Karriere 17.08.2001, 17:30 Uhr

Wenn Restrisiko in der Luft liegt

Ein Boot, eine Sommernacht und rund 700 Gäste aus der Onlinebranche. Viel mehr braucht es nicht, um eine gute Party zu feiern. Vom hoffnungsvollen Enterprise-Motto „Beam me up!“ auf der dritten Mainhattan Boat Party war letzte Woche allerdings wenig zu spüren.

Die Mainhattan Boat Party gehört inzwischen zum festen Termin der Internetbranche aus der ganzen Republik – auch ohne Intels, Nokias und Yahoos. Wie jedes Jahr lud Sponsor Adtech zusammen mit dem Multimedia Kreativzentrum Hessen „mk h“ am Donnerstag letzter Woche nach Frankfurt. „Vor allem Geschäftsführer und obere Managementebene“, so Dirk Freytag, Pressesprecher bei Adtech.

Auffallend: Unter den 840 Zusagen sind kaum Dotcoms und kaum Venture-Capital-Gesellschaften wie noch im letzten Jahr. Dafür umso mehr Internetdienstleister, Multimediaagenturen und Online-Werbevermarkter.

Kleine Trauben in Business-Anzügen drängen sich schon gegen 19 Uhr um die Empfangszelte am Mainufer, direkt am Eisernen Steg. Niemand erscheint im Enterprise-T-Shirt. Gedämpfte Stimmung bei der Anmeldeprozedur, denn gerade prasselt ein Schauer über die Wartenden. Wenn das mal kein schlechtes Zeichen ist für die gebeutelte Branche und den Verlauf des Abends. Kein Vergleich zum letzten Jahr, als bereits am Ufer jeder in ausgelassen-euphorischer Stimmung zum Fotoshooting im BMW-Sportwagen Z 8 posierte.

Kurz vor Abfahrt um 20 Uhr reiht sich Uwe Frers, Vorstand beim Berliner Finanzportal Gatrixx, in die Warteschlange ein. Drei Tage Kundentour in Hamburg, Düsseldorf/Köln und Frankfurt hat er hinter sich. Knapp geschafft. Der letzte Termin hat länger gedauert als geplant. Ja, „etwas abgekämpft“ sei er schon, zudem kein Partyhengst.

„Spaßfaktor ist aber nur die eine Sache bei solchen Events“, erklärt Frers beim Eintauchen in den Schiffsbauch. Statt Prosecco ordert er Cola bei einer der Bedienungen im Enterprise-Look. Jetzt in der Krise, gehe es hier noch mehr darum, Kunden zu treffen und persönliche Kontakte zu pflegen.

Krise, das Thema Nr. 1 auf der diesjährigen Mainhattan Boat Party? Ach, nein. „Aber man merkt momentan in der ganzen Szene latente Resignation“, ringt Frers mit Worten. „Keine Hoffnungslosigkeit, aber die Frage, wie soll es eigentlich weitergehen, steht bei vielen im Raum.“ Sanft verpufft der Satz in allgemeiner Plauderstimmung auf dem Oberdeck mit Blick auf die Frankfurter Skyline.

„Vater werden ist auch ein hochspannendes Projekt“, tönt es von links. „Ich muss den Staatssekretär heute Abend beackern, damit wir weitergefördert werden“, von rechts. Immerhin hat es aufgehört zu regnen, als es um kurz nach 20 Uhr heißt – „Leinen los“.

Aber auch während der gemächlichen Fahrt mainabwärts, vorbei am Museumsufer, alten Speichergebäuden bis zum Höchstgelände hängt das Krisenthema in der Luft. Vielleicht liegt es an Frankfurt. Hier gab es mal zwei Gatrixx-Töchter. Den „unglaublich defizitären“ Internet-Börsensender Gatrixx-TV, für den im Januar schon das Aus kam, und den Mainvestor, ein Börsenbrief für Wachstumswerte, der gerade erst eingestellt wurde.

