Arbeitsmarkt 27.08.2004, 18:32 Uhr

Vorwärts in die Vergangenheit

VDI nachrichten, Düsseldorf, 27.8.04 -Fast 150 Jahre dauerte es, bis die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit der deutschen Arbeitnehmer seit 1825 von über 80 Stunden auf unter 40 Stunden gesunken war. Signalisiert die aktuelle Debatte um längere Arbeitszeiten nun einen endgültigen Wendepunkt?

Es ist wieder so weit“, kommentierte Oskar Negt, einer der profiliertesten deutschen Soziologen, kürzlich die Diskussionen um verlängerte Arbeitszeiten, und meinte damit die Re-Integration der gesamten Lebensverhältnisse in den Arbeitstag.
1889, als erstmals der Acht-Stunden-Tag gefordert wurde, sprachen die Arbeiter von einer Dreiteilung der Lebenszeit: acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit, acht Stunden tätige Ruhe. Doch die Unternehmer vertraten im 19. Jahrhundert mit Ausnahme von Sozialreformern wie Friedrich Harkort oder später Ernst Abbé den Herr-im-Hause-Standpunkt. So betonte 1870 der „Oberschlesische Berg- und Hüttenmännische Verein“, dass Zeit und Arbeit der Arbeiter dem Arbeitgeber und dessen Kunden gehörten, und wer gegen diesen Grundsatz verstoße, sei – so die „Deutsche Industrie-Zeitung“ – „ein Zeit- und Arbeitsdieb.“
Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Acht-Stunden-Tag mit 48 Wochenstunden zum gesetzlichen Normalarbeitstag erklärt. Zuvor, seit Beginn der Industrialisierung um etwa 1850, sanken zwar insgesamt in einem langwierigen Prozess die täglichen und wöchentlichen Arbeitszeiten, aber dabei gab es starke örtliche und branchenbedingte Differenzierungen.
Mitte der 1880er Jahre hatten beispielsweise die Arbeiter in den Hochofenbetrieben der westdeutschen Eisen- und Stahlindustrie eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 70 bis 77 Stunden mit ständigen Sonntagsschichten. In der Chemischen Industrie hingegen war der Sonntag im 14-Tage-Rhythmus frei, die Wochenarbeitszeit betrug zwischen 66 und 70 Stunden.
In der Weimarer Republik gab es neben Arbeitszeitverkürzungsmodellen zur Senkung der Arbeitslosigkeit gleichzeitig Industriezweige, in denen mehr als 48 Stunden in der Woche gearbeitet wurde. Die Argumente für und gegen längere Arbeitszeiten zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit waren im Prinzip die selben wie heute.
Die Nazis begrenzten dann 1933 die Arbeitszeit bei Notstandsarbeit und Niedrigstlöhnen auf 40 Wochenstunden, bestätigten 1938 den Acht-Stunden-Tag als Regel, um dann 1939 Arbeitsrecht und Arbeitsschutzbestimmungen der Kriegswirtschaft anzupassen.
An die Gründerzeit der Bundesrepublik, als Leidensfähigkeit und Opferbereitschaft der Beschäftigten die Grundlage für Erfolg und Wohlstand des Landes legten, erinnern heute viele Befürworter längerer Arbeitszeiten, denn auch jetzt sei wieder mehr Engagement und Einsatz gefragt. So wie 1953, als die durchschnittliche Wochenarbeitszeit immer noch 48 Stunden betrug. Doch ist der Vergleich mit den 50er Jahren überhaupt angebracht?
Es ergebe keinen Sinn, die heutige Situation mit den 50er und frühen 60er Jahren zu vergleichen, sagt dazu Werner Abelshauser, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Bielefeld: „Damals waren ganz andere Märkte und andere Rahmenbedingungen gegeben. Die Produktivität war sehr hoch und man konnte den Kapitalstock voll nutzen, indem möglichst lange gearbeitet wurde.“ Im Vergleich dazu sei der Faktor Arbeit heute längst nicht mehr so bedeutend.
1955 startete der DGB das Aktionsprogramm für die 5-Tage-Woche mit 40 Arbeitsstunden bei vollem Lohnausgleich mit dem Slogan „Samstags gehört Papi mir“. Gefordert wurde auch längerer Jahresurlaub und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für Arbeiter. In drei Stufen, bis 1967, gelang es dann der IG Metall, die 40-Stunden-Woche durchzusetzen, aber erst 1975 galt die 40-Stunden-Woche z. B. auch im Öffentlichen Dienst. Zehn Jahre nach Einführung der 40-Stunden-Woche setzte der Gewerkschaftstag der IG Metall 1977 zum ersten Mal die 35-Stundenwoche auf die Tagesordnung. Diese Forderung bestimmte dann über zwanzig Jahre die Tarifpolitik der Bundesrepublik, bis zum Streikdesaster der IG Metall in den neuen Bundesländern im vergangenen Jahr.
Für Hartmut Seifert, Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut in der Hans Böckler Stiftung, geht es bei der jetzigen Forderung nach Arbeitszeitverlängerung nur vordergründig um die Zeit. „Es geht im Kern um Lohnsenkung, und das Raffinierte an der Sache ist, dass diejenigen, die diese Forderung aufstellen, ganz genau wissen, dass ein Großteil der Menschen mit der Zeit großzügiger verfährt als mit dem Geld – obwohl Zeit für den einzelnen Menschen vermutlich sehr viel begrenzter ist.“
„Wir erleben jetzt, dass einzelne Akteure glauben, die Verteilung eindeutig zu ihren Gunsten korrigieren zu können,“ konstatiert Werner Abelshauser. Dabei gehe es der deutschen Wirtschaft trotz der schwachen Binnennachfrage nicht wirklich schlecht, zeigten die Exportzahlen doch ihre außerordentliche Wettbewerbsfähigkeit. Jedermann scheine aber zu glauben, es würde immer schlechter werden. Und in dieser Situation falle es Unternehmen leicht, Forderungen zu stellen, die unter anderen Voraussetzungen geradezu verlacht worden wären.
So galten in den 80er Jahren die Frühverrentung und die Verkürzung der Wochenarbeitszeit als probate Mittel, um Arbeit als knapper werdendes Gut möglichst gerecht zu verteilen. 1993 hatten sich die Volkswagen AG und die IG Metall sogar erstmals im größerem Rahmen auf eine Vier-Tage-Woche (28,8 Stunden) geeinigt – ohne vollen Lohnausgleich.
Die These, dass die Arbeit ausgehe und deshalb gerechter verteilt werden müsse, leuchtete Professor Hans-Jörg Bullinger, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, aber noch nie ganz ein. „Es fehlt doch in unserer Gesellschaft nicht an Arbeit. Es fehlt an bezahlbarer Arbeit und an Modellen, mit der Arbeit umzugehen, wie das Beispiel des riesigen Marktes für Schwarzarbeit zeigt.“ Insgesamt, glaubt Bullinger, werden die Arbeitszeiten überbewertet. „Wir haben geglaubt, wenn wir die Arbeitszeiten verkürzen, dann hätte das einen Effekt auf die Anzahl der Arbeitsplätze. Diese Sichtweise hat den Blick darauf verstellt, dass wir uns stärker um das Innovationspotenzial kümmern und neue Arbeitsplätze schaffen müssen. MANFRED BURAZEROVIC

 

  • Dr. Manfred Burazerovic

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