Banditen nennt man sie in den USA 17.09.1999, 17:22 Uhr

Der schnelle K(l)ick an der Börse

Daytrader, die mit Maus und Internet versuchen, an der Börse schnelle Gewinne zu machen. Kaufen, verkaufen innerhalb von Minuten, Sekunden. In Deutschland entwickelt sich Berlin zum Zentrum des fixen Handels.

Charlottenburg, morgens um neun. Der Sommer hat noch einmal eine Dunstglocke über die Stadt gestülpt. Die angehenden Daytrader im gläsernen Trainingsraum der Momentum AG, vier Stockwerke über der Berliner Börse, stört das schwüle Wetter nicht. Die Klima-Anlage surrt. Der zweite Seminartag beginnt. Auf dem Stundenplan steht die Frage aller Fragen: „Wie verdiene ich mehr Geld mit weniger Arbeit?“
Entspannt lehnen sich die Teilnehmer in die hohen Ledersessel. Dann tritt Trainer Wieland Steinich auf. „Herzlichen Glückwunsch. Zwei Tagesgewinner haben wir diesmal. Das gibt für beide je eine Flasche Champagner.“ Prickelnde Belohnung für die harte Arbeit des Vortages. Im Büro stehen hinter der Tür noch drei Kartons des edlen Getränks, für die nächsten Lehrgänge, die zweimal wöchentlich bis auf den letzten Platz ausgebucht sind.
Ein Hauch von Luxus und leichtem Leben – auch deshalb sind die beiden Frauen und zehn Männer hier. „Ich bin arbeitslos und möchte wieder Geld verdienen“, hofft etwa der Bauingenieur aus Neubrandenburg. Beim Daytrading sollen die Gewinne üppig und vor allem schnell sprudeln. „8000 DM bis 10 000 DM im Monat sind drin“, behauptet Steinich. Aber dafür müsse man jeden Tag schon ein paar Stunden handeln. Natürlich, Verluste gibt es auch, räumt Steinich ein und zuckt mit der Schulter: „Einmal, da habe ich an einem einzigen Tag 4000 DM an die Wand gefahren.“ Er lacht. Das gehöre eben zum ständigen Auf und Ab im Leben eines Daytraders. Man muß nur dafür sorgen, daß es mehr auf als ab geht.
Auf einem Fernsehschirm im Hintergrund laufen die Wirtschaftsnachrichten. Die Börsenlehrlinge legen sich Papier und Bleistift zurecht, denn erstmal wird trocken geübt, ohne Maus und Tastatur. Gehandelt wird vor allem der Dax-Future, quasi eine Wette darauf, wie sich der Deutsche Aktienindex entwickelt. Jeder Punkt Veränderung bringt 50 DM Gewinn oder Verlust. Bei jedem Geschäft müssen die Händler 17 000 DM einsetzen.
„Und los“, ruft Trainer Steinich. Die Gesichter seiner zwölf Schüler werden starr, die Blicke kleben an ihren Monitoren. Auf Notizblöcken haben sie das fiktive Startkapital von 50 000 DM festgehalten. Jeder Kauf und Verkauf wird subtrahiert bzw. addiert. In zwei Stunden soll die Endsumme größer als 50 000 DM sein. Ein paar hundert Mark müssen schließlich schon herausspringen, damit sich der Aufwand lohnt. Geübte schaffen in so einer Zeitspanne zehn bis 20 Roundturns. So heißen Geschäfte, wenn sie mit Kauf und Verkauf komplett abgewickelt worden sind.
Im Seminarraum sind die Gespräche verstummt. Es dauert eine Weile, bis das Kratzen von Bleistiften auf Papier zu hören ist: Isabel Grothmann ist als eine der ersten „im Markt“ und notiert gerade ihren Einstandskurs. „In den Markt zu gehen, erfordert gerade am Anfang viel Überwindung“, kommentiert Trainer Steinich. Auch wenn hier die Beträge nur Spielgeld sind – die Nervosität und das Mitfiebern sind echt.

