages- und Festgeldkonten. Keine gute Idee, meint Gottfried Heller. Der renommierte Vermögensverwalter und Buchautor ist heute Senior-Partner der Fiduka-Depotverwaltung, die er zusammen mit Börsenlegende André Kostolany vor über 40 Jahren gegründet hat.

VDI NACHRICHTEN/INGENIEUR.de: Herr Heller, Sie haben in Ihrer über 40-jährigen Tätigkeit an den Börsen viele Hochs und Tiefs erlebt. Was waren Ihre aufregendsten Zeiten?

Heller: Kurz nachdem André Kostolany und ich 1971 unsere Firma Fiduka in München gegründet hatten, kam es 1973/74 zur ersten Ölkrise. Der Ölpreis wurde von der Opec plötzlich von 2 $ auf 12 $ je Barrel heraufgesetzt. Eine Rezession in den Industrieländern war die Folge. Der Dax knickte von Anfang 1973 bis September 74 um ca. 40 % ein. Der Dollar stürzte um 26 % auf 2,36 DM. Die zweite Krise folgte 1981/82. Die Inflation war in den USA auf 14 % geklettert und der damalige US-Notenbankchef Paul Volcker erhöhte zur Bekämpfung der Inflation den Diskontsatz auf 20 %. 10-jährige US-Staatsanleihen rentierten mit 16 %. Wir haben uns seinerzeit zu 70 % mit solchen Papieren eingedeckt und nach dem Fall der Zinsen einen satten Kursgewinn eingefahren.

Am 19. Oktober 1987 fiel dann der DowJones um 23 %. Die Einbuße war deutlich höher als am berüchtigten „Schwarzen Freitag“ 1929. Am nächsten Tag haben wir – zur Überraschung unserer Bank – größere Aktienposten gekauft. Wir lagen richtig, es handelte sich um die kürzeste Börsenbaisse aller Zeiten. Zwei Jahre später verkauften wir unsere Positionen zum etwa doppelten Preis. Im Jahre 2000 erfolgte der Zusammenbruch des „Neuen Marktes“, an dem sich Goldgräber und Scharlatane breit gemacht hatten.

Und 2007 kam die US-Subprime-Krise…

Heller: …die sich zur Finanzkrise ausweitete, die auf die Realwirtschaft übergriff und auch die Börsen nicht verschonte. Mitte 2011 brach der Dax – aufgrund der offengelegten und sich zuspitzenden Schuldensituation Griechenlands – um weitere ca. 25 % ein. Obwohl die Finanzmärkte von der Krise nachhaltig getroffen wurden, konnte sich die deutsche Wirtschaft – vor allem dank der Schröderschen Reformen, kräftiger Zinssenkungen und ihrer günstigen Struktur – rasch aus der tiefen Rezession herausarbeiten.

Also waren die mehr als 40 Jahre Ihrer Börsentätigkeit eine Zeit der Krisen?

Heller: Nicht nur, es gab auch immer wieder Zeiten, in denen die Börsen einen kräftigen Aufschwung nahmen. Aber zu konstatieren ist, dass die Zeiten zwischen den Krisen immer kürzer geworden sind. Zwischen der ersten und zweiten Krise lagen immerhin sieben Jahre. Die „Ruhezeiten“ schmolzen kontinuierlich – bis auf drei Jahre zwischen den letzten beiden Krisen.

Dann sollten wir uns also schon bald auf den nächsten Einschlag vorbereiten?

Heller:  Nein, wir erleben nach all dem, was wir zuletzt durchgemacht haben derzeit eine Art Zäsur. Auch wenn uns die Eurokrise noch lange in Atem halten wird, die bereits vollzogenen und noch anstehenden Reformen und Kontrollen des Kapitalmarktes und der Banken werden ihre Wirkung nicht verfehlen. Von daher sollten wir an den Finanzmärkten ruhigeren Zeiten entgegengehen.

Der Untertitel Ihres neuen Buches lautet: Mehr verdienen, weniger riskieren und besser schlafen. Ist der Weg zum Wohlstand wirklich so einfach?

Heller: Die Anleger haben seit dem Millenniumwechsel zwölf äußerst schwierige Jahre erlebt. Nun geht es darum, sie zu ermutigen, damit sie ihre Risikoscheu gegenüber Aktien ablegen. Ich stelle in meinem Buch ein System dar, das zwei Sicherheitsnetze beinhaltet. So gelingt es, die Rendite zu steigern und gleichzeitig das Risiko zu senken! Die Struktur eines Depots sollte der Aufstellung einer erfolgreichen Fußballmannschaft gleichen, wo der Trainer auf Angriffsstärke, Ausdauer und Abwehrkraft setzt.