Jetzt seien so Frers, der aus dem Verlagsgeschäft kommt und erst im November 2000 zur New Economy stieß, Handwerk und Sanierungskonzepte gefragt. „Alles, was nichts mit unserem Kerngeschäft zu tun hat, haben wir eingestellt und rund 20 Leute entlassen.“ Darüber hinaus drei weitere Finanzseiten zu „Gatrixx-finanztreff.de“ zusammengefasst. Beibehalten wurde nur die so wichtige IT-Tochter, die zusammen mit verstärkter Produktmanagement- und Vertriebsmannschaft mehr Lizenzkunden für Kursinformations- und Portfolio-Managementsysteme sowie Termindatenbanken samt redaktionellem Inhalt gewinnen soll. Um jeden Preis heißt Frers Motto „weg vom hoch volatilen Werbemarkt“, der noch knapp 50 % bei Gatrixx ausmacht.

Die andere Hälfte der Erlöse kommt von rund 20 Lizenzkunden wie der Consors Discount Broker AG, der BHF Bank oder Nexgo, dem Endverbraucherportal von Arcor, Germany.net und Otelo. Das reicht aber nicht. Zwar seien 81 % des angepeilten Umsatzes für 2001 schon drin. Dennoch liegt die Frage auf dem heiß umkämpften Markt der Finanzportale auf der Hand. Wer übersteht die Krise? Und vor allem wie?

September ist ein markantes Datum für den 33-jährigen Frers. Dann werde die zweite Finanzierungsrunde abgeschlossen mit einer nochmaligen Kapitalerhöhung des bisherigen Finanziers United Internet AG. Dann sollen auch die Verhandlungen mit einem von mehreren strategischen Investoren abgeschlossen sein. Und wenn beides nicht klappt? „Dann haben wir ein Problem“, sagt der Betriebswirt nüchtern und leise. Schiebt sofort nach, dass bisher alle Zahlen trotz enorm schlechtem Gesamtumfeld eingehalten wurden. Kein schönes, aber ein nahe liegendes Partythema.

Erneut beginnt es zu tröpfeln, drangvolle Enge unter dem Kleinstvordach der Bar auf dem Oberdeck. Gerade jetzt meint Miss Spoke, die Bedienung in gelbem Enterprise T-Shirt, keine Getränke mehr ausgeben zu müssen und schließt die Bar. Nur kurz dauert die Meuterei. Selbst ist die New Economy wie in ihren besten Tagen. Nach Sekunden übernimmt ein Gast das Ausschenken, fragt lachend: „Was hätten Sie gerne, meine Herrschaften?“

Uwe Frers will Runden ziehen, denn gleich legt das Schiff wieder an. Wer weiß, wie viele dann das Partyboot schnell verlassen. Auf dem inzwischen stickigen Zwischendeck trifft er eine Riege von Doubleklick-Managern aus Frankfurt und Hamburg – „unser Online-Werbevermarkter“. Kurzer Talk über die neue Online-Werbeform „Wasserzeichen“. Seit ein paar Tagen wirbt T-Online ganzseitig im Hintergrund der redaktionellen Seiten www.de.internet.com, einer Gatrixx-Tochter. Wegklicken geht nicht. War noch im letzten Jahr große Experimentierfreude bei Agenturen wie Kunden da, wenn es um technisch wie kreativ neue Lösungen im Web ging, brach im Jahr 2001 der rasende Stillstand an.

Grund genug für ein Leuchten in den Augen, als Frers einem Frankfurter Agenturkollegen und Finanzspezialisten das T-Online-Wasserzeichen an einem der zwölf Online-Rechner zeigt.

Trotzdem: Nichts kann über 50 % Schwund an Reichweite bei allen Finanzportalen hinweg täuschen. Bei Gatrixx heißt dies absolut: Von 72 Mio. Seitenabrufen pro Monat noch im Januar auf 36 Mio. derzeit. „Die Talsohle war im Juli, wir launchen ein neues Produkt im September“, hält Frers an seiner Nach-vorne-Strategie fest. Ab dann können sich Gatrixx-Kunden Portfolios, Kurse und Marktberichte per SMS schicken lassen. Ein Erlös-Tropfen auf den heißen Stein? Frers verneint. Immerhin gebe es 210 000 registrierte und „grob geschätzt eine halbe Million nicht registrierte Nutzer“, für die die IT-Abteilung längst die passenden Faktursysteme entwickelt habe. Auch zwei Lizenzkunden seien schon im Boot.

