Aktien 20.04.2007, 19:27 Uhr

Börse lockt chinesische Mittelständler  

VDI nachrichten, Frankfurt, 20. 4. 07, elb – Im Mai schwärmen die China-Experten der Deutschen Börse wieder aus. In Peking werben sie für einen Börsengang chinesischer Unternehmen in Frankfurt. Drei weitere Termine in vier weiteren Städten folgen im Laufe des Jahres. Außerdem kommen chinesische Unternehmen nach Frankfurt und stellen sich auf dem Eigenkapitalforum vor. Die Börse lockt den chinesischen Mittelstand nach Deutschland. Und der kommt, auf der Suche nach Bekanntheit und nach Kapital.

Mehr als 200 Aktien chinesischer Unternehmen werden mittlerweile in Deutschland gehandelt. Meist sind es Zweitnotierungen. Seit Ende März wird, ebenfalls im wenig regulierten Freiverkehr, die erste echte Neuemission aus China an der deutschen Börse gehandelt, die Aktie der Maschinenbauers Gongyou aus Weihai, einer Stadt mit 2,5 Mio. Einwohnern in der ostchinesischen Provinz Shandong. Gongyou stellt Elektromotoren und holzverarbeitende Maschinen her, die in der Möbelindustrie gebraucht werden. Vor allem im Parketthandel ist das Geschäft rege, der Kurs hat sich seit der Erstnotiz um knapp 40 % nach oben bewegt.

Nun wartet die Deutsche Börse auf die erste Chinaaktie im Prime Standard, der deutlich höhere Anforderungen an Unternehmensführung und Berichtspflichten stellt als der Freiverkehr. Auf den Akquisitionstouren ist sie nicht allein. „Da treffen sie alle relevanten Börsen“, erzählt Martin Steinbach von der Deutschen Börse. „Natürlich adressieren auch andere internationale Börsenbetreiber den chinesischen Markt.“ Das sind die beiden großen amerikanischen Börsenbetreiber, Euronext und die Londoner Börse aus Europa, dazu aus Asien neben der Tokioter und der koreanischen Börse die mit der Schanghaier Börse konkurrierende Börse in Hongkong.

Die Frankfurter Emissäre stellen sich dann als „aus dem Land der Ingenieure“ kommend vor, sagt Steinbach. Chinesische Börsenkandidaten strebten auf europäischer Ebene ein Umfeld mit vergleichbarer Branchenausrichtung an. Und wo eine weltweit renommierte Maschinenbau-, Auto-, Bio- und Nanotechnologie-Industrie zu Hause sei, dazu eine schon ausgereifte Industrie rund um erneuerbare Energien, da färbe viel vom Prestige der Marktführer auf neue Mitbewerber ab. Zudem sei Analysten-Know-how in diesen Branchen vorhanden, was zu einer fairen Bewertung führe, berichtet Steinbach.

Die Deutsche Börse baggert durchaus im eigenen Interesse. Denn jede gelistete Aktie bringt Geld. Und so verweist sie in den „Listingseminaren“ gerne auf die Studie, in der Christoph Kaserer, Professor an der TU München, voriges Jahr die Kosten eines Börsengangs aufgeführt habe. Kaserer hatte herausgefunden, dass ein Börsengang in Frankfurt 8,7 % des Emissionserlöses koste, in London dagegen 11,7 %. Dadurch seien die Kapitalkosten der in Frankfurt gehandelten Unternehmen signifikant geringer. Auch die Anleger dürften sich freuen: Die Liquidität, also die Handelbarkeit, sei in Frankfurt deutlich höher als in London. Am Londoner Wachstumsmarkt AIM komme im Schnitt an jedem dritten Tag mangels Angebot und Nachfrage überhaupt kein Kurs zustande. Dass dennoch wegen des guten Images der Londoner Börse die meisten russischen Börsengänge dort stattfanden, soll sich mit börsenwilligen chinesischen Unternehmen nicht wiederholen.

„Der Bedarf ist groß“, sagt Andreas Grosjean, wenn er nach dem chinesischen Interesse an einem Börsengang in Europa und auch Frankfurt gefragt wird. Grosjean leitet bei der Münchner VEM Aktienbank AG das Chinageschäft. Er war auch für Gongyou zuständig. Die Chinesen seien getrieben von einer doppelten Motivation: Die wichtigste sei der Marketingeffekt, also der wachsende Bekanntheitsgrad durch einen Börsengang. Und dann gehe es darum, dem Unternehmen neues Kapital zuzuführen. Bei Gongyou habe man zum Beispiel Geld für drei neue Werkshallen gebraucht.

Viele chinesische Unternehmen können ihre Investitionen zwar aus einbehaltenen Gewinnen finanzieren. Börsengänge im Ausland sind dennoch interessant: Sollte doch mal für Erweiterungen oder Übernahmen ein größeres Finanzierungsbedürfnis entstehen, lässt sich die immer noch politisch gelenkte Kreditvergabe dann leichter vermeiden. Außerdem, so Oliver Stoenner, bei der Fondsgesellschaft Cominvest zuständig für Wachstumsmärkte, gebe es bei möglichen Übernahmen in Europa dann schon etablierte Kontakte zu den Banken und Geldgebern: „Die wollen die Investoren vor Ort bearbeiten.“ Und darüber hinaus haben chinesische Mittelständler ähnliche Bedürfnisse wie ihre deutschen Unternehmerkollegen: Wer einen Preis für sein Unternehmen hat, weil es einen Börsenkurs gibt, finde als Investor leichter eine Ausstiegschance, weiß Grosjean.

Doch der Auszug aus China in die europäische Börsenwelt ist nicht leicht. In der Regel, so Martin Steinbach von der Deutschen Börse, müsse man in China viele Stellen, Ministerien und andere Bürokratien durchlaufen, um einen Börsengang im Ausland genehmigt zu bekommen. Deshalb bleibt der Verdacht, dass die chinesische Regierung die Abwanderung von Kapital verhindern will. MICHAEL BRAUN

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