Das müssen Sie erläutern.

Heller: Entscheidend für die Angriffsstärke sind wachstumsstärkere Aktien aus den Bereichen Auto, Chemie und Stahl, sowie Aktien von Schwellenländern. Für Ausdauer stehen dividendenstarke Substanzwerte, die über eine lange Frist gehalten werden können. Dazu gehören Nahrungs- und Genussmittel- und Verbrauchsgüteraktien. Und für die Abwehrkraft des Depots sind neben bis zu 30 % Anleihen guter Unternehmen, defensive dividendenzahlende Titel aus der Energie- und Pharmabranche dienlich. Auf diese Weise entsteht ein kompaktes, risikoarmes Depot, mit dem man ruhig schlafen kann.

Gibt es weitere Ratschläge, die aus Ihrer langen Börsenerfahrung resultieren?

Heller: Wichtig ist eine breite Streuung von Aktien, neben Branchen auch nach Titeln. Ein Depot, sollte neben deutschen auch internationale Aktien – auch aus Schwellenländern -enthalten. Langfristig überlegene Aktienklassen, also Substanzwerte sowie Nebenwerte, sollten übergewichtet sein. Und schließlich ist es wichtig, nicht kurzatmig zu investieren, sondern den Anlagehorizont zu verlängern: Bei Aktien sollte in Zeiträumen von fünf Jahren aufwärts gedacht werden. Die lange Frist schafft Werte und spart Kosten.

Also kaufen und liegen lassen, wie es Ihr langjähriger Partner André Kostolany empfahl?

Heller: Kostolany riet dazu, sich ein solides internationales Aktiendepot zusammenzustellen und dann Schlaftabletten zu kaufen. Wenn man nach fünf Jahren wieder auf sein Aktiendepot schaute, wäre man angenehm überrascht. Kostolany wollte die Anleger aufgrund ihrer Psyche vor Fehlreaktionen bewahren: Bei starken Kursrückschlägen sollten panikartige Verkäufe vermieden werden. Kräftigen Kursanstiegen sollte man nicht kopflos hinterherhetzen. Das war sein Credo. Der Verlauf der Börsen in den vergangenen vierzig Jahren zeigt, wie recht Kostolany hat.

Also sollte ein Börsianer seine Emotionen unter Kontrolle halten?

Heller: Richtig, und er sollte zudem über ein solides Rüstzeug verfügen. Dazu gehört eine gewisse fachliche Grundlage, um vernünftige Entscheidungen zu treffen.

Eigentlich dürfte es doch nicht schwer fallen, die Anleger in Zeiten niedrigster Zinsen an den Aktienmarkt zurückzuholen?

Heller: Das sollte man meinen, schließlich herrscht heute ein Anlagenotstand, wie ich ihn nie zuvor erlebt habe. Trotz niedrigster Zinsen haben die Deutschen dennoch den größten Teil ihres Geldes – nämlich 70 % – in Zinsanlagen gesteckt. Viele Anleger wissen sehr wohl, dass Zinsanlagen kaum noch Renditen abwerfen, dass sie nach Inflation und Abgeltungssteuer sogar ein Minus von derzeit etwa 1,5 % erwirtschaften…

Warum reagieren viele trotzdem nicht?

Heller: Weil das Beharrungsvermögen der Menschen sehr hoch ist. Es dauert eben, bis sie liebgewordene Gewohnheiten aufgeben. Zunächst hofft man auf bessere Zeiten. Die aber dürften lange auf sich warten lassen.

Weil sich die hochverschuldeten Länder weiter geräuschlos ihrer Schulden entledigen möchten – zu Lasten der Sparer?

Heller: Das ist der Punkt. Die Politik hat sich darauf versteift, die Währungsunion in ihrer derzeitigen Zusammensetzung zu erhalten. Aber es ist unmöglich in einer Generation verschiedenste Mentalitäten, Lebensstile sowie unterschiedlichste wirtschaftliche Strukturen und Wettbewerbsfähigkeiten per Dekret unter eine gemeinsame Währung zu zwingen. Und dann auf Konvergenz zu hoffen.

Sie glauben nicht daran, dass sich die Wirtschaftskulturen in Europa angleichen?

Heller: Wir sehen doch das Ergebnis der Währungsunion: Die Eurozone driftet wirtschaftlich immer mehr auseinander. Die EZB überschreitet ihr Mandat, indem sie indirekt die hochverschuldeten Staaten finanziert: Man will die Zeit zu gewinnen, die es braucht, um die Peripherieländer im Nachhinein für die Eurozone fit zu machen.

Ein vergebliche Hoffnung?

