Karriere 05.11.1999, 17:23 Uhr

Wer nicht linientreu war, wurde Techniker

Mit der Wiedervereinigung landeten mehr Ingenieure und Naturwissenschaftler in den deutschen Landes-Parlamenten als je zuvor.

Eine „typische 89er Karriere“ nennt der sächsische Kultusminister Matthias Rößler seinen Erfolg. Gestartet war der heute 43-Jährige als Dr.-Ing. der Strömungs- und Modelltechnik, denn in der früheren DDR hatte er die technische Nische gesucht, um überhaupt einen akademischen Abschluss machen zu können. Rößler gehörte als Sohn eines Selbstständigen zur „Ausbeuterklasse“. So wurde aus dem späteren Einserabiturienten kein Historiker und Völkerkundler, wie er es selbst gerne gewollt hätte, sondern ein Maschinenbauingenieur. Denn der Staat hatte ihm empfohlen: „Machen Sie was Technisches, da können Sie keinen Schaden anrichten“. Rößlers Karriere als Politiker ist zwar besonders erfolgreich, aber nicht untypisch für die früheren DDR-Ingenieure. Durch die Wiedervereinigung landeten mehr Naturwissenschaftler in den deutschen Parlamenten als je zuvor. Im Bundestag stellen die Ingenieurwissenschaftler die drittstärkste Berufsgruppe hinter den Rechts- und Staatswissenschaftlern und den Pädagogen. Im sächsischen Landtag sind ein Drittel der Abgeordneten Ingenieure und in den anderen östlichen Bundesländern ist die Relation ähnlich. Der CDU-Abgeordnete Dr. Michael Luther sieht den Grund, ähnlich wie Rößler, in der DDR-Vergangenheit. Wer nicht linientreu genug für ein Medizin- oder Jurastudium war, wich in die technischen Disziplinen aus – nicht selten noch über zusätzliche Umwege, bis ein Studienplatz errungen werden konnte. Nach dem Fall der Mauer gehörten die Ingenieure allerdings zu den Berufsgruppen, die mit am stärksten von der Arbeitslosigkeit betroffen waren. Der Untergang der großen Kombinate und volkseigenen Betriebe bedeutete für die technischen Berufe das Aus. Bis heute registriert die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Frankfurt einen hohen Anteil bei den Ingenieuren Ost. Im Jahr 1998 kamen von insgesamt 56 659 Abeit suchenden Ingenieuren 19 518 aus den neuen Bundesländern. In den ersten Jahren nach der Wende meldete die ZAV kontinuierlich die gleichen Gründe für den hohen Stand bei den arbeitslosen Ingenieuren: zu alt, fehlende Mobilität und Flexibilität. Wer zur Zeit der Wiedervereinigung älter als 45 Jahre war, hatte und hat zunehmend weniger Chancen, in den schnelllebigen technischen Berufsfeldern noch eine Stelle zu finden. Klaus Hoppe, der 1966 promoviert wurde und beim Fall der Mauer am 9. November 1989 bereits 51 Jahre alt war, gehörte zu der Gruppe, die sich selbst helfen musste, um weiterhin Arbeit zu haben. Der Verfahrenstechniker machte sich mit einem Beratungsbüro selbstständig. „Wäre ich 42 oder 43 Jahre alt gewesen, hätte ich wahrscheinlich einen anderen Weg gewählt“, glaubt er. Er hätte dann wohl eher im Westen angeheuert, bei einem der großen Konzerne. Doch Hoppe, der neben seiner Selbstständigkeit noch in vielen Gremien arbeitet – zum Beispiel als Landesvorsitzender des VDI und Präsident der Ingenieurkammer Sachsen-Anhalt – hält sich auch nicht für den typischen Ost-Ingenieur. Nicht nur, dass er in seinem Beruf in der DDR sehr erfolgreich war, ihm war auch sehr schnell klar, wie es weiter gehen könnte. Die Ausbildung in der DDR war „gut bis sehr gut“, resümieren Hoppe und seine Kollegen. Die fehlenden Fremdsprachenkenntnisse, die die Frankfurter Arbeitsvermittler als einen Grund für die Probleme bei der Stellensuche anführen, lassen auch nicht alle gelten. Der heutige Abteilungsleiter für Forschung, Berufsbildung und Fertigungstechnik beim ZVEI, Dr. Bernhard Diegner, glaubt, dass viele im Westen damals auch kein besseres Englisch vorweisen konnten. Diegner, der selbst erst einmal eineinhalb Jahre arbeitslos war, entschied sich für mehr Mobilität und verließ „zwar äußerst ungern“, aber eben gezwungenermaßen Berlin, um im Westen anzuheuern. Doch der Mikroelektroniker hatte auch dort Pech: „In meinem Fach gab es damals gerade eine Konjunktur-Delle im Westen.