Geldanlage 18.08.2006, 19:23 Uhr

Aus dem Finanzlabor frisch an den Schalter  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 18. 8. 06, mav – Kein Trend, den die schöne neue Zertifikatewelt nicht aufgreift. Dabei dienen nicht alle Investmentideen in erster Linie dem Anlageerfolg des Kunden. Einige Zertifikate, z.B. auf steigende Benzinpreise, knapper werdendes Wasser oder auf Profiteure der Fußball-WM, sind schlicht Marketing-Instrumente der Banken.

Eine bekannte Börsenweisheit lautet „the trend is your friend – der Trend ist Dein Freund“. Sie könnte der Leitspruch einer ganzen Sektion der Finanzindustrie sein. 100 000 verschiedene Zertifikate werden laut Deutschem Derivate-Institut derzeit hier gehandelt. Fallende Aktien, steigende Benzinpreise, stagnierende Rohstoffkurse – kein Trend, auf den Anleger nicht mit entsprechend maßgeschneiderten Zertifikaten setzen könnten.

Rund 100 Mrd. € haben die Deutschen in diese so genannten strukturierten Produkte investiert. Zum Vergleich: Die bekannteren Aktien-, Renten- und Immobilienfonds konnten fünf Mal so viel von privaten Investoren einsammeln. Allerdings haben diese Publikumsfonds eine erheblich längere Historie.

Zertifikate hingegen sind in Deutschland erst seit Beginn der 90er-Jahre am Markt. „Den regelrechten Höhenflug dieser Produkte erleben wir aber erst seit drei, vier Jahren“, meint Bernd Ehmke, Zertifikate-Experte der Bankgesellschaft Berlin. Sein Haus ist mit 250 bis 300 Neuemissionen jährlich einer der kleineren Player auf dem deutschen Zertifikatemarkt. Dessen Boom erklärt sich Ehmke vor allem damit, dass die Vermögen nach und nach in jüngere Hände wechselten, Stichwort: Erbengeneration. „Die Jüngeren setzen sich anders, intensiver und weniger konservativ mit der Geldanlage auseinander“, glaubt der Berliner.

Aber die Veränderungen in der Welt der Anlageprodukte gingen nicht nur von der Nachfrage aus. „Zertifikate sind auch ein Marketinginstrument. Mit intelligenten neuen Zertifikaten zeigt eine Bank ihren Innovationscharakter“, sagt Ehmke und nennt ein Beispiel: „Unsere Bär-Indexzertifikate etwa sind etwas Neues, weil sie im Verhältnis 1:1 mit dem zugrunde liegenden Aktienindex fallen oder steigen. Bisher entwickelten sich solche Zertifikate nicht im gleichen Verhältnis.“

Bevor jedoch ein neues Produkt auf den Markt kommt, durchläuft es einen ausführlichen „Back-Test“, d. h. seine Kursentwicklung über die zurückliegenden Jahre wird simuliert. „Dabei trennen wir die Spreu vom Weizen. Denn nicht jedes Produkt ist zu jedem Zeitpunkt sinnvoll“, so der Zertifikate-Experte. Derzeit etwa seien Discount- und Bonuszertifikate gut zu vermarkten, da viele Anleger maximal leicht steigende Aktienkurse erwarteten. Bei diesen realtiv einfach strukturierten Papieren sei jedoch die Marge für die Bank auf Grund des großen Wettbewerbs eher gering. „Je strukturierter und neuer das Produkt, umso besser die Marge“, erklärt Ehmke.

Und umso schwerer durchschaubar wird das Zertifikat für den Anleger. „Der Markt wir immer unübersichtlicher, die Vergleichbarkeit von Geldanlagen immer schwerer“, beklagt der Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin.

Mit einem Teil des Zertifikatemarktes hat sich die Zeitschrift Finanztest in ihrer Juli-Ausgabe befasst. Über Garantieanleihen schrieben die Finanztester dort: „Nur wenige Anleger verstehen die Papiere wirklich, aber die meisten kaufen sie trotzdem.“ Und weiter: „Das Schicksal muss es schon sehr gut mit den Kunden meinen, damit sich die Investition lohnt.“ Was viele Anleger übersehen: „Wird ein Zertifikat vor Ende der Laufzeit verkauft, fallen Gebühren und häufig auch Steuern an“, gibt Karin Baur von Finanztest zu bedenken. Die Sicherheit werde oft mit einer geringeren Rendite bezahlt.

Noch schwerer wiegt, wenn die Produktidee nicht aufgeht. Beispiel Themenzertifikate: Die WestLB etwa hat ein WM-Zertifikat kreiert. Das bildet die Entwicklung von Aktien ab, die von der Fußball-WM 2010 profitieren sollen, also Sportausrüster, Bau- und Transportunternehmen. „Aber wann wirkt sich der WM-Vorteil an der Börse aus? Ist der Einfluss der WM zur Auflage des Zertifikats nicht längst eingepreist? Und welchen Anteil am Gesamt-Umsatz macht das WM-Geschäft überhaupt aus?“, nennt Baur die kritischen Fragen, die sich Anleger bei so einem Produkt stellen müssten. Andere Zertifikate, die auf Trends setzen, z. B. auf steigende Rohstoffpreise, kämen zudem häufig erst in der Schlussphase des Booms auf den Markt, wenn das Risiko der Trendumkehr schon sehr groß sei.

Richtig riskant wird es, wenn Hebelprodukte ins Spiel kommen. Denn hier kann es bei eingien Zertifikaten sogar zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals kommen, wenn der Kurs des Basiswerts während der Laufzeit eine festgelegte Schwelle berührt oder unterschreitet.

„In der Hochphase des Neuen Marktes 1999/2000 waren Hebelprodukte sehr gefragt“, erinnert sich Dieter Lendle, Geschäftsführer des Deutschen Derivate-Instituts, und weist darauf hin, dass diese Zertifikate einen Großteil der ebenso riskanten Optionsscheine abgelöst haben.

Derzeit seien aber eher die risikoarmen Produkte im Kommen, so Lendle. „Das Schöne an den Zertifikaten ist, dass man mit diesen Instrumenten jede Markterwartung, jegliche Risikostruktur und unzählige Kombinationen von Basiswerten abbilden kann.“ Wohl auch deshalb setzten die Banken immer mehr Zertifikate zur Strukturierung der Kundendepots ein.

Auf die Kehrseite der Medaille verweist Frank Bock vom Bundesverband der Investmentfondsgesellschaften: „Natürlich lässt sich ein Produkt besser verkaufen, wenn es gerade auf die aktuelle Börsensituation passt. Aber damit handeln immer mehr Anleger pro-zyklisch. Umso stärker werden die Ausschläge in beide Richtungen.“ Sein Wunsch: „Die privaten Investoren sollten Sicherheit nicht nur kurzfristig definieren und wieder verstärkt auf ihre langfristigen Anlageziele achten.“

MARTIN VOLMER

Von Martin Volmer
Von Martin Volmer

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