Interview zur Riester-Rente 05.10.2012, 19:54 Uhr

„Die Kosten bleiben intransparent“

Verbraucherschützer zweifeln am Nutzen der Riester-Rente. Sie kritisieren Intransparenz und hohe Kosten der kapitalgedeckten Altersvorsorge. Fragen an Axel Kleinlein, Vorsitzender des Bundes der Versicherten (BdV).

VDI Nachrichten/INGENIEUR.de: Sie kritisieren die von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen vorgeschlagene Zuschussrente als „Zwangsriestern für Geringverdiener“. Was stört Sie genau?

Kleinlein: Das Projekt der staatlich geförderten Altersvorsorge ist grundsätzlich nicht schlecht, aber die Versicherungswirtschaft rechnet es schlecht. Zu Beginn der Riesterförderung war das anders.

Geringverdiener, die sich die Option für eine spätere Zuschussrente erhalten wollen, müssen zwangsweise riestern, weil es bei sehr niedrigen Prämien kaum andere Angebote gibt. Es macht auch wenig Sinn, hier eine neue Produktlandschaft zu erfinden, weil das Problem immer gleich ist: Wo wenig Geld fließt, ist die Kostenposition übermäßig. Gesamtgesellschaftlich ist die Riesterförderung ineffizient. Diese Steuergelder wären an anderer Stelle besser eingesetzt.

Wie sollte eine staatliche geförderte Altersvorsorge aussehen?

Kleinlein: Ich denke da an Alternativen jenseits der umlagefinanzierten gesetzlichen Rente und der teuren Angebote der privaten Versicherungswirtschaft. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hat gerade das Modell eines Altersvorsorgekontos vorgestellt, das sicherlich eine interessante Möglichkeit ist, und die Deutsche Rentenanstalt Baden-Württemberg entwickelt zurzeit auch ein Konzept. Das muss man beobachten!

Eingangs sprachen Sie davon, dass die Anfänge der Riesterförderung besser waren. Inwiefern?

Kleinlein: Wer 2001 oder 2002 eine Riester-Rente unterschrieben hat, hat Chancen, dass diese vernünftige Leistungen hat. Die Verträge aus dieser Zeit sind zwar nicht alle durch die Bank weg gut, aber eine nennenswerte Anzahl davon.

Das ist heute anders. Das liegt zum einen am Garantiezins, der auf 1,75 % abgesenkt worden ist – dafür kann die Versicherungswirtschaft allerdings nichts, das ergibt sich aus einer Berechnungsformel, die der Kapitalmarktentwicklung folgt.

Anders verhält es sich mit den Sterbetafeln, mit denen die Rentenversicherung kalkuliert wird. Hier hat die Versicherungswirtschaft massiv für Intransparenz gesorgt. Im Markt werden inzwischen 40 bis 50 verschiedene Sterbetafeln verwendet – früher war dies eine einzige. Viele Sterbetafeln führen zu absurden Ergebnissen. Beispielsweise unterstellt ein Anbieter fondsgebundener Rentenversicherungen für neugeborene Mädchen eine Lebenserwartung von 110 Jahren – und das als Durchschnittswert! Dieser Sicherheitspuffer ist auf jeden Fall zu hoch.

Um auf das Thema Zuschussrente zurückzukommen: Geringverdiener haben nachweislich eine signifikant geringere Lebenserwartung. Ihnen bringen Versicherungen auf Basis hoher Lebenserwartungen finanziell Nachteile.

Die Versicherer argumentieren: Sterben die Versicherten früher als kalkuliert, entsteht der sogenannte Risikogewinn. Daran haben die Kunden insgesamt doch auch teil, oder?

Kleinlein: Das ist die Sonntagsrede der Versicherer. Von dieser Gewinnkomponente erhalten die Kunden meist nur 75 % – anders als bei den Kapitalerträgen, von denen sie per Gesetz 90 % bekommen müssen.

Der Versicherer kann die Überschussbeteiligung für das Risiko oder die Kosten aber völlig ausschließen. Beispielsweise beteiligt die Allianz bei ihren Riesterprodukten bestimmte Kundengruppen wie Kinderreiche, Ältere und Geringverdiener nicht am Kosten-Überschuss. Dieser entsteht, wenn die Kosten zu hoch kalkuliert waren und gar nicht verbraucht wurden.

Der Bund der Versicherten hat zusammen mit der Verbraucherzentrale Hamburg die Allianz im Juni abgemahnt. Im November wird darüber vor Gericht verhandelt.

Wie kann man denn erkennen, ob ein Vertrag eine besonders hohe Lebenserwartung unterstellt?

Kleinlein: Nur mit dem Taschenrechner – die Angaben dazu sind zu intransparent. Um einen Hinweis auf die kalkulierte Lebenserwartung zu bekommen, muss man die vom Versicherer zu Rentenbeginn garantierte Summe durch die Garantierente dividieren. Dann erhält man die Zahl der Monate, welche der Versicherer für den Rentenbezug unterstellt. Unterstellt er eine sehr hohe Lebenserwartung, fällt die garantierte Rente entsprechend klein aus. Die Lebenserwartung ist zumindest eine Kenngröße, mit der man verschiedene Angebote vergleichen kann.

Riesterverträge sollen ja jetzt transparenter werden. Die Koalition hat sich jüngst auf einen Entwurf zum Altersvorsorge-Verbesserungsgesetz sowie ein standardisiertes Riester-Produktinformations-Blatt verständigt. Darauf sollen die Gesamtkosten als Effektivkosten in Prozent ausgewiesen werden. Bessert sich damit die Lage nicht?

Kleinlein: Das ist ein sehr kleiner Trippelschritt, der aber leider Fehlentwicklungen zementiert. Gut ist das vorgeschlagene einheitliche Layout der Produktinformationsblätter, die zum Angebot mitgeliefert werden müssen. Künftig findet der Kunde bestimmte Informationen an der gleichen Stelle bei unterschiedlichen Anbietern.

An der Intransparenz der Kosten ändert dies nichts. Beispielsweise sind 2 % „Effektivkosten“ bei einem Fondssparplan wegen der verschiedenen Berechnungsmethoden etwas völlig anderes als bei einer klassischen Rentenversicherung.

Kleinlein: Hinzu kommt, dass diese Kenngröße den Kunden bei unterschiedlichem Rentenbeginn gezielt in die Irre führt: Je später der vertragliche Rentenbeginn, desto niedriger sind die „Effektivkosten“, desto günstiger erscheint das Angebot. Ändert man den vertraglichen Rentenbeginn kann dies in der Modellrechnung schon einige Basispunkte ausmachen.

Verschiedene Lebensversicherer bieten bereits Rechnungen auf Basis der Gesamtkosten an – und wir stellen fest, dass diese Größe schon genutzt wird, um Angebote unvergleichbar bzw. scheinbar günstig zu gestalten.

Gibt es denn für das Rentenalter in Versicherungsverträgen keine Regeln?

Kleinlein: Nein, hier herrscht Vertragsfreiheit. Es hat schon immer absurde Endalter gegeben – bei den Lebensversicherungen haben wir früher von Methusalem-Policen gesprochen. Es gibt im Markt durchaus auch immer wieder Angebote, bei denen erst ab 101 Jahren eine Rente gezahlt wird. Der Hintergrund dabei: Das erhöht die Prämiensumme, auf deren Basis dem Vermittler die Provision gezahlt wird.

Gerade bei den Produkten der staatlich geförderten Altersversorgung werden vielfach Hybridprodukte angepriesen. Beworben werden Zwei- oder Dreitopf-modelle, bei denen Teile konventionell und damit „sicher gespart“ und andere in spekulativere Anlagen investiert werden. Am Ende soll der Kunde mindestens den eingezahlten Beitrag zurückerhalten. Gehen diese Rechnungen Ihrer Meinung nach auf?

Die Garantien gelten hier nur zu Beginn der Rentenbezugsphase. Das heißt, Kunden, die ihren Vertrag nicht durchhalten und stornieren, können dabei über die übliche Problematik des Stornoabschlags hinaus Geld verlieren. Handelt es sich um ein sogenanntes dynamische Konzept hängen Sicherheit und Rentabilität vom Management ab. Bei statischen Konzepten besteht für den Kunden durch die Höchststandssicherung die Gefahr der Cash-Lock-Falle. Diese Falle ist in der Vergangenheit bei großen Kapitalmarktschwankungen schon zugeschnappt. Dann profitiert man auch an späteren Markterholungen nicht mehr.

Die von Ihnen angesprochene Beitragsgarantie gilt im Übrigen nur für Riesterprodukte. Geht der Wertsicherungsfonds pleite, muss der Versicherer für diese Garantie einstehen – notfalls die Sicherungseinrichtung der Branche, Protektor. Für die übrige private Altersvorsorge gibt es bei diesen Produkten kein Sicherheitsnetz.

Angesichts der Lage an den Kapitalmärkten fällt es den Lebensversicherern immer schwerer die Zinserträge zu erwirtschaften, die für die versprochenen Garantien notwendig sind. Zurzeit diskutiert die Branche, die Garantien nicht mehr für die gesamte Laufzeit auszusprechen, sondern in irgendeiner Form zu begrenzen. Wäre das für Sie akzeptabel?

Kleinlein: Eine solche Zinszersplitterung würde den Markt noch intransparenter machen und wäre für den Kunden ein reines Lotteriespiel. Als Kunden müssen Sie da viel Vertrauen mitbringen, dass Ihr Lebensversicherer nach Ablauf der Zinsgarantie-Zeit weiterhin fair mit Ihnen umgeht. Dabei kann es Ihnen passieren, dass Ihr Lebensversicherer nach Ablauf von 15 Jahren ein anderes Management mit einer anderen Geschäftspolitik hat, der Bestand mit Ihrer Police verkauft worden ist oder der Lebensversicherer insgesamt abgewickelt wird …

Bei Baufinanzierungen werden die Zinsen auch nur eine bestimmte Zeit festgeschrieben. Danach steht dem Häuslebauer theoretisch der Bankwechsel offen, wenn der bisherige Kreditgeber schlechte Konditionen bietet. Warum geht das?

Kleinlein: Ich wüsste nicht, wie man dies bei Lebensversicherer realisieren sollte. Unter den bisherigen Bedingungen fielen bei der Kündigung Stornoabschläge und zum Teil Steuern an. Der neue Anbieter wird wiederum Abschlusskosten verlangen.

Die Zinsen drücken ja auch die Krankenversicherer. Es werden schon Beitragserhöhungen diskutiert, weil einige private Krankenversicherer den internen Rechnungszins, der ihrer gesamten Kalkulation zugrunde liegt, senken wollen. Welche Preissprünge sind denn da gerechtfertigt?

Kleinlein: Die Krankenversicherer haben zum Januar 2013 gleich drei Probleme: Zum einen die diskutierte Senkung des internen Zinses, die Umsetzung von Unisex und die üblichen Preiserhöhungen im medizinischen Bereich. Dies wird die Beiträge auf jeden Fall verteuern. Die Senkung des Zinses betrifft zunächst nur das Neugeschäft. Die Höhe ist dabei abhängig von Alter und Geschlecht – das dürften meiner Meinung nach Verteuerungen im zweistelligen Prozentbereich sein.

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