Arbeitsmarkt in Deutschland 02.03.2012, 12:00 Uhr

Zugang für ausländische Fachkräfte erleichtern

Ab April soll ein Gesetz Migranten den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erleichtern. Künftig soll es einfacher werden, im Ausland erworbene Berufsqualifikationen anerkannt zu bekommen. Das Gesetz weise in die richtige Richtung, meinte der Arbeitsmarktforscher Matthias Knuth auf einer Tagung in Mülheim. Ein Meilenstein, wie es die Politik verkünde, sei das Gesetz aber nicht. Deutschland müsse sich noch mächtig strecken, pflichteten Teilnehmer bei.

„Deutschland, das sind wir alle, die in diesem Land leben.“ Bei der Gedenkfeier an die Opfer der Neonazi-Attentate rief Kanzlerin Angela Merkel vor einigen Tagen zum Zusammenhalt auf, schließlich basiere Deutschlands Wohlstand auch auf seiner Weltoffenheit.

Ausländische Fachleute sind nicht zum Nulltarif zu haben

Ausländische Fachleute sind nicht zum Nulltarif zu haben

Es gibt Stimmen, die das anders beurteilen. Allein schon in der Wahl seiner Begriffe errichte Deutschland immer wieder neue Grenzen, meint der Soziologe Kamuran Sezer, der mit drei Jahren aus der Türkei nach Deutschland einwanderte. „Parallelgesellschaft“ sei ein für die Demokratie höchst bedenklicher und ausgrenzender Begriff, der sich ebenso auf Homosexuelle wie auf die Fangmeinende eines Fußballvereins anwenden ließe. Und „in der sogenannten ,Integration‘ wird der Fehler begangen, den Menschen passend zu machen, statt die Gesellschaft auf die veränderten Rahmenbedingungen anzupassen“, sagt der Gründer des futureorg-Instituts, das Firmen, Verbände und die Politik berät.

Ein solcher „Transformationsprozess“ aber führe zu neuen Bedürfnissen, „die ökonomisch und sozial befriedigt werden müssen…Damit meine ich, dass verknappte Ressourcen wie Geld, Anerkennung, Positionen, Arbeit, Wissen usw. neu verteilt werden müssen“, erklärte Sezer jüngst auf der Jahrestagung der Deutschen Vereinigung für Sozialwissenschaftliche Arbeitsmarktforschung (SAMF) in Mülheim.

Qualifikationen ausländischer Fachkräfte werden nicht anerkannt

Mit der Verteilung von Arbeit an Migranten aber tut sich Deutschland schwer – schwerer als die europäischen Nachbarn. Behördliche Regelungen, die für Inländer Sinn machten, erwiesen sich für Bildungsausländer als Hürden und Irrgärten, ja als diskriminierend, sagte der Arbeitsmarktforscher und SAMF-Vorsitzende Matthias Knuth. „Ihre Qualifikationen werden auf dem deutschen Arbeitsmarkt zunächst einmal nicht anerkannt und sind damit faktisch weitgehend wertlos, und der Weg zur Anerkennung ist für sie schwer zu finden.“

Daran werde auch das „Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz“ wenig ändern, das im April in Kraft tritt. Davon sollen rund 300 000 Personen profitieren. „Dieses als ,Meilenstein‘ gefeierte Gesetz weist zweifellos in die richtige Richtung“, meint Knuth, es ändere aber nichts daran, dass Migranten im Dickicht von etwa 400 Zuständigkeitsstellen untergingen. Was fehle, sei eine wirksame und kontinuierliche Begleitung von Anerkennung und Nachqualifizierung sowie eine zentrale Anlaufstelle.

„Es geht darum, Deutschland institutionell fit zu machen für künftige Einwanderung. Angesichts der Konkurrenz zahlreicher hochentwickelter Volkswirtschaften mit ähnlichen demografischen Tendenzen und entsprechendem Arbeitskräftebedarf ist die Erwartung doch offensichtlich illusorisch, die benötigten Fachkräfte würden dem deutschen Arbeitsmarkt passend wie die gebratenen Tauben in den Mund fliegen.“

Ausländische Fachkräfte durch Entwicklungsperspektiven locken

Im Wettbewerb um Köpfe könne nur gewinnen, wer Wanderungswilligen Entwicklungsperspektiven bietet und in sie investieren wolle. Sprachkurse allein reichten nicht. Knuth: „Natürlich wäre eine solche investive Einwanderungs- und Integrationspolitik etwas teurer als eine bloß symbolisch inszenierte sogenannte Willkommenskultur.“

Während Hans-Peter Klös vom Institut der deutschen Wirtschaft „beträchtliche Integrationspotenziale“ in der Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen der bereits in Deutschland lebenden Migranten sieht, geht Hans Dietrich von Loeffelholz einen Schritt weiter: Ansässige wie zuziehende Migrantinnen und Migranten bildeten das größte Fachkräftepotenzial der Zukunft, so der Chefökonom im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Der globale Wettbewerb um sie habe eingesetzt, werde sich aber noch verschärfen.

Fachkräftemangel: 240 000 Ingenieure werden im Jahr 2020 fehlen

Nach den Berechnungen des Bonner Instituts Zukunft der Arbeit, so von Loeffelholz, würden im Jahre 2020 immerhin 240 000 Ingenieure in Deutschland fehlen. Insgesamt ginge das Erwerbspersonenpotenzial in den nächsten 15 Jahren von heute 45 Mio. auf 38,1 Mio. Personen zurück, bis 2050 auf unter 27 Mio. Menschen – wenn die Zuwanderung nicht gefördert werde. Bis zum Jahre 2025 erfordere dieser Kraftakt eine Migration von jahresdurchschnittlich 25 000 bis 50 000 Fachkräften. Voraussetzung einer gelingenden Integration sei das Bekenntnis zum Einwanderungsland Deutschland.

Von einer Migrationswelle könne in den Nachbarländern nicht die Rede sein, erklärte Christiane Kuptsch von der International Labour Organization (ILO). In Spanien sei die Arbeitslosigkeit der Ausländer von rund 20 % vor etwa 15 Jahren bis auf 29,1 % im Jahre 2010 gestiegen. Das macht den spanischen Arbeitsmarkt nicht attraktiver. Großbritannien, Irland und Italien versuchten, den Migrationszufluss einzudämmen.

Deutschland solle indes die Migration stärken, rät Kuptsch. Statt die Märkte weiter zu liberalisieren, solle man sich stärker um den Schutz der dort tätigen Menschen kümmern.

Von Wolfgang Schmitz
Von Wolfgang Schmitz

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