Erfahrung 15.10.2010, 19:49 Uhr

Wenn Berufserfahrung zum Manko wird

Unternehmen suchen meist erfahrene Mitarbeiter. Doch Berufserfahrung kann in gewisser Hinsicht auch schädlich sein: Oft genug steht Bewerbern um eine neue Stelle die langjährig gesammelte Expertise im Weg, was besonders ältere Führungskräfte auf Jobsuche erfahren müssen. Ein Problem, dem beizeiten gegengesteuert werden sollte.

Veränderungswillige Fach- und Führungskräfte finden sich oft unverhofft in einer verkehrten Welt wieder. Wie weit Anspruch und Wirklichkeit von Stellenanzeigen auseinander klaffen können, erleben die Klienten der Karriere- und Outplacementberaterin Jutta Boenig immer wieder.

Etwa im Falle des Ingenieurs, der nach 20 Jahren in einem Unternehmen seine Stelle aufgeben muss, sich aber schon in einer neuen Position bei einem anderen Brötchengeber wähnt. Ein Jobwechsel dürfte problemlos sein, denkt er – bei seiner Berufserfahrung! Doch der Mann merkt schnell: Die steht ihm jetzt im Weg. Wie kann das sein?

„Zwar wird in Ausschreibungen immer Berufserfahrung gefordert, doch die soll zum einen möglichst günstig zu haben und zum anderen exakt auf die zu besetzende Stelle zugeschnitten sein“, berichtet Jutta Boenig. Und damit fangen die Probleme an.

Selbst wenn der Sprung in den neuen Job glückt, lauern dort neue Fallstricke, weiß die Beraterin, etwa, wenn der Neue mit dauerndem „Wir haben das früher immer so gemacht“ seine Kompetenz unter Beweis stellen möchte, was auf Widerstände stößt und mitnichten der richtige Weg für die Anforderungen der neuen Aufgabe sein muss. „Berufserfahrung ist ein zweischneidiges Schwert“, bemerkt Boenig. „Auch wenn besonders in technischen Berufen Fachkräfte händeringend gesucht werden, ist es nach wie vor schwierig, ältere erfahrene Mitarbeiter neu zu platzieren“, sagt sie.

Eine Erklärung dafür liefert eine Studie des Fisher College of Business der Ohio State University, nach der Berufserfahrung sehr oft eben nicht zu kurzen Einarbeitungszeiten und Mehrwert für Unternehmen führt. Zwar wurden für die Studie rund 800 Call-Center-Angestellte eines großen Versicherungsunternehmens im Hinblick darauf untersucht, wie sich Erfahrene und eher Unerfahrene schlagen, doch die Ergebnisse sind auch auf höher qualifizierte Jobs übertragbar.

Es zeigte sich, dass festgefahrene Angewohnheiten, die nicht zur neuen Stelle passen, generell zu einer schweren Hypothek werden können. „Manager neigen gern zu der Annahme, dass neue Angestellte mit einschlägigen Erfahrungen nicht so viel Anleitung brauchten wie unerfahrene Angestellte“, bemerkt Steffanie Wilk, Professorin für Management und Human Resources, in der Studie.

„Doch erfahrene Angestellte benötigen unter Umständen noch mehr Hilfestellung“, hat Wilk herausgefunden. Grund: Erfahrene Kräfte müssten erst mal ineffektive Angewohnheiten aus dem alten Job abstreifen und mühsam lernen, wie sie für den neuen Arbeitgeber die beste Leistung bringen. Die Untersuchung zeigte, dass sich eher unerfahrene Mitarbeiter am schnellsten an die geforderte Arbeit gewöhnten.

Ein Befund, den Wirtschaftspsychologe Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Universität München bestätigt: „Wir wissen aus den psychologischen Lerntheorien, dass eine Arbeit dann oft schneller erledigt werden kann, wenn man ‚unbelastet’ ist.“

Oft sei Neulernen in der Tat besser als Umlernen. Ein Effekt, der sich umso stärker zeige, wenn die bisherige Berufserfahrung Gewohnheiten und Automatismen erzeugt habe, die bewirken, dass man nicht „in neuen Ufern denkt“ beziehungsweise diese gar nicht erst anstrebe. Ob dabei der gesammelte Erfahrungsschatz hinderlich wirkt, hänge von „der Kunst zu reflektieren“ ab.

Von Antworten auf Fragen wie diesen: Wo kann ich mein Wissen tatsächlich anwenden? Was bringt mir dafür meine bisherige Erfahrung? Wo behindert mich meine Expertise vielleicht, weil Neues gefragt ist? Wo muss ich ganz anders denken? „Man muss begreifen, dass der Erfolg von früher der erste Schritt zum Misserfolg heute und morgen sein kann“, fasst Frey zusammen. Es geht darum, sich intensiv und selbstkritisch mit der eigenen Berufslaufbahn auseinanderzusetzen und darum, ob das Wissen tatsächlich noch auf dem Stand der Dinge ist.

Beraterin Boenig sagt: „Gerade in technischen Berufen muss man raus aus der Komfortzone und daran arbeiten, auf dem Laufenden zu bleiben.“ Was vor Jahren gut und richtig war, muss es längst nicht mehr sein und damit die Meriten, die man sich damit verdient hat. Zeugnisse, auch das des letzten Arbeitgebers, sind nur bedingt aussagefähig.

Daher müssen sich Erfahrene völlig anders bewerben als Berufsstarter. Branchenkenntnis und Fachwissen hervorzukehren ist im Bewerbungsprozess zwar wichtig, wichtiger ist aber, praktische Probleme und deren Lösung prägnant zu schildern, wodurch anschaulich wird, über welche Kompetenzen der Aspirant verfügt und ob sie zum Jobprofil passen. Dazu rät der Ludwigshafener Personalberater Frank Adensam.

Damit diese Präsentation zu keinem Manifest der Verkrustung gerät, hält es Adensam für hilfreich, sich beizeiten im Berufsleben neue Herausforderungen zu suchen: „Nach fünf Jahren sollte man sich kritisch fragen, ob es Zeit für eine Veränderung wird.“ Wer zu lange auf einer Position klebt, dessen Erfahrungsschatz werde dann unter Umständen zum Manko. Das beste Präventionsprogramm ist demnach, für Bewegung in der Berufsbiografie zu sorgen.

Wirtschaftspsychologe Frey meint: „Wichtiger als Erfahrung und Alter ist die geistige Flexibilität und die Bereitschaft, immer wieder neu anzufangen und neu dazuzulernen.“ CHRIS LÖWER

Ein Beitrag von:

  • Chris Löwer

    Chris Löwer arbeitet seit mehr als 20 Jahren als freier Journalist für überregionale Medien. Seine Themenschwerpunkte sind Wissenschaft, Technik und Karriere.

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