Bunte Kurven symbolisieren den Korb voller Aktien

Gespannt verfolgen die Trader, wie auf ihren PC-Bildschirmen immer neue Balken erscheinen, die sogenannten Candlesticks. Aneinandergereiht bilden sie den Dax-Verlauf ab. Was die bunten Kurven und Striche bedeuten, hat Trainer Steinich seinen Schülern am Vortag erklärt: „Da fange ich grundsätzlich beim Urschleim an. Was ist überhaupt der Dax-Future? Ich sag“ dann immer, wir handeln einen ganzen Korb voll Aktien.“ Von den Unternehmen, die dahinterstehen, müssen Day-Trader nicht unbedingt etwas verstehen. Es reicht, wenn sie sich in Charttechnik auskennen, also die Kursverläufe in etwa zu deuten verstehen.
Der „Aktienkorb“ steht jetzt bei 5145 Punkten, Tendenz fallend. Isabel Grothmann kaut auf ihrem Bleistift. „Mach “nen Short draus, der geht noch“, ruft ihr Sitznachbar im schönsten Börsen-Slang. Doch die 28-jährige aus Erlangen zögert zu lange. Die Spekulation geht in die Hose. „Bei Aktien kann man Krisen aussitzen. Hier ist das zu riskant“, seufzt Isabel. „Eine Position habe ich mit sechs Punkten im Minus abgeschlossen. Zwei Kontrakte sind jetzt offen. Aber die sehen auch nicht gut aus.“ Lehrgeld. Sechs Punkte – im realen Handel hätte sie bis jetzt 300 DM verloren. Die junge Frau fischt einen Schokoriegel aus der randvollen Schale. Nervennahrung. Neben jedem zweiten PC steht so eine süße Schüssel.
Zwei Plätze weiter lehnt sich Manfred Preissler zurück. „Da tut sich im Moment nicht viel“, meint der Chemnitzer ohne die Dax-Kurve aus dem Blick zu lassen. Von Beruf ist er Mechaniker, stellt Cola- und Zigaretten-Automaten her. „Daytrading könnte eine Alternative werden. Falls ich mal keine Arbeit mehr habe.“ Für Preissler wäre es nur die logische Fortsetzung seiner Anleger-Karriere: „Nach der Wende habe ich die Chance genutzt, mehr als nur die Sparbuchzinsen zu kriegen.“ Erst kaufte er Anleihen, dann Aktien, schließlich Optionsscheine. Mit den Gewinnchancen stieg das Risiko.

