Deutscher Ingenieurtag 22.05.2013, 11:59 Uhr

„Wir brauchen eine völlig neue Dialogkultur“

Der Schlüssel zur Realisierung zukunftsfähiger Infrastrukturen liege in einer effektiven Bürgerbeteiligung, sagte VDI-Präsident Udo Ungeheuer auf dem Deutschen Ingenieurtag 2013 in Düsseldorf. Er plädierte für eine Dialogkultur. Bürger müssten intensiver als bisher in Entscheidungen über Projekte und in Planungsprozesse eingebunden. Nachfolgend Auszüge aus seiner Rede.

VDI-Präsident Udo Ungeheuer: "Ingenieure wollen und werden sich noch stärker wie bisher als aktive Gestalter unserer Gesellschaft etablieren. Dies sieht der VDI als eine seiner zentralen Aufgaben in den kommenden Jahren."

VDI-Präsident Udo Ungeheuer: "Ingenieure wollen und werden sich noch stärker wie bisher als aktive Gestalter unserer Gesellschaft etablieren. Dies sieht der VDI als eine seiner zentralen Aufgaben in den kommenden Jahren."

Foto: Zillmann

Wenn wir den akuten Modernisierungsstau in unseren Infrastrukturen nicht rasch und konsequent beseitigen, droht Deutschland der Abstieg aus der Spitzenliga der Weltwirtschaft. Derzeit sehen wir uns mit drei wachsenden Problemen konfrontiert:

– Erstens nagt auch an unseren Infrastrukturen der Zahn der Zeit. Selbst Stahl und Beton überdauern keine Ewigkeit.

– Zweitens konnten erhebliche Teile unserer Infrastrukturen nicht Schritt halten mit dem glücklicherweise erzielten Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahrzehnte, das eine starke Zunahme der Mobilität von Menschen und Gütern zur Folge hatte. Kapazitätsengpässe sind die
Folge.

– Und drittens sehen wir uns durch die fortschreitende Globalisierung der verstärkten Konkurrenz aufholender Schwellenländer ausgesetzt. Modernere Infrastrukturen kompensieren den Wettbewerbsdruck durch niedrigere Löhne und andere Standortvorteile. In Zukunft werden wir uns nur mit modernsten Verkehrswegen, Telekommunikationsnetzen und Energiesystemen im globalen Wettbewerb der Innovations- und Produktionsstandorte behaupten können.

Darüber hinaus gibt es auch noch die global-gesellschaftlichen Herausforderungen, wie den Schutz des Klimas und der natürlichen Ressourcen. Vor allem diese können wir nur mithilfe erstklassiger Infrastruktur meistern. Klimafreundliche Energie zum Beispiel gibt es eben nur mit neuen Anlagen und neuen Leitungsnetzen. Deutschland braucht also auch künftig eine Infrastruktur, die Weltklasse ist. Mittelmaß reicht nicht.

Mit großer Sorge stelle ich fest, dass wir bei der dringend notwendigen Modernisierung und dem Ausbau unserer Infrastruktur vielfach nur im Schneckentempo vorankommen – wenn überhaupt. Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Finanzierung oder offene rechtliche Fragen spielen vielfach eine erhebliche Rolle, aber es gibt auch ein neueres Phänomen: der gewachsene Anspruch der Bürgerinnen und Bürger auf Teilhabe an der Planung und Durchführung großer Infrastrukturvorhaben.

Dieser Wandel ist nach meiner festen Überzeugung keine vorübergehende Erscheinung, sondern ein nachhaltiger Paradigmenwechsel mit konstitutiver Kraft in unserem demokratischen Gefüge. Um auch in Zukunft die hohe Qualität unserer Infrastruktur zu erhalten und zu verbessern, wird es nicht ausreichen, dass Projekte funktionale, technische, wirtschaftliche und rechtliche Kriterien erfüllen.

Effektive Bürgerbeteiligung

Der Schlüssel zu zukunftsfähigen Infrastrukturen liegt in einer effektiven Bürgerbeteiligung und in einer besseren Kommunikation zwischen allen Beteiligten, also zwischen den Vorhabenträgern, der Politik, der Verwaltung und eben auch der Öffentlichkeit. Wofür ich – auch in meiner Eigenschaft als Präsident des VDI – plädiere, ist eine neue Kultur des Dialogs bei Projekten, die der Verbesserung unserer Infrastruktur dient.

Doch wir sind zutiefst überzeugt, dass die Bedeutung und der Nutzen von Infrastrukturprojekten von der Gesellschaft erkannt wird und von den Bürgerinnen und Bürgern mitgetragen werden muss. Und das ist nur auf Basis dialogorientierter Entscheidungsprozesse möglich. Dieser großen Herausforderung müssen und wollen wir uns stellen.

Betroffene Bürger und die Öffentlichkeit müssen angemessen, das heißt in der Regel intensiver als bisher, in Entscheidungen über Projekte und in Planungsprozesse eingebunden werden. Und wir brauchen mehr Transparenz! Mehr Transparenz bei den aus Steuermitteln finanzierten Kosten, mehr Transparenz bei dem Nutzen für Bürgerinnen und Bürger und mehr Transparenz bei den potentiellen Risiken von Infrastrukturvorhaben.

Was wir brauchen, ist nicht mehr und nicht weniger als eine völlig neue – verbindlich geregelte – Dialogkultur bei der Realisierung von Infrastrukturprojekten. Wie diese gestaltet werden kann, hat der VDI intensiv mit Ingenieuren sowie mit Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft diskutiert. Das Ergebnis ist unsere offizielle Stellungnahme.

Die wichtigsten Punkte möchte ich Ihnen kurz skizzieren:

Die Erfolgsbedingungen für eine neue Dialogkultur werden wesentlich von der Politik mitbestimmt. Sie gestaltet den rechtlichen Rahmen, innerhalb dessen sich eine neue Dialogkultur bewähren muss. Deshalb begrüßt der VDI, dass die Gesetzgeber im neuen Planungsvereinheitlichungsgesetz eine frühe Beteiligung der Öffentlichkeit verankert hat. Behörden und Vorhabenträger sind an diesen rechtlichen Rahmen gebunden.

Dies allein reicht jedoch nicht. Entscheidend ist vielmehr, dass alle Akteure – Behörden, Vorhabenträger, Öffentlichkeit und ihre Vertreter sowie die Ingenieure – positiv gestaltend mitwirken und sich konstruktiv einbringen.

Konfliktpotenziale erkennen

Für die Behörden bedeutet dies, dass sie künftig viel intensiver bürgernahe Kommunikation betreiben müssen. Sie müssen das Konfliktpotential geplanter Projekte früh erkennen und sich mit den Beteiligten offen austauschen. Dazu sollten die verantwortlichen Behörden aber auch befähigt werden, und zwar durch Schulungen und die Ausstattung mit angemessenen Ressourcen. Ein professionell gestalteter Dialog verhindert Missverständnisse und schafft Akzeptanz für neue Projekte.

Das bedeutet, dass auch die Vorhabenträger Projekte nicht nur nach technischen, wirtschaftlichen und juristischen Kriterien behandeln, sondern in der Öffentlichkeit für ihre Projekte aktiv werben sollten. Hierzu müssen sie ein professionelles Kommunikations- und Stakeholder-Management entwickeln und hierfür ebenfalls angemessene Ressourcen zur Verfügung stellen.

Der VDI unterstützt Vorhabenträger dabei mit seiner Expertise. Gemeinsam mit Unternehmen haben wir die VDI-Richtlinien 7000 und 7001 erarbeitet, die einen umfassenden Managementleitfaden für „Frühe Öffentlichkeitsbeteiligung bei Infrastruktur- und Industrieprojekten“ bilden.

In der neuen Dialogkultur muss aber auch den Bürgerinitiativen, Umweltverbänden und anderen Vertretern der Öffentlichkeit eine verantwortungsvolle Rolle zukommen. Für einen lösungsorientierten Dialog sind Sachkenntnis und Offenheit gegenüber notwendigen Modernisierungs- und Ausbaumaßnahmen wichtig, damit Bürger am Dialogprozess konstruktiv und auf Augenhöhe mit Vorhabenträgern und Behörden kommunizieren können.

Ingenieurinnen und Ingenieure spielen in der neuen Dialogkultur natürlich eine zentrale Rolle. Indem sie ihre Sachkenntnis und das technische Know-how verständlich kommunizieren, können sie Brücken bauen zwischen Vorhabenträgern und Behörden auf der einen und Bürgern auf der anderen Seite.

Neues Selbstverständnis

Um diese Rolle auszufüllen, müssen Ingenieure jedoch ihr Selbstverständnis in Teilen erweitern. Bisher spielen sie naturgemäß eine zentrale Rolle bei der Planung und Durchführung von Projekten. Künftig müssen sich Ingenieure darüber hinaus aktiv in die Kommunikation und Öffentlichkeitsbeteiligung bei Vorhaben einbringen.

Für den Ingenieur von morgen wird Dialog ein kooperativer Prozess der Technikentwicklung sein. Mit Dialog ist die Chance verbunden, die Weisheit der Vielen – manche nennen dieses Phänomen auch Schwarmintelligenz – für die eigene Arbeit zu nutzen und wertvolle Impulse für Forschung, Entwicklung und Umsetzung zu erhalten.

Je besser die Ingenieurinnen und Ingenieure in Zukunft ihre erweiterten Aufgaben erfüllen, desto stärker werden sie ihre Rolle als gesellschaftlicher Gestalter ausüben.

Unumstritten ist, dass Ingenieure schon heute durch ihre Innovationskraft und ihre Beiträge zur Wertschöpfung unsere Gesellschaft im erheblichen Maße mitgestalten und prägen. In welchem Ausmaß sie dies tun, wird von weiten Teilen der Bevölkerung jedoch unterschätzt. Wer etwa weiß schon, dass Ingenieure in Deutschland mindestens rund 200 Mrd. € zum Bruttoinlandsprodukt beitragen? 200 Mrd. € entsprechen auch etwa zwei Drittel des deutschen Bundeshaushalts.

Ingenieure sind auch ein wichtiger Motor unserer Exportstärke. Ingenieure sichern unserem Industriestandort Arbeitsplätze, schaffen Wachstum und fördern den gesellschaftlichen Wohlstand.

Der VDI wird den Ingenieuren noch mehr Gehör verschaffen – in den Medien, in der Gesellschaft und in der Politik. Damit werden wir dazu beitragen, dass wir als Gesellschaft insgesamt die Weichen so stellen, dass Deutschland auch in Zukunft weiter der führende Innovations- und Technikstandort bleibt.

Von Udo Ungeheuer Tags:

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