Damit verschwindet Frers an die Bar am Rande der Tanzfläche, wo sich die meisten Partygäste um Mitternacht tummeln. Merklich hat sich das Boot geleert. Blauschimmernd liegt es wie ein gelandetes Ufo am Eisernen Steg. Vielleicht im nächsten Jahr wieder – unter ganz neuen Vorzeichen auf dem Main. Niemand will eine Prognose abgeben, wo das Internetgeschäft dann steht und wie viele der Anwesenden dann noch zur New Economy zählen. NIKOLA WOHLLAIB

Die MS Enterprise

Köln ist eigentlicher Heimathafen der 60 m langen MS Enterprise mit gewaltigem Ufo-Vordach auf dem Vorderdeck. Von dort schipperte das futuristische Partyschiff mit Doppelmotoranlage und einer Antriebsleistung von 1116 kW/PS über Rhein und Main nach Frankfurt. Zur Hightech-Ausstattung gehört eine raffinierte Lichtanlage, die u. a. mit 6000 Leuchten einen Sternenhimmel zaubert. Im Space-Café stehen Play-
stations, Touchscreen-Terminals, aber auch ganz irdisch noch ein Kicker. Livestreaming wie in den letzten Jahren gab es auf der diesjährigen Mainhattan Boat Party allerdings nicht: zu anfällig und zu teuer ist die Übertragung mit Kameras per Richtfunk über Antenne auf dem Oberdeck und am Ufer. Im Minutentakt müssen Techniker die Antenne während der Fahrt ausrichten. Denn unterquert das Boot Brücken oder schwankt, reißt die Verbindung unweigerlich ab. „Eigentlich wollten wir Seekabel verlegen“, kommentiert Yvonne Lorch, technische Assistentin beim Frankfurter City-Carrier Mainova Telekommunikation GmbH, die diesjährige abgespeckte Online-Lösung auf der Party mit heftigem Augenzwinkern. Nur am Anleger konnten die Partygäste auf 12 Rechnern surfen, E-Mails abfragen und sich durch Firmenpräsentationen klicken. nw

Stellenangebote im Bereich Verwaltung

TÜV NORD CERT GmbH-Firmenlogo
TÜV NORD CERT GmbH Freiberufliche Auditoren*Auditorinnen (m/w/d) deutschlandweit
Landeshauptstadt München-Firmenlogo
Landeshauptstadt München Bauingenieur*in / Umweltingenieur*in als Betriebshofleitung (m/w/d) München
Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft Aktiengesellschaft in München-Firmenlogo
Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft Aktiengesellschaft in München Underwriter for Engineering CAR/EAR (Contractors/Erection – All Risks) (m/f/d)* München
VDI Technologiezentrum-Firmenlogo
VDI Technologiezentrum Betriebswirt / Verwaltungswirt (w/m/d) für die Forschungsförderung Düsseldorf
Landesamt für Bauen und Verkehr-Firmenlogo
Landesamt für Bauen und Verkehr Bauingenieur*in / Architekt*in im Bautechnischen Prüfamt Cottbus (Homeoffice möglich)
Deutsche Sporthochschule Köln-Firmenlogo
Deutsche Sporthochschule Köln Technischer Sachbearbeiter / Technische Sachbearbeiterin (w/m/d) (2105-nwMA-D4) Köln
Stadt Ahlen-Firmenlogo
Stadt Ahlen Stadtbaurat*rätin / Technische*r Beigeordnete*r Ahlen
Technische Universität Darmstadt-Firmenlogo
Technische Universität Darmstadt Bibliotheksreferendar_in (w/m/d) Darmstadt
Stadt Ratingen-Firmenlogo
Stadt Ratingen Bautechnikerin / Bautechniker (m/w/d) der Fachrichtung Straßenbau Ratingen
Eisenbahn-Bundesamt (EBA)-Firmenlogo
Eisenbahn-Bundesamt (EBA) Ingenieurin / Ingenieur (m/w/d) Hannover

Alle Verwaltung Jobs

Top 5 Arbeitsmar…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.