Heller: In ihrer heutigen Zusammensetzung dürfte die Währungsunion keinen Bestand haben. Auf der Strecke bleibt die Geldwertstabilität. Das werden die Sparer bald genug merken.

Wie lange wird die Niedrigzinsphase andauern?

Heller: Ich rechne mit ein bis zwei Jahren. Aber, wenn der Anleger diese Zeit überstanden hat, wird er wohl auch nicht glücklicher sein. Dann dürfte er sich nämlich mit einer veritablen Inflation konfrontiert sehen. Angesichts der Abhängigkeit der Notenbank von der Politik wird es der EZB kaum gelingen, im nächsten Aufschwung rechtzeitig gegenzusteuern. Nur so ließe sich aber verhindern, dass die umlaufende Geldmenge – die größte aller Zeiten – inflationswirksam wird. Wir sollten uns deshalb auf Inflationsraten von 4 % bis 5 % einstellen.

Also sind Sachwerte angesagt – neben Aktien etwa Immobilien?

Heller: Der deutsche Immobilienmarkt hat sich lange Zeit nicht bewegt, während die USA, Spanien, Großbritannien, Frankreich und andere Länder eine regelrechte Immobilienhausse erlebten – mit den bekannten Folgen. Mittlerweile hat sich der Markt auch in Deutschland belebt: In bevorzugten Ballungsgebieten, wie etwa München, Hamburg oder Frankfurt, aber auch in vielen kleineren Universitätsstädten beobachten wir eine extrem hohe Nachfrage nach Wohnraum.

Würden Sie schon von einer Blase sprechen?

Heller:  Zumindest haben die Immobilienpreise Höhen erreicht, die deutlich über das als normal geltende 20-Fache der Jahresmiete hinausgehen. In den erwähnten Regionen stoßen wir in einigen Fällen sogar auf Kaufpreise, die das 30 bis 40-Fache des Mietzinses erreichen. Deshalb ist es wichtig, auch dem Immobilienmarkt nicht blind hinterherzulaufen. Nicht nur das Objekt und sein Preis sollten besonders kritisch betrachtet werden, sondern auch die Lage und die Zukunftschancen der Region.

Vorsicht also am Immobilienmarkt. Und an der Börse?

Heller: An der Börse ist ebenfalls Vorsicht geboten – aber mit System lässt sich auch heute noch Geld verdienen. Und das System habe ich eingangs ja beschrieben. Grundsätzlich gilt: Ohne Aktien geht es nicht. Der Goldpreis ist bereits kräftig gestiegen.

Bei Staatsanleihen ist äußerste Vorsicht geboten. Auch Anleihen von Staaten mit geringeren Problemen bringen kaum Zinserträge. 10-jährige Bundesanleihen sind aber auch für den Fall sehr riskant, dass die EZB ihre Manipulation des Anleihemarktes aufgibt: Dann könnten die Anleihezinsen rasch über die Inflationsrate hinaus auf 3 % und mehr ansteigen. Die Inhaber solcher Anleihen hätten das Nachsehen.

Und Aktien sind noch nicht überteuert?

Heller: Nein, auf dem Höhepunkt der Dot-Com-Krise im Jahr 2000 hatte der Dax ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 33. Der historische Durchschnittswert liegt bei 16. Heute beträgt das KGV 11. In den USA ist es ähnlich. Das Allzeithoch der Kurse wurde 2000 erreicht: die Indizes vieler Börsen auch der DAX liegen heute noch unter den damals erreichten 8200 Punkten.

Das heißt, es ist noch Luft nach oben.

Heller: Die Notenbanken und die Regierungen kurbeln nicht nur in China und Japan sondern weltweit mit Macht ihre Konjunkturen an. Auch in Amerika verbessern sich die Indikatoren und der Immobilienmarkt zieht deutlich an.

Was heißt das für Deutschland?

Heller: Für Deutschland sind die Konjunkturprognosen noch recht zurückhaltend. Ich rechne aber damit, dass der Konsum im nächsten Jahr die Exportschwäche teilweise ausgleichen wird. Die Deutschen haben schließlich mehr Geld in der Tasche dank kräftiger Lohnerhöhungen und staatlicher Wohltaten im Vorfeld der Bundestagswahl.

Besteht für deutsche Aktien das Hauptrisiko in der womöglich schwächelnden Konjunktur?

Heller: Nein, es ist ein Irrtum, zu glauben, dass die Wirtschaft boomen muss, um die Börse zu beflügeln. Das Gegenteil ist der Fall, denn eine boomende Wirtschaft braucht viel Geld, das dann der Börse fehlt.

Was tut der Börse gut?

Heller: Ein günstiges Umfeld für Aktien besteht aus einem eher mäßigen Wachstum, niedriger Inflation, einer hohen Geldmenge und tiefen Zinsen. Gerade für die deutsche Börse spricht aber auch, dass die Bundesbürger derzeit nur noch mit 4 % ihres Vermögens in Aktien investiert sind – gegenüber 14 % in 2000. Versicherungen halten sogar nur noch 3 % in Aktien – gegenüber ca. 24 % in 2000. Die Nachfrage hat sich also so kräftig aufgestaut wie selten zuvor.

Wer jetzt einsteigen will, welche Branchen bieten sich an, welche sollte man meiden?

Heller: Meiden würde ich in dieser Zeit Banken und Technologieaktien. Banken, weil sie aufgrund der anstehenden strengen Eigenkapitalregelungen und gewisser Geschäfte, die sie nicht mehr betreiben dürfen, einer unsicheren Zukunft entgegen gehen. Zudem werden einige von ihnen laufend in Gerichtssälen vorgeführt. Bei Technologieaktien bin ich zurückhaltend, weil ich mit ihnen per saldo noch nie wirklich viel Geld verdient habe. Studien haben ergeben, dass typische Wachstumswerte – wie Technologieaktien – langfristig schlechter abgeschnitten haben als dividendenzahlende Substanzwerte.

Welche Titel bevorzugen Sie?

Heller: Zweifellos Substanzwerte, wie etwa BASF, Siemens, Linde, Münchner Rück aber auch Ölwerte wie zum Beispiel ENI, Royal Dutch oder Statoil. In ein Langfristdepot passen aber auch gewisse zyklische Aktien wie BMW Vorzüge, Bauwerte oder Baumaschinentitel wie Caterpillar und Bergbautitel darunter Rio Tinto und BHP Billiton.

Gibt es Länder, die besonders attraktive Anlagemöglichkeiten bieten?

Heller: Aufgrund des Euro-Malus sind europäische Aktien insgesamt billig. Ferner stehen die Schwellenländer auf meiner Prioritätenliste: Wenn sich die weltwirtschaftliche Situation wieder verbessert, sollten Länder wie insbesondere China und Brasilien profitieren. Dann dürfte viel Kapital dorthin zurückfließen, das internationale Investoren – aufgrund der weltwirtschaftlichen Schwäche – zuvor in ihre Heimathäfen zurückgeholt hatten.

Wie sehen Sie das Börsenjahr 2013?

Heller: Sorgen bereitet nach wie vor die Schuldenkrise im Euroland. Zwar bemüht sich die Politik krampfhaft das Eurogespenst unter der Decke zu halten, aber es gelingt ihm immer wieder zu entfliehen und es kann dann nur mit enormen Finanzspritzen wieder zurückgedrängt werden. Ich erwarte insgesamt ein gutes Börsenjahr 2013, auch in Deutschland – allerdings mit nicht gerade nervenschonenden Schwankungen.

Stellenangebote im Bereich Verwaltung

Kita Frankfurt-Firmenlogo
Kita Frankfurt Ingenieur/in (m/w/d) Fachrichtung Architektur (Hochbau) / Bauingenieurwesen Frankfurt
Stadt Frankfurt am Main-Firmenlogo
Stadt Frankfurt am Main Abteilungsleiter (m/w/d) für Statik / Baugrund Sonderbaukontrollen Frankfurt am Main
IDEAL-Werk-Firmenlogo
IDEAL-Werk Kaufmännischer Angestellter Vertragsmanagement (m/w/d) Lippstadt
Bezirksregierung Arnsberg-Firmenlogo
Bezirksregierung Arnsberg Technische Sachbearbeiterin / Technischer Sachbearbeiter Dortmund
Manz AG-Firmenlogo
Manz AG Projektleiter Energy Storage (m/w/d) Reutlingen
nunovo Immobilienverwaltung GmbH-Firmenlogo
nunovo Immobilienverwaltung GmbH Projektmanager / Interim Manager (m/w/d) Hausverwaltung München
Bayerisches Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr-Firmenlogo
Bayerisches Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr Trainee (m/w/d) Beamtenlaufbahn Bayern
DEKRA Partner Dieburg-Firmenlogo
DEKRA Partner Dieburg Prüfingenieur (m/w) Darmstadt, Landkreis Darmstadt-Dieburg
G+E GETEC Holding GmbH-Firmenlogo
G+E GETEC Holding GmbH Projektentwickler (m/w/d) Berlin
G+E GETEC Holding GmbH-Firmenlogo
G+E GETEC Holding GmbH Projektingenieure Realisierung (m/w/d) Berlin

Alle Verwaltung Jobs

Top 5 Finanzen