Kreditwirtschaft 14.05.1999, 17:21 Uhr

Ende einer Epoche – nicht nur beim Crédit Lyonnais

Frankreich privatisiert Crédit Lyonnais, die einst von Charles de Gaulle verstaatlicht worden war. Dahinter steht eine Wirtschaftspolitik, bei der ein jahrhundertealter Staatskapitalismus beerdigt wird. Um den schwachen Riesen streiten sich viele Kandidaten, darunter auch Deutsche.

Commerzbank-Chef Martin Kohlhaussen wählte ein starkes Wort: Die gegenwärtig grassierende Fusionitis sei „krankhaft“. Eine ungewöhnlich deutliche Kritik an DaimlerChrysler, DeutscherBank/Bankers Trust und anderen Mega-Fusionen. Ob dem Fuchs Kohlhaussen bloß die Trauben zu sauer sind, weil er selbst nicht zum Zuge kam?
Denn seine Abneigung hindert ihn keineswegs daran, bei anderen über den Gartenzaun zu steigen, zum Beispiel in Frankreich. Dort hat die Regierung die Großbank Crédit Lyonnais (34 000 Beschäftigte, 2000 Filialen) zur Privatisierung ausgeschrieben, mit der die Commerzbank bereits in den 70er und 80er Jahren kooperiert hatte. 5 % der Anteile würde Kohlhaussen gern schlucken. Keine richtige Fusion, aber immerhin. So würde er immerhin einen Zugang zum bislang abgeschotteten französischen Markt bekommen.
Kohlhaussen gab sein Angebot bei Finanzminister Dominique Strauss-Kahn ab. Der will im Mai entscheiden. Auch die Allianz will über ihre Pariser Tochter, die große französische Versicherung AGF, dabei sein. Ihr Chef Henning Schulte-Noelle möchte 10 %, denn er vertreibt seine Versicherungen bereits über das große Filialnetz der französischen Bank. Die Chancen stehen ganz gut, denn Lyonnais-Chef Jean Peyrelevade bezeichnete beide Deutsche bereits als „interessante Partner“.
Doch sie sind nicht die einzigen, die sich einen Happen von der letzten staatlichen Großbank in Frankreich schnappen wollen: die bäuerliche Genossenschaftsbank Crédit Agricole und ihre 23 %–Beteiligung Tochter Banca Intesa aus Italien, die französische Versicherung AXA und ihr spanischer Partner Banco Bilbao Vizcaya sowie die französischen Banken Paribas, Crédit Commercial de France und die Volksbanken Banques Populaires stehen bereit, Aktienpakete zu übernehmen außerdem der Luxuskonzern LVMH (Moët Hennessy Louis Vuitton), einer der ganz großen Lyonnais-Kunden.
Die Deutsche Bank dagegen scheint sich schon damit abgefunden zu haben, daß sie nicht zum Zuge kommt, denn sie will nun eigene Filialen in Frankreich eröffnen. Ihr Chef Rolf Breuer hatte den französischen Finanzminister kürzlich schwerst verärgert, als er als Aufsichtsratschef der Börse Frankfurt urplötzlich deren Kooperation mit London angekündigt hatte – und Paris fallengelassen hatte wie eine heiße Kartoffel.
Leicht wird die Entscheidung nicht, die Strauss-Kahn in den nächsten Wochen treffen muß. Denn die französische Hochfinanz befindet sich in Aufruhr. Bisher galt die Paribas als Favorit beim Lyonnais, doch nun will sie mit der Société Générale fusionieren. Und beide zusammen wehren einen Übernahmeversuch der BNP ab, die mit der Dresdner Bank kooperiert. Die BNP sah sich zu der „freundlichen“ Attacke gezwungen, weil sie sich plötzlich sehr allein fühlte, denn zuvor hatte Lyonnais-Chef Peyrelevade der BNP die kalte Schulter gezeigt. Nun scheint die Genossenschaftsbank Crédit Agricole die besten Karten zu haben.
Mit Sicherheit aber geht eine ganze Epoche zu Ende. Denn mit dem Lyonnais wird nicht nur das „Flaggschiff des französischen Staatskapitalismus“ privatisiert, das mit Verlusten von 30 Mrd. DM bis 50 Mrd, DM (15,3 % Euro bis 25,6 Mrd. Euro) die Pleite des Jahrhunderts hinlegte und von diversen Regierungen gerettet wurde als hätte das alles noch nicht gereicht, brannte 1996 sein Pariser Hauptsitz ab.
Aber das ist nicht alles: Die Privatisierung des Lyonnais ist auch das Symbol für das Ende einer Epoche, Zeichen für den weitgehenden Rückzug des französischen Staates aus der Wirtschaft, nach unendlich langer Zeit. Denn gleichzeitig stößt er seine Beteiligungen an Air France, France Télécom, an Aérospatiale und vielen anderen Banken und Industrie-Unternehmen ab.

Gaullismus und Sozialismus von Rot-Grün beerdigt

Das Land wird völlig umkrempelt. Beerdigt werden Colbertismus, Gaullismus und Sozialismus. Das sind ziemlich viele Tote auf einmal. Der Gipfel aber: Der Totengräber ist eine rot-grüne Regierung. Und niemand weint dabei selbst die Kommunisten und die Gewerkschaften maulen nur noch.
Um die Bedeutung dieses Schritts zu ermessen, ist ein Rücksprung um 338 Jahre nützlich. König Ludwig XIV ernannte 1661 Jean-Baptiste Colbert zum Finanzminister. Der schuf durch seinen Merkantilismus (Gründung von staatlichen Manufakturen) nicht nur die materielle Grundlage für die Eroberungen des Sonnenkönigs von Straßburg bis in die Karibik. In Frankreich entwickelte sich auch ein „Kapitalismus ohne Kapitalisten“. Immer wieder regierte der Staat direkt in die Wirtschaft hinein.
Verstaatlichungen waren im französischen System normal, so während der Volksfront 1936 – 1938 und unter dem sozialistischen Präsidenten Mitterrand nach 1981. Auch der konservative General de Gaulle griff 1945 dazu: Neben Renault nationalisierte er etliche andere Firmen, darunter den Crédit Lyonnais.

Avantgarde-Unternehmen des sozialen Fortschritts

Der war dann nicht nur eine der größten Einlage-Banken des Landes, sondern ähnlich wie Renault für die Arbeiter ein Avantgarde-Unternehmen des sozialen Fortschritts für die Angestellten und Instrument der staatlichen Wirtschaftspolitik. Das ging so lange gut, bis Jean-Yves Haberer 1988 Chef wurde.
Dieser Mann, heute 68 Jahre alt, verkörpert den engen Zusammenhang zwischen Staatsapparat und Großunternehmen, der sich jetzt auflöst. Er absolvierte die Pariser Universitäten Institut d“Etudes Politiques und Ecole Nationale d“Administration, wo die Söhne der Elite für Top-Ränge in Staat und Wirtschaft ausgebildet werden. Er wurde engster Mitarbeiter des gaullistischen Außenministers Michel Debré, von drei Wirtschaftsministern, war dann Direktor des Schatzamtes. 1984 tat er das, was Franzosen „pantoufler“ nennen. Der Top-Beamte „pantoffelte“ an die Spitze der staatlichen Bank Paribas.
Weil er sich aber dafür mit der regierenden Linken arrangiert hatte, feuerte ihn der Gaullist Jacques Chirac gleich wieder, als der 1986 Premierminister wurde. Nach dem neuerlichen Sieg der Linken 1988 wurde der brillante Beamte Chef des Crédit Lyonnais.
Seine neue Bank wollte er nun zur größten der Welt machen, einen Platz, den sie vor dem Ersten Weltkrieg schon eingenommen hatte. Er verordnete ihr eine rigorose Expansion, kaufte viele Unternehmen – in Deutschland die BfG Bank – und finanzierte windige Geschäftsleute wie Bernard Tapie und Giancarlo Parretti, der sich die Hollywood-Studios MGM kaufte, ein finanzielles Desaster für die Bank.
Nach dem Golfkrieg und dem Rückgang der Konjunktur platzte aber auch die Pariser Immobilienblase, der Lyonnais hatte plötzlich zahlreiche faule Kredite zu verkraften und mußte Milliarden-Verluste vermelden. Haberer flog raus, der Lyonnais war eigentlich pleite. Unglaublich, undenkbar für die Pariser Elite. Das Absaufen der Bank sei ein „Systemfehler“, schrieb „Le Monde“, die „Inkompetenz und Leichtsinn“ bei den Managern konstatierte, die Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, sowie den Versuch, Zeit zu gewinnen und das Ausmaß der Verluste zu vertuschen. Der Großaktionär Staat griff der Bank mit findigen Finanzkonstruktionen und satten Subventionen unter die Arme. „Aktive Komplizenschaft“ durch Schatzamt, Banque de France und die verschiedenen Regierungen attestierte „Le Monde“.
EU-Wettbewerbskommissar Karel van Miert, der die Subventionen beaufsichtigt, betrachtete das Desaster mit wachsender Unruhe. Er bekam das Gefühl, daß die Regierenden in Paris ihn an der Nase herumführten. Schließlich drohte er, die Subventionen für illegal zu erklären, was deren sofortige Rückzahlung bedeutet hätte und damit den Bankrott des Lyonnais. Auf diese Weise setzte er durch, daß die Bank als Gegenleistung für die Staatshilfe Beteiligungen in Milliardenhöhe abgeben muß, darunter die BfG so kaufte sich die Deutsche Bank das Lyonnais-Geschäft in Belgien.
Obendrein erzwang van Miert die Privatisierung. Der sozialdemokratische Finanzminister Strauss-Kahn achtet nun darauf, daß sie nicht einem einzigen Konkurrenten in die Hände fällt, der das Filialnetz dann kappt, was viele Jobs kosten würde. Commerzbank, Allianz und die anderen dürfen maximal je 10 % erwerben, alle zusammen 33 % im Wege einer Kapitalerhöhung von 2,4 Mrd. DM, unter der Bedingung, daß sie eine Kooperation anbieten – bei der Commerzbank sind es der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr, die Betreuung von Unternehmen, die ins jeweils andere Land gehen sowie gemeinsame Wertpapier-Geschäfte.

Im Juni gehen über 50 % der Aktien an die Börse

Die Partner müssen die Aktien zwei Jahre halten und dürfen sie in den beiden Folgejahren nur an einen anderen Lyonnais-Partner veräußern. Sicher ist auch, daß die Beschäftigten rund 5 % bekommen die linke Regierung hat darauf geachtet, um die Gewerkschaften zu besänftigen. An die Börse sollen im Juni über 50 % gehen der Staat behält 10 %.
„Wir schulden Ihnen eine neue Bank“, lautet jetzt der Werbespruch des Crédit Lyonnais. Immerhin machte er 1998 schon mal 323 Mio. DM Gewinn. Aber der Profit wäre fast doppelt so hoch ausgefallen, wenn nicht eine Filiale bei Finanzierungen im Ölgeschäft 240 Mio. DM Miese gemacht hätte. Der Lyonnais scheint immer mal wieder von seiner Vergangenheit eingeholt zu werden.
Denn zu allem Überfluß ist da auch noch der staatliche Versicherungskommissar von Kalifornien. Der hat die Bank gerade verklagt, weil sie dort 1991 unrechtmäßig über Strohmänner eine Versicherung gekauft haben soll. Das könnte Schadenersatz-Zahlungen in Milliardenhöhe bedeuten, hat die Zeitung „Canard Enchaîné“ ausgerechnet. Der Kläger heißt Chuck Quackenbush. Dem Lyonnais bleibt auch nichts erspart.
HARALD SCHULTZ
Das Hauptquartier des Crédit Lyonnais in Paris galt einst als Wahrzeichen eines gelungenen Staatsbetriebes. Doch die Zeit großer nationaler Avantgarde-Unternehmen ist vorbei. Mit dem Entschluß zur Privatisierung Mitte März 1999 beendete die Regierung einen sechsjährigen Schlingerkurs, der den Steuerzahler 26 Mrd. Dollar kostete. Gleichzeitig eröffnete sie ein Rennen der Bieter, das in diesem Monat entschieden wird.
Finanzminister Strauss-Kahn wird die Entscheidung über den nächsten Besitzer schwer fallen.

Von Harald Schultz
Von Harald Schultz

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