Karriere 23.11.2001, 17:31 Uhr

Wie „Aussteiger im Anzug“ leben

Viele krisengeschüttelte Hightech-Firmen, wie etwa Infineon, schicken Mitarbeiter in ein Sabbatical mit gekürztem Gehalt. Doch das Jahr ohne Job ist keineswegs immer eine „Zwangspause“.

Den vergangenen Sommer hat Barbara Massion anders verbracht als in den 16 Jahren zuvor. So lange arbeitet die Mathematikerin schon bei Siemens in München zuletzt war sie Produktmanagerin für Zusatzdienste in Telefonnetzen. Wenn zum Beispiel in „Wetten Dass..?“ wieder mal der TED befragt wird, dann stehen die Chancen gut, dass die 42-Jährige damit zu tun hat. Doch diesen Sommer musste Thomas Gottschalk ohne Barbara Massion auskommen. Denn die Siemens-Frau war unterwegs: Ein halbes Jahr lang ist sie den Jakobsweg entlanggewandert, von München nach Santiago de Compostela in Spanien. Damit hat sich die Hobby-Kunsthistorikerin einen Traum erfüllt: einmal den mittelalterlichen Pilgerweg selbst zu Fuß erkunden. Und dafür, dass sich Massion diesen Traum erfüllen kann, hat ihr Arbeitgeber Siemens gesorgt – mit einem bezahlten Langzeiturlaub, auch Sabbatical genannt.

Mit ihrem Ausstieg auf Zeit ist Barbara Massion nicht alleine. Dass sich Mitarbeiter ein Sabbatjahr nehmen, ist vielerorts längst an der Tagesordnung. Mehr als ein Viertel aller deutschen Unternehmen bietet bereits langfristige Arbeitszeitkonten an, von denen ein Sabbatical „abgehoben“ werden kann. Das ergab eine aktuelle Umfrage der Berliner Arbeitszeitberatung Dr. Hoff-Weidinger-Hermann unter 1000 Personalmanagern. Der Trend zum Ausstieg auf Zeit wird durch die aktuelle Wirtschaftslage verstärkt. Viele krisengeschüttelte Hightech-Firmen, wie etwa der Chiphersteller Infineon, schicken Mitarbeiter kurzfristig in ein Sabbatical mit gekürztem Gehalt. Die Idee: Langzeiturlaub mit Lohnverzicht statt Entlassung.

Beim normalen Sabbatical müssen die Aussteiger dagegen nicht auf ihr Gehalt verzichten. Die meisten Angebote funktionieren nach dem Modell „Mehrarbeit wird Urlaubszeit“: Bei Hewlett-Packard in Böblingen zum Beispiel beträgt die vertragliche Arbeitszeit 38 Stunden, tatsächlich werden aber 40 Stunden gearbeitet. So kommen im Jahr zwölf zusätzliche Urlaubstage zusammen, über die die Mitarbeiter frei verfügen können. Bei anderen Unternehmen wird ein Teil des Gehalts (Urlaubsgeld, 13. Gehalt, Bonus) zurückgelegt und während eines Sabbaticals ausgezahlt. Auch bei Siemens folgt man diesem Modell: Barbara Massion etwa hat für ihr Sabbatical mehrere Jahre lang auf Gehaltsbestandteile verzichtet. „Dafür musste ich sogar meinen Arbeitsvertrag ändern lassen“, berichtet die pilgernde Produktmanagerin.

Die Motivation der Unternehmen, solche Arbeitszeitmodelle anzubieten, ist offensichtlich: Talente sind knapp, und viele Job-Bewerber machen ihre Zusage schon lange nicht mehr nur von der Bezahlung abhängig. „Besonders im IT-Bereich sind die Leute durch Geld nicht mehr zu motivieren“, bestätigt Christian Stöwe, Managing Partner bei FokusM, einer Humanressourcen-Beratung in Remscheid. Wer als Arbeitgeber ein Sabbatical im Programm hat, wird attraktiver für prospektive Angestellte. Die Details des Angebots spielen dabei übrigens kaum eine Rolle. Vielen Angestellten reicht die Möglichkeit. Berater Stöwe: „Das Wissen, dass man könnte, genügt den meisten“.

In drei Jahren wird bereits die Hälfte aller deutschen Unternehmen ihren Mitarbeitern ein Arbeitszeitkonto und damit die Möglichkeit für ein Sabbatical einräumen, prognostizieren die Arbeitszeitberater von Dr. Hoff-Weidinger-Herrmann in ihrer aktuellen Studie. Ein Sabbatical einzulegen wird also für immer mehr Manager und Ingenieure demnächst eine normale Option sein. Umso wichtiger wird dann die Frage: Was tun im Sabbatjahr?

Hier gilt es, mit Vorurteilen aufzuräumen. Natürlich gibt es sie noch: die Langzeiturlauber, die in Neuseeland Schafe scheren oder in Venezuela an archäologischen Ausgrabungen teilnehmen. Auch die Weltumsegelung und der selbstgeschriebene Roman stehen hier und da noch auf der Auszeit-Agenda. Doch das sind Ausnahmen. Nur rund ein Drittel aller Pausierer wollen sich ausschließlich dem süßen Fa Niente widmen. Das ergab eine Umfrage des Personaldienstleisters Career Company, Köln. Die Mehrzahl der Angestellten dagegen wollen beim Ausstieg auf Zeit die Karriere vorantreiben. „Die meisten Angestellten nutzen das Sabbatical für Weiterbildung, besuchen etwa die Meister-, oder Technikerschule oder erlernen eine Fremdsprache im Ausland“, beschreibt Christine Krepold, Personalsprecherin bei BMW in München, den Sabbatical-Trend. Auf Platz zwei der Sabbatjahr-Aktivitäten steht Persönliches, also etwa ein verlängerter Erziehungsurlaub.

Die meisten Aussteiger im Anzug wollen im Sabbatical ihren Wert für das Unternehmen, auch Employability genannt, steigern. Das heißt aber auch: nicht wild irgendwelche Kurse belegen, sondern gezielt auszuwählen: Welches Wissen bringt mich wirklich weiter? Das Ziel formuliert Personalexperte Stöwe so: „Ein Mehrwert für den Arbeitgeber sollte erkennbar sein.“ Manche Firmen unterstützen die Aussteiger dabei sogar, die Boston Consulting Group (BCG) zum Beispiel: Die Münchener Unternehmensberatung animiert ihre Angestellten, während des Sabbaticals einen MBA-Titel zu erwerben. Dafür werden sogar die hohen Kursgebühren übernommen. Auch Doktortitel werden von manchen Arbeitgebern gesponsert.

In der Auszeit den Wert der „Marke Ich“ steigern – das klingt verlockend und zeitgemäß. Doch es ist auch eine Warnung angebracht: Viele Personalchefs stehen dem Sabbatical noch kritisch gegenüber. Nur ein Fünftel glaubt, dass die Mitarbeiter nach der Auszeit motivierter ans Werk gehen. Weit über die Hälfte befürchtet Probleme bei der Wiedereingliederung – ergab die Umfrage der Career Company. Deshalb raten Personalexperten: Was auch immer während des Sabbatjahrs gemacht wird – am wichtigsten ist eine gut geplante Rückkehr in den Job.

CONSTANTIN GILLIES

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