Arbeitsmarkt 20.10.2000, 17:26 Uhr

Zeitvertrag mit der Deutschland AG

Die Hoffnungen der IT-Branche haben sich bisher bei weitem nicht erfüllt. Doch ausländischen IT-Spezialisten bietet die Initiative die Chance, internationale Erfahrungen zu sammeln.

Walid Ramadan Farag blickt noch etwas unsicher in die Runde. Der 28-Jährige ist erst seit ein paar Stunden an seinem neuen Arbeitsplatz bei der Düsseldorfer Firma march First AG. Aber nicht nur hier bewegt er sich in einem neuen Umfeld. Farag ist erst seit ein paar Stunden in diesem Land, das er nur von zwei kurzen Besuchen kennt, dessen Sprache er allerdings fließend spricht. Der Ägypter aus Alexandria hat am Goethe-Institut in seiner Heimatstadt mehrere Deutsch-Kurse mit international anerkannten Abschlüssen belegt. Einfach so, weil es ihm Spaß gemacht hat. „Ich interessiere mich für dieses Land und die Kultur“, sagt er. Nicht zuletzt deshalb sei er nach Deutschland gekommen. „Ich möchte die Sprachkenntnisse noch intensivieren und hier international arbeiten“, sagt Farag.
Von der Green Card-Initiative hat er durch einen Freund in Ägypten erfahren. Zu diesem Zeitpunkt konnte er bereits eine beachtliche Karriere vorweisen: Das Studium der Nachrichtentechnik hat er 1994 mit der Note „sehr gut“ an der Uni in Alexandria absolviert. Die Faszination für die Computerwelt hatte ihn damals schon gepackt. Farag entschloss sich zu weiteren Aufbaustudiengängen, unter anderem am Information Technology Institute. Nachdem er sich Java, Visual Basic und andere Kenntnisse angeeignet hatte, stieg er als Programmierer bei einem Softwareunternehmen in Kairo ein. Bevor er bei march First anheuerte, entwickelte er bei der staatlichen Alexandria National Iron and Steel Co. ein Programm zur Prozess-Steuerung vom Einkauf bis zum Materialzufluss. Farag hat gleich mehrere Bewerbungen nach Deutschland geschickt, obwohl er bei seinen Stippvisiten zuvor nicht nur positive Erfahrungen gemacht hat. Bei einem Aufenthalt in Bayern habe man ihm deutlich gezeigt, dass er Ausländer sei. Ein bisschen Angst hat er schon, hier zu leben. Deshalb lässt er sich nicht fotografieren.
Bei march First, einem Service-Anbieter im Bereich New Economy mit über 9000 Mitarbeitern weltweit, war er Wunschkandidat. „Innerhalb von 14 Tagen war alles Nötige veranlasst“ , sagt Firmensprecher Thomas Gröne. Farag arbeitet als „Application Developer“ – er ist für die technische Gestaltung der Kunden-Websites zuständig. „Ich möchte noch eine Menge lernen, glaube aber nicht, dass ich fünf Jahre dafür brauche. Es könnte sein, dass ich schon eher nach Ägypten zurückgehe, um dort als IT-Manager zu arbeiten – angestellt oder in einer eigenen Firma“, sagt Farag.
Szenenwechsel. Peter Putzov aus Sliwen in Bulgarien, einer Stadt 100 km von der Schwarzmeermetropole Burgas entfernt, fühlt sich schon heimisch in Deutschland und ist voll des Lobes für die Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen. „Es ist so schön hier, viel grüner als in Sofia oder Sliwen“, sagt Peter Putzov. Der 25-Jährige lebt seit dem 1. August in Gelsenkirchen-Ückendorf, einem Stadtteil mit hohem Ausländeranteil. Zur Arbeit im Technologiepark Rheinelbe braucht er keine fünf Minuten zu Fuß. Zwei Mal in der Woche fährt er abends nach Bochum und besucht einen Deutsch-Sprachkurs. Tagsüber ist er Programmierer bei der Firma Laufenberg Labor-Systeme mit Stammsitz in Bochum (130 Mitarbeiter). Laufenberg-Geschäftsführer Jürgen Burbulla und Peter Putzov kannten sich bereits vor der Green Card-Initiative. Putzov arbeitete schon seit 1999 in Sliwen nach dem Studienabschluss als Diplom-Ingenieur für Elektronik und Automatik mit dem Schwerpunkt Computersysteme in einer Filiale des Bochumer Unternehmens. Die Green Card kam wie gerufen. Dank der Sprachkenntnisse, die Putzov in der Schule erworben hat, kann er jetzt auch in Deutschland eingesetzt werden. Putzov programmiert Datenbanken (beispielsweise für Blutbanken etc.) und vermittelt zwischen den Kollegen in Bulgarien und Deutschland. Denn ein Teil der Programme wird in Bulgarien erstellt. Bei Fehlern und Schwierigkeiten springt Putzov ein. „Es ist doch besser, Änderungen von hier aus zu klären“, erläutert Putzvov. Beim Thema Geld wird er etwas einsilbiger: „Es gibt Firmen in Bulgarien, die relativ viel zahlen, aber im Schnitt ist der Verdienst dort nicht so gut“, ist alles, was er sagen will. Immerhin: Wenn es ums Geld ginge, hätte er auch prima in die Vereinigten Staaten ziehen können. Ist er aber nicht. Warum? „Das ist nichts für mich, Europa ist ein alter Kontinent, hier hat alles seinen Ursprung“, erklärt er. An diesem Abend ist wieder Kurs. Wenn er nach danach nach Hause kommt, wird er erst einmal die Post seiner Mutter beantworten. „Meine Familie und Freunde schreiben mir oft. Und zwar E-Mails“, strahlt Putzov. CLAUDIA HANTROP Green Card

Lasst Spezialisten zu uns kommen

VDI nachrichten, 20. 10. 00 – Die Informationstechnik- und Telekommunikationsbranche klagte im Frühjahr diesen Jahres lautstark über 75 000 fehlende Computerspezialisten. Auf Drängen der Wirtschaft können seit dem 1. August IT-Fachleute aus Nicht-EU-Ländern in Deutschland für fünf Jahre arbeiten, wenn sie einen Arbeitsvertrag erhalten. Die Kandidaten müssen einen fachnahen Studienabschluss nachweisen oder von der deutschen Firma mindestens 100 000 DM Gehalt jährlich bekommen. In der ersten Tranche sind 10 000 Karten zu verteilen. Bei Bedarf können es zusätzlich noch einmal 10 000 werden. Das Interesse hielt sich allerdings bislang in Grenzen. Einen Monat nach Aktionsbeginn waren nur 1360 Green Cards vergeben – davon 300 an IT-Fachkräfte, die sich bereits als Studierende oder Absolventen in Deutschland aufhielten. Die anderen Green Cardler kommen vor allem aus Indien, Russland, Weißrussland und Rumänien. cha

Von Claudia Hantrop
Von Claudia Hantrop

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