Ticket-Counter, db-lounge oder McClean 05.11.1999, 17:23 Uhr

Wie konjugieren Sie „download“?

Was in deutschen Unternehmen Internationalität beweisen soll, werde von Ausländern oft als Anbiederung empfunden, meint der Dortmunder Professor Walter Krämer, Vorsitzender des Vereins zur Wahrung der deutschen Sprache.

Eine Frau irrt durch den Bahnhof. „Wo ist denn hier eine Toilette?“, fragt sie einen Passanten. „Dahinten rechts“, lautet die Antwort. Doch dahinten rechts ist nur ein Drehkreuz und auf der Tür steht „McClean“. Für die des Englischen einigermaßen mächtige Frau scheint das jedoch eher ein Reinigungsservice zu sein. Weit gefehlt – McClean heißen nach dem Willen von Noch-Bahnchef Johannes Ludewig künftig die Toiletten auf den Bahnhöfen.
Ein Fall für die Sprachkritiker aus Dortmund. Der Verein deutsche Sprache vergab in diesem Jahr seinen Sprachpanscherpreis an Ludewig für seine Sprachkreationen service point (für Auskunft) , Ticket Counters (für Fahrkartenschalter), db-lounges (für Wartesaal) und eben McClean (für Toiletten).
Doch nicht nur die Deutsche Bahn ist ins Visier der Sprachkritiker geraten, auch die Deutsche Bank , VW oder die Lufthansa sind dem Dortmunder Verein durch ihren Sprachgebrauch aufgefallen. Ein Beispiel: „Mit dem stand-by-upgrade-Voucher kann das Ticket beim check-in aufgewertet werden“, lässt die Lufthansa ihre Kunden wissen.
Bei der Kranich-Linie ist jetzt auch ein Mitarbeiter mit dem Management in Konflikt geraten. Ein Ingenieur, Betriebsleiter und zuständig für die Koordination der Wartung, habe, wie die Sprachkritiker versichern, aus Gründen der Verständlichkeit, den von der Unternehmensleitung verordneten englischen Fachbegriff „exterior cleaning of the aircraft“ in spitzen Klammern mit dem schlichten deutschen Wort Flugzeugwäsche versehen.

Unternehmen können Geschäftssprache selbst festlegen

Eine Widerspenstigkeit mit Folgen: „Die verbindliche Nutzung einheitlicher Fachbegriffe ist zur Gewährleistung eines höchst möglichen Sicherheitsstandards unausweichlich“, erklärt eine Unternehmenssprecherin. Die Konsequenz: Der Ingenieur wurde abgemahnt.
Für den Lufthansa-Betriebsleiter ist das Problem damit aber nicht gelöst. „Soll er nun zu seinen spanischen Putzfrauen “exterior cleaning of the aircraft“ sagen anstatt “Waschen Sie bitte das Flugzeug“?““, fragt Walter Krämer, Statistik-Professor an der Uni Dortmund und Gründer des Vereins deutsche Sprache. „Wie sollen spanische Putzfrauen, die in Deutschland arbeiten, das denn verstehen?“
Vor Gericht hat die Lufthansa in erster Instanz gesiegt. Begründung: Jedes Unternehmen habe das Recht, die Verkehrssprache in seinem Haus zu bestimmen – und sei es Kisuaheli. Beim Berufungsverfahren vor dem Frankfurter Landgericht, das für das kommende Jahr angesetzt ist, und für die mittlerweile zweite Abmahnung wird der Ingenieur von den Sprachkritikern unterstützt.
„Notfalls gehen wir bis vor das Verfassungsgericht“, sagt Krämer kampflustig. Es könne doch nicht angehen, dass eine Sprache von oben verordnet würde, in der sich niemand verständigen könne. „Wenn Englisch von den Beteiligten nicht verstanden wird, dann erfüllt es seine Funktion als Verkehrssprache nicht.“
Krämer und seine Mitstreiter lehnen das Englische oder andere Sprachen nicht ab, sie gehören auch nicht zu den Puristen, die alle fremden Einflüsse von der deutschen Sprache fern halten wollen. „Wir greifen die Fachsprache nicht an“, erklärt Sprachkritiker Karl-Heinz Kraas, der selbst Ingenieur ist, „wir wehren uns nur gegen Panschereien und suchen immer das passendere Wort.“ Sei ein englischer Begriff nun mal schlecht zu übersetzten oder im allgemeinen Sprachgebrauch bereits verankert, dann solle er auch weiter benutzt werden, zum Beispiel countdown, hardware, insider, oldtimer, surfen oder job. Doch schon ein so häufig gebrauchtes Wort wie download zeige, wie problematisch das Sprachgepansche sei. „Versuchen Sie doch mal, download zu konjugieren“, fordert Krämer auf. „Warum benutzt kaum jemand das viel prägnantere Wort herunterladen?“ Treiber statt Driver, Werkzeug statt Tool, Tastatur statt Keyboard oder Programm statt Software seien nur einige Beispiele, die zeigten, wie leicht englische Wörter zu ersetzen seien, meint Krämer. Die Flut von englischen oder englisch anmutenden Begriffen seien für ihn nur „Imponiergefasel“, mit dem niemand Internationalität oder Weltläufigkeit signalisieren könne.

Manager sollten fließend Englisch sprechen

Krämer, der seine Publikationen zunächst fast komplett in Englisch veröffentlicht und der häufig in den USA arbeitet, ist sich sicher, dass die neue deutsche Kunstsprache genau das Gegenteil dessen hervorruft, was sie bewirken soll: Ablehnung. „Amerikaner verstehen das als Anbiederung“, ist sich Krämer sicher.
Diesem harten Urteil will sich Reinhold Weiß, Bildungsexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, aber nicht anschließen: Es sei durchaus ein Gebot der Höflichkeit, z.B. auf Kongressen Englisch zu sprechen. Allerdings, das räumt Weiß ein, sprächen viele deutsche Manager so schlecht Englisch, dass es oft peinlich sei. Dennoch sei es nicht von Vorteil, bei der Muttersprache zu bleiben: Selbst erfahrene Dolmetscher können nicht alle Nuancen einer Sprache vermitteln.“ Deshalb steht für Weiß außer Frage, dass Manager fließend und fehlerfrei Englisch sprechen müssen.
Das gelte vor allem für Führungskräfte in multinationalen Konzernen. Bei Unternehmen jedoch, die nur in zwei Ländern angesiedelt sind, sei es üblich, dass die Manager die Sprache übernehmen, die in der Konzernzentrale gesprochen werde. In der deutschen Filiale eines französischen Unternehmens also Französisch, in der italienischen Filiale eines deutschen Unternehmens also Deutsch. Grundsätzlich, so Weiß, müsse ein Topmanager polyglott sein und mit jedem Kunden wenigstens ein paar Worte in seiner Sprache wechseln können. Und damit meint der IW-Referent nicht nur Französisch oder Spanisch, sondern auch Chinesisch oder Russisch. „Maßgebend ist immer die Sprache des Kunden“, laute die Regel.
Den Trend, in den Unternehmen Englisch zu verordnen, kann Weiß nicht recht ernst nehmen. „Ich stelle mir den türkischen Fließbandarbeiter z.B. bei Ford in Köln vor, der seine Anweisungen in Englisch erhält, weil Ford aus Detroit kommt. Das kann doch keine reibungslose Produktion nach sich ziehen“. Darunter würde die Verständigung leiden – die wichtigste Aufgabe der Sprache.
Wer WC meint, der sollte nicht, wie die Bahn-Manager, McClean sagen. Wer diese Abkürzung nicht mag, kann auf verständliche Alternativen zurückgreifen, um den Weg zum stillen Örtchen zu beschreiben. KAROLINE MARTIN
Was mag sich hinter McClean verbergen, etwa ein neues Schnell-Restaurant? Nein, wie ein genauer Blick zeigt: die Toiletten auf den Bahnhöfen.

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