„Wir handeln ja letztlich nur mit Erwartungen“

Auch Karin Tobies kennt sich mit Aktien gut aus. Gemeinsam mit Ehemann Odo hat sie sich zwei Tage Urlaub für den kostenlosen Schnupperkurs gegönnt. „Wir sind in der EDV-Branche selbständig“, sagt Karin. „Mit dem Daytrading wollen wir etwas für unsere Altersabsicherung tun.“ Aber ist der schnelle Handel nicht eher etwas für Zocker? „Für Außenstehende mag das so wirken, aber es ist schon echte Arbeit“, versichert sie. „Ein komisches Gefühl ist nur, daß wir nichts Produktives tun. Wir handeln letztlich nur mit Erwartungen.“ Ihr Mann schaut ein bißchen verlegen drein. „Ich interessiere mich ja mehr für die Technik. Mit den Aktien befaßt sich meine Frau“, erklärt er in Berliner Mundart und zündet sich auf dem Flur eine Zigarette an.
Ortswechsel. Im Gebäude gegenüber ist die Luft drückend. „Hier wird mit scharfem Geld gehandelt“, raunt Melanie Epp halblaut. Die Managerin der Momentum Trading House AG deutet vage auf die Scheiben, die die beiden Handelsräume vom spärlich möblierten Foyer trennen. In zwei weiß gestrichenen Räumen, jeweils so groß wie ein Klassenzimmer, stehen lange Reihen von Monitoren. Nur vor wenigen sitzen zu dieser Stunde Trader, fast durchweg Männer übrigens. „Wir haben bisher nur vier Frauen, die Daytrading betreiben“, sagt Epp.
Durch die geöffnete Tür dringt das Klappern von Tastaturen. Vier Männer sind vor dem Pressefotografen ins Foyer geflüchtet. Sie fühlen sich schlicht gestört, machen einen unnahbaren Eindruck. Nervöse Blicke gehen zur Uhr, dann wieder zum Fernseher mit den aktuellen Börsenmeldungen. Schließlich springt einer auf, drückt im Laufschritt die Zigarettenglut mit den Fingern aus und wirft sich fluchend an seinen PC. Um wieviel Geld mag es gerade gegangen sein? 500 DM, 1000 DM?
„Meist ist die Atmosphäre lockerer“, behauptet Melanie Epp gelassen. Dann erklärt sie das Geschäft: „Man braucht 50 000 DM Startkapital. Damit wird ein Konto bei der Bank eröffnet. Sinkt das Kapital unter 25 000 DM, wird das Konto geschlossen – und man ist raus.“ So werde verhindert, daß ein Trader sein gesamtes Vermögen verliert.
Längst aus der Verlustzone ist die Momentum Trading House AG. 70 professionelle Handelsplätze vermietet das Unternehmen inzwischen allein in Berlin. Offensichtlich hatte Firmenchef Rafael Müller bei der Gründung im Oktober 1998 genau den richtigen Riecher. Mit acht Plätzen fing er an. In der Folge hat sich fast Goldgräberstimmung breitgemacht. In den USA zählt die Trader-Gemeinde schon nach Millionen. Aber auch hierzulande suchen immer mehr den schnellen Kick an der Börse. „Wir haben Filialen in Bremen, Bielefeld und Düsseldorf. Hamburg, Frankfurt und München folgen in den nächsten Wochen“, zählt Melanie Epp auf. Und dann soll noch ein besonderer Coup klappen: „Im Spätherbst eröffnen wir auf Mallorca. Für die, die auch im Urlaub nicht aufs Traden verzichten wollen.“
Ab 1500 DM im Monat kostet einer der „normalen“ Börsenarbeitsplätze in Berlin. Für diesen Betrag darf der Mieter das „Standardterminal“ nutzen: PC mit Standleitung zur Börse und zwei Monitore. Über einen Bildschirm werden Kauf- und Verkaufs-Aufträge verschickt, auf dem anderen schlängeln sich die Kurven der Kursverläufe.
Die nötige Software für den schnellen Draht zur Börse gibt es auch fürs heimische Arbeitszimmer. „Das Problem ist die Datenleitung“, erklärt Epp. Bricht die Modemverbindung für Augenblicke zusammen – und wer hat das beim Surfen im Internet noch nicht erlebt -, kann das ein paar 1000 DM Verlust bedeuten, weil der Auftrag zu spät ausgeführt wird. „Von unseren Handelsräumen aus haben wir dagegen eine Zwei-Megabit-Standleitung. Die ist allen Belastungen gewachsen.“
Ob auch Isabel Grothmann allen Belastungen des Daytrading gewachsen ist, da ist sich der „Börsenlehrling“ selbst nicht so sicher. „Das Risiko ist hoch und man muß erstmal die Fixkosten hereinkriegen“, gibt sie zu bedenken und schaut auf ihren Trainingsblock. Immerhin, nach den ersten Verlusten hat die 28jährige noch ein paar Kurven richtig gekriegt und liegt jetzt 400 DM im Plus. „Besser als dafür achteinhalb Stunden im Büro zu sitzen“, meint Isabel.
Den meisten hat das konzentrierte Training im engen Übungsraum die Röte in die Wangen getrieben. Anzeichen von Börsenfieber? Mit einem Seufzer klappt Isabels Sitznachbar seinen Block zu: „Auch wenn“s heiß hergeht, mußt du einfach mal raus und in den kalten See springen können.“ Klarer Fall: Der Mann hat das Zeug zum Börsenguru.
MARTIN VOLMER
Trainer Wieland Steinich bringt den angehenden Daytradern bei , wie man die vielen bunten Kurven der Aktiencharts zu deuten hat.
Vorsicht! Hier wird scharf gehandelt! Ein Blick in den Börsenhandelsraum der Momentum Trading Hous AG in Berlin Charlottenburg: Bis zu 70 Day-Trader können sich hier einmieten.
Kriegt der Dax die Kurve? Jeder Punkt Veränderung kann 50 DM Gewinn oder Verlust bedeuten. Entsprechend gespannt verfolgt dieser Trading-Schüler den Verlauf des Index auf seinem Monitor.

Ein Beitrag von:

  • Martin Volmer

    Redakteur VDI nachrichten. Fachthemen: Wirtschaft, Konjunktur, Wirtschaftspolitik.

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