“ Statt im Halbleiter-Bereich fand er seine heutige Stelle beim ZVEI, und nur manchmal weint er noch der „praktischen Arbeit eine kleine Träne nach“. Dass viele seiner Berufskollegen den Sprung in die Parlamente geschafft haben, ist für den Verbandsfunktionär heute manchmal sehr positiv. Der stark technisch besetzte sächsische Landtag habe mit dafür gesorgt, dass dieses Bundesland wirtschaftlich gut da stehe: „Da sitzen Leute, die Bescheid wissen.“ Dem Bundestag mag er dieses allerdings so nicht bescheinigen: „Da gehen die Techniker noch in der Masse unter.“ Die 39-jährige Bundestagsabgeordnete Petra Bierwirth bekommt öfter schon mal ein Lob von externen Gesprächspartnern, weil „man was von der Sache versteht“. Die SPD-Frau, die ihr Diplom in Automatisierungstechnik an der TU Dresden gemacht hat, war vor der Wiedervereinigung bei den Berliner Wasserbetrieben. Die politische Karriere war „eher Zufall“. Gestartet ist sie in der Kommunalpolitik, kam 1994 in den Brandenburger Landtag und sitzt seit der Wahl im vergangenen Jahr im Bundestag. Es hat ihr „Spaß gemacht, etwas anderes anzufangen“, doch andererseits kann sie sich auch heute vorstellen, „ich könnte wieder etwas Handfestes arbeiten“. Ihren Dipl.-Ing. verdankt Bierwirth ebenfalls der DDR-Ausgrenzungspolitik. Ihre Eltern gehörten zur unerwünschten „Intelligenz-Elite“. So absolvierte sie erst einmal eine Facharbeiterausbildung und hat „Steuerschränke verdrahtet“. Abitur und Studium folgten nach der betrieblichen Praxis. Der Weg vieler Ingenieure in die Politik ist für den Freiberufler Hoppe aus vielen Gründen nachvollziehbar. Gerade im Osten werde der Status und das Einkommen eines Abgeordneten sehr hoch eingeschätzt. Es sei eben ein Unterschied, ob sich eine Führungskraft von Siemens mit einem stattlichen Einkommen um ein solches Mandat bewerbe oder ein Ost-Ingenieur mit den Chancen auf ein Ost-Gehalt, meint der sächsische VDI-Vorsitzende. Auch das Risiko, das mancher Westler bei einem solchen Mandat nicht eingehen mag, wird im Osten geringer eingeschätzt. Für den heutigen Kultusminister Rößler stand die Frage nach dem Risiko nicht im Vordergrund. Er hätte sich nach der Wiedervereinigung auch genau so gut in den Wissenschaftsbetrieb einer Universität eingliedern können: „Dann hätte ich vermutlich heute eine C4-Professur und könnte auf den Namen meiner Frau noch eine kleine Firma anmelden“, schätzt er mit einem Schuss Ironie seine Chancen ein. Doch mit Rößlers Engagement in der heute fast vergessenen Partei „Demokratischer Aufbruch“ kamen die politischen Angebote. Im Jahr Eins der Wiedervereinigung saß er schon im sächsischen Landtag und war Sprecher für Wissenschafts- und Hochschulpolitik der CDU-Fraktion. Vier Jahre später, im Oktober 1994, kam die Ernennung zum Kultusminister, zuständig für Schule, Jugend und Sport. Ein nachvollziehbarer Werdegang für ihn, denn „die Naturwissenschaftler waren weitgehend politisch unbelastet“. BIRGIT BÖHRET

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  • Birgit